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Er funktionierte nie

Der Grafiker Rudolf Grüttner über Zeitenwende und Wendezeiten

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Wer dieses Buch lesen möchte, wird es nicht leicht haben, es auf dem Büchermarkt zu finden. Die Medien verschwiegen es bisher. Dabei ist es eines der wichtigsten, besten und schönsten Bücher, die ich in den vergangenen Jahren in die Hand bekam. Ich bekenne dies, obwohl ich wahrlich nicht zu Superlativen neige. Es ist wichtig, weil bisher kaum ein Buch erschien, das einen so umfassenden Überblick über die bildende Kunst der DDR bietet, obwohl der Autor in erster Linie Gebrauchsgrafiker ist.

Zweitens ist der Verfasser nicht nur ein perfektionistischer Künstler, wovon die zahlreichen Abbildungen bezeugen, sondern ebenso ein akribischer Autor, der zudem flüssig schreiben und erzählen kann. Rudolf Grüttner hat viel zu erzählen. Kein Wunder bei einem so reichen Leben, das auch nicht gerade arm war an Auseinandersetzung mit der SED-Führung wie im Verband der Bildenden Künstler der DDR, dessen Vizepräsident er war. Als Rektor der Kunsthochschule Berlin-Weißensee hatte er maßgeblichen Anteil an der Entwicklung der bildenden Kunst in der DDR. In seinem Rückblick werden die Zeitenwende und Wendezeiten wieder lebendig. Drittens ist dieses Buch großartig gestaltet, wie es heute selten ist. Es bietet auch visuellen Genuss. Und ich gestehe, dass sich meiner beim Lesen und Betrachten der Illustrationen mitunter nostalgische Gefühle bemächtigten. Nicht zu verwechseln mit DDR-Nostalgie, die einstige Indoktrination der SED-Führung gegenüber der Kunst und die Gängelung selbstbestimmter Künstler verklärt. Solches lässt Grüttners Geschichte nicht zu.

Seine Erinnerungen und seine Arbeiten belegen das hohe und professionelle Niveau der bildenden Kunst in der DDR. Ob bei Theater- oder sogar politischen Plakaten, bei Ausstellungsgestaltung, Buchgestaltung, beim Schallplattendesign oder selbst bei Briefmarken - mich mich packte die Sehnsucht, angesichts Kreativität und Fantasie. Wie viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene waren in der DDR begeisterte Briefmarkensammler? Ich gehörte dazu. Und das hatte seinen Grund. Im heutigen Deutschland gibt es keinen Anreiz mehr, aktuelle Briefmarken zu sammeln. Zu langweilig und einfältig deren Motive. Grüttner gestaltet übrigens immer noch Briefmarken, die auch gedruckt werden, jedoch im Posthandel kaum erhältlich sind.

Das Buch ist konsequent chronologisch aufgebaut. Es beginnt mit Grüttners Kindheit in einer Proletarierfamilie und im von Nazis dominierten Schlesien. Dem Autor blieb dank des mutigen Einsatzes seines Vaters und dessen Freunden die Aufnahme in eine »Nationalsozialistische Erziehungsanstalt« (Napola) erspart. 1945 musste die Familie westwärts ziehen, landete in Bayern und übersiedelte dann in die Sowjetische Besatzungszone. Es folgten Lehre und Studium. Grüttners Schilderungen des Studentenlebens in Berlin sind amüsant wie aufschlussreich. Mehr als zwei Drittel des Buches befassen sich aber selbstverständlich mit seiner künstlerische Tätigkeit und seinen politischen Aktivitäten, darunter als Vorsitzender des Berliner Bezirksvorstandes des Verbandes der Bildenden Künstler sowie in der Bezirksleitung der SED.

Ein Funktionär war Grüttner nie. Er funktionierte nicht, blieb sich selbst, der Kunst und der künstlerischen Freiheit treu. Was dies bedeutete, welche Niedertracht man aushalten und überwinden musste, lässt sich detailliert und mit vielen emotionalen Bedrückungen in seinem Buch nachlesen. Ich kann es nur wärmstens zur Lektüre empfehlen.

Rudolf Grüttner: Zeitenwende. Wendezeiten. Erinnerungen. Stiftung Plakat Ost, 372 S., 427 Abb., geb., 40 €; erhältlich im Buchhandel oder über E-Mail: post@rudolf-gruettner.de

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