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Nanas Paradiesgarten und das missverstandene »Ich«

Die Kunstsammlung Jena zeigt erstmals die Arbeiten der französisch-schweizerischen Künstlerin Niki de Saint Phalle für das Theater

  • Von Doris Weilandt, Jena
  • Lesedauer: 4 Min.

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»At Last I Found the Treasure« (Zuletzt fand ich den Schatz) ist der programmatische Titel der aktuellen Ausstellung des Stadtmuseums Jena. Tatsächlich konzentriert sich die Bühnenarbeit der vielseitigen französisch-schweizerischen Künstlerin Niki de Saint Phalle (1930 bis 2002) auf dieses märchenhafte Bild, das sie nach langer Suche gefunden hat. Rückblickend fasst sie diese Erfahrung in der Plastik »Le Théâtre (bleu)« 1977 zusammen: Unter einem Baum mit pop-artigem Stamm und goldenen Austrieben liegt eine junge Frau mit betonter Sexualsymbolik. Neben ihr tritt ein männliches Wesen aus einer Höhle, das die Flügel ausbreitet, um sie zu empfangen. Das Paradies der Künstlerin reduziert sich auf wesentliche Elemente, die immer wiederkehren. So wie der Baum, die Schlange und die Sonne - alle ganz lebendig im Zustand ständiger Bewegung. Aber vor allem ist das Paradies eine Begegnung mit der Kunst.

Die Jenaer Ausstellung zeichnet den Weg der Künstlerin nach. Mitte der 1960er Jahre begann sie für Theater und Bühne zu arbeiten. Die erste Möglichkeit bot sich durch die Mitarbeit an der Ausstattung des Ballettstücks »L´Eloge de la folie« des Pariser Choreografen Roland Petit. Tänzer bewegen in zwei Szenen ihre Nana-Figurinen - Frauenfiguren mit betont üppigen und runden Formen - im Raum. Mit Begeisterung reagierte die Künstlerin danach auf ein Angebot von Rainer von Hessen am Kasseler Staatstheater das Bühnenbild für »Lysistrata« zu entwerfen. Eine Vorlage lieferten die Kasseler Kunstausstellungen, die als Happenings mit szenischer Abfolge präsentiert wurden.

Niki de Saint Phalle war überzeugt, dass sich im Theater eine viel direktere Kontaktaufnahme mit dem Publikum bot und mehr Menschen erreicht werden konnten. Darüber hinaus war ihr der »Lysistrata«-Stoff des griechischen Dichters Aristophanes auf den Leib geschrieben. Die Athener Frauen verbünden sich gegen ihre kriegführenden Männer, in dem sie sich im Athene-Tempel der Akropolis verschanzen und sich sexuell verweigern. Der Liebesentzug führt schließlich zum Erfolg - die Waffen ruhen. Das Bühnenbild, das Saint Phalle entwirft, ist ein auf dem Rücken liegender weiblicher Torso, eine Nana von gewaltigen Ausmaßen. Der Eingang ist die Vagina, die sich verschließt und Leben gebärt, Festung und Heiligtum zugleich. Die Kleidung der Schauspielerinnen spart nicht mit eindeutigen Geschlechtsmerkmalen. Die Männer dagegen werden als unmenschliche Kampfmaschinen präsentiert. Die Künstlerin huldigt der Kraft des Weiblichen, ihrem Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung.

Die Inszenierung wurde ein Erfolg. Daraus erwuchs für die dokumenta IV (1968) eine weitere Zusammenarbeit mit dem Kasseler Theater. Niki de Saint Phalle konzipierte das Stück »Ich« vom Manuskript bis zur kompletten Aufführung - im Dialog mit Rainer von Hessen und ihrem Partner Jean Tinguely. Im Mittelpunkt steht ein »böses« Kind, das nacheinander Vater, Mutter, die Brüder und ein Monster umbringt und zum Schluss den Schatz findet. Auf einem aus mehreren Zeichnungen bestehenden Zyklus sind auf dem letzten Blatt neben der ermordeten Lindwurm-Schlange auch ein Schlüssel und die Sonne zu sehen. In Ermangelung wirklicher Partnerschaft heiratet das weibliche Ego sich selbst. Saint Phalles Nanas, die zum Symbol weiblicher Emanzipation wurden, brauchen keine Männer. Sie sind sich selbst genug. Das dokumenta-Publikum verstand die Aufführung genauso wenig wie das bürgerliche Theaterpublikum. »Ich« wurde nur als Show mit vielen Effekten gefeiert, die Künstlerin war enttäuscht. Danach verwirklichte sie nur noch einmal Bühnenbilder für eine Aristophanes-Komödie in Paris.

Die Jenaer Ausstellung zeigt Bühnenbilder, Plastiken, Zeichnungen und Briefe zu den Theaterprojekten der Künstlerin. Die revolutionären Inszenierungen sind - teilweise - in einem Dokumentarfilm festgehalten. Filmausschnitte geben aber auch Einblick in die Arbeitsweise von Niki de Saint Phalle bei der Installation ihren ersten Großplastiken im Garten des Theaterregisseurs Rainer von Hessen in Südfrankreich.

Der zweisprachig erschienene Katalog zur Ausstellung vertieft mit ausgewählten Texten das bisher wenig erforschte Kapitel im Werk der Künstlerin.

»At Last I Found the Treasure. Niki de Saint Phalle und das Theater« bis 8. April im Stadtmuseum Jena, weitere Informationen im Internet unter: www.kunstsammlung-jena.de

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