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Frühkindlicher Trialog

In Moabit entsteht ein Kita-Haus für Kinder aus jüdischen, muslimischen und christlichen Familien

  • Von Stefan Otto
  • Lesedauer: 4 Min.

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Das Vorhaben ist ein Experiment. In Moabit soll ein Haus für drei Kitas entstehen, in das Kinder aus jüdisch, christlich und muslimisch geprägten Familien gehen. Wie Nachbarn in einer Hausgemeinschaft werden die Einrichtungen miteinander verbunden sein, in gegenseitiger Verantwortung und in Freundschaft zueinander. Iman Andrea Reimann vom Deutschsprachigen Muslimkreis (DMK) Berlin ist eine der Initiatorinnen des Projekts. Ihr ist es ein Anliegen, Kinder früh mit anderen Religionen in Verbindung zu bringen. »Umso leichter fällt es ihnen dann nämlich, unbefangen mit Menschen umzugehen, die einen anderen Glauben haben«, erklärt die Imamin.

Wie wichtig eine Verbesserung des Verständnisses zwischen den Religionen ist, zeigt eine Reihe von Vorfällen aus den vergangenen Monaten. Im Frühjahr etwa hatte ein 14-jähriger Junge aus einer jüdischen Familie seine Gemeinschaftsschule in Friedenau verlassen, weil er von seinen muslimischen Mitschülern wegen seiner Religion diskriminiert worden war.

Gesa Ederberg, Rabbinerin der Synagoge in der Oranienburger Straße, versucht, bei solchen interreligiösen Konflikten zu vermitteln, indem sie das Gemeinsame der Konfessionen betont. »Wenn wir die drei großen Religionen aufs Wesentliche konzentrieren, dann werden sie ganz ähnlich«, sagt sie. »Sie alle haben nämlich im Kern eine friedliche Botschaft. Diese ist eine sehr menschliche. Dass wir einander nämlich so begegnen, wie wir selbst behandelt werden möchten.«

In der Drei-Religionen-Kita sollen die Glaubensrichtungen aber keineswegs reduziert und gleichgemacht werden, betont sie. »Wir wollen keinen Mischmasch, bei dem es auch drei Muslime und fünf Juden in der Gruppe gibt«, erläutert Ederberg. Die evangelische Pfarrerin Silke Radosh-Hinder pflichtet ihr bei: Jede Kita in dem Projekt brauche Raum, um sich entfalten zu können. Dafür sieht das pädagogische Konzept drei voneinander getrennte Kitas mit jeweils 45 Kindern vor. Darüber hinaus soll es gemeinsam genutzte Bereiche wie ein Familiencafé oder eine Bibliothek geben, um in einen interkulturellen und interreligiösen Austausch zu kommen. Auch das Außengelände teilen sich die Einrichtungen.

Hinter dem Projekt stehen der Evangelische Kirchenkreisverband Berlin Mitte-Nord, der jüdische Masorti-Verein sowie der DMK Berlin. Jeder der drei Träger steuert 1,5 Millionen Euro für die Baukosten bei. Zudem gibt es einen gemeinsamen Förderverein. Den genauen Ort für das Kita-Haus wollen die Initiatorinnen noch nicht bekannt geben, weil der Kauf noch nicht endgültig abgeschlossen sei, sagt Radosh-Hinder. Die Planung ist aber bereits fortgeschritten. Wenn alles klappt, soll 2019 mit dem Bau begonnen werden, zwei Jahre später könnten dann die Einrichtungen ihre Arbeit aufnehmen.

Wie wenig eine interreligiöse Ausrichtung in Kindergärten bislang eine Rolle spielt, hat die Imamin Reimann schon häufiger erfahren. Wenn vor allem in städtischen Kitas versucht werde, den Islam zu thematisieren, dann sei das »oft nicht erwünscht und wird nicht gefördert, selbst wenn es dort Kinder aus muslimischen Familien gibt«, ärgert sich die Imamin, die selbst die interkulturelle Kita »Regenbogen Kidz« in Charlottenburg leitet.

Auch Ederberg sieht einige Hürden für das jüdische Leben in einer christlich geprägten Gesellschaft. In der Adventszeit stellt sie sich oft die Frage: »Wie können wir als Minderheit Chanukka feiern, sodass wir uns auch wohlfühlen?« An jedem Abend des acht Tage währenden Lichterfests wird eine Kerze mehr am Chanukka-Leuchter angezündet - zum Gedenken an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem. »Mit jeder angezündeten Kerze erhalten die Kinder ein Geschenk«, erzählt die Rabbinerin.

In der Drei-Religionen-Kita sollen die religiösen Feste zunächst in der eigenen Einrichtung gefeiert werden, die sich dann aber für die anderen Kinder auf dem Campus öffnet. »Es soll so sein, als wäre man bei Freunden eingeladen«, sagt Radosh-Hinder. So können die Kinder erleben, was die Feste für die anderen bedeuten. Sie sollen lernen, auch andere Traditionen zu respektieren und als Bereicherung anzunehmen.

Ederberg kann sich zudem vorstellen, dass alle drei Kitas einige Feste gemeinsam vorbereiten. Neujahr würde sich dafür anbieten, findet die Rabbinerin, wenn die Juden Rosch Haschana feiern, bei dem Honig eine große Rolle spielt, weil das kommende Jahr auch ein süßes werden soll. »Dann könnte auch in den anderen Gruppen Bienen ein Thema sein«, schlägt Ederberg vor und stößt damit auf Wohlwollen bei ihren Mitstreiterinnen.

Noch sind dies nur Überlegungen. »Um das Projekt mit Leben zu füllen, müssen wir alle unsere tief liegenden Vorurteile abbauen«, ist sich Radosh-Hinder sicher. »Das ist die Grundvoraussetzung, sonst funktioniert das Vorhaben nicht.«

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