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Eine Miliz in Rojava ist kein linker Lesekreis

Jan-Lukas Kuhley reiste für die Revolution nach Nordsyrien - sein Politikverständnis wurde auf die Probe gestellt

  • Von Jan-Lukas Kuhley, Qamischli
  • Lesedauer: 6 Min.

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Militärisches Equipment und medizinische Ausrüstung sollen wir nicht im Gepäck tragen. Alles, was darauf schließen lassen könnte, dass wir in den mittleren Osten reisen, um uns einer bewaffneten Miliz anzuschließen, muss zu Hause bleiben. Doch mit mir im Flieger sitzt ein freundlicher Brite, der mir schon auf dem Flughafen mit militärischem Gepäck aufgefallen ist. Oliver heißt er, ein Elektriker Mitte zwanzig aus Portsmouth in England, wie ich nach unserer Landung erfahre. Wir sitzen anschließend im selben Wagen, der uns zu einem Sammelort für internationale Freiwillige der syrisch-kurdischen Miliz YPG bringt.

Fast 24 Stunden sind wir unterwegs. Regelmäßig wechseln wir die Fahrzeuge, müssen stundenlang durch die Dunkelheit wandern, bis wir - nass bis zu den Kniekehlen - auf der Ladefläche eines Pick-ups endlich in Nordsyrien ankommen. Unsere Ausbildung beginnt in einer speziellen englischsprachigen Akademie für internationale Freiwillige. Ich erlebe witzige Momente mit Oliver aber auch Streit. Denn er kam nicht wie ich für die demokratische Revolution nach Rojava, sondern um den Islamischen Staat zu bekämpfen, der auch in seiner Heimat Anschläge verübt. Mich beeindruckt, dass die Menschen hier trotz Terror und Entbehrungen solidarisch an einer neuen Gesellschaft arbeiten; Oliver trägt neben der üblichen Abzeichen den »Union Jack« auf seiner Uniform.

Schock für linke Aktivisten

Es sind diese Wochen in der Akademie, die für linke Aktivisten aus Deutschland einen Schock bereithalten. Es braucht keine langen Erklärungen, um verständlich zu machen, dass ein Lehrgang mit solch unterschiedlichen Menschen ein enormes Konfliktpotenzial besitzt. Es gibt bei uns zum Beispiel den anarchistischen Indianer - die politisch korrekte Bezeichnung lehnt er für sich ab - der schon in Ägypten und Gaza mit bewaffneten Milizen gekämpft hat. Oder den pensionierten Franzosen von der Fremdenlegion, der nicht mehr ohne Krieg leben kann, alternde Antifaschisten aus Europa, die in Nordsyrien nach einem weniger frustrierenden Kampf und für ein solidarisches Miteinander suchen, nachdenkliche, ältere Männer in einer Lebenskrise und verrückte Militärfreaks. Ein obdachloser Russe kam aus ökonomischen Zwängen: er hofft nach seinem Einsatz auf Söldnerverträge von Ölfirmen im Irak. Ein Freund, der schon länger in Syrien kämpft, sagt zu mir: »Niemand hier ist normal. Entweder haben die Leute eine starke Persönlichkeit oder sind verrückt.«

Für mich war die Erkenntnis, dass eine bewaffnete Miliz andere Spielregeln als ein linker Lesekreis unter Soziologiestudierenden kennt, keine einfache Erfahrung. In der deutschen Linken ist es üblich, sich gegen alles und jeden abzugrenzen. Alle sind Faschisten außer wir, mein Kommunismus ist besser als deiner. Es wird kaum der Dialog gesucht, zu schnell auf Polemik zurückgegriffen. In der internationalen Akademie hat genau diese Haltung vieler politisch motivierter Freiwilliger schnell zu ausartenden Streits mit anschließender Grüppchenbildung geführt.

Oliver ist vielleicht der einzige Mensch, den ich seit Jahren ernsthaft persönlich beleidigt habe - ich war es nicht gewohnt, für längere Zeit intensiv mit Menschen von fundamental anderer Einstellung zusammen zu leben.

Zusammenleben lernen

Am ersten Tag der Ausbildung lernten wir das Hevaltî-System kennen. Heval ist Anrede für alle innerhalb der YPG/YPJ, von Rekrut*innen bis hin zum Oberkommando der SDF. Es bedeutet Freund*in oder Genoss*in. Weiter ging es mit dem Instrument des Tekmîl, Kritik und Selbstkritik innerhalb von Gruppen mit anschließender Verständigung auf Lösungen. Tekmîl gab es in der Akademie mehrmals täglich - es war eine effiziente Art, sowohl das Zusammenleben als auch die Leistungsfähigkeit einer Einheit zu verbessern. Zu Beginn wurde noch versucht, diesen Mechanismus zu instrumentalisieren, um unliebsame Rekruten zu beschuldigen, aber schnell stellten wir fest, dass dieser Missbrauch nicht funktioniert. Aus den regelmäßigen Kritikrunden wurde bald tatsächlich eine kollektive Suche nach der besten Lösung. Es war beeindruckend, wie solche einfachen Maßnahmen das Zusammenleben unseres Lehrgangs verbesserten. Auch Oliver nannte ich nun Heval.

Die in den Methoden sichtbaren demokratischen Prinzipien findet sich an vielen Stellen in Nordsyrien. Andernfalls würde das Zusammenleben hier auch kaum funktionieren, denn die Vielfalt der internationalen Akademie steht exemplarisch für die im Landstrich lebende Bevölkerung. Das einst kurdische Projekt Rojava hat sich mit den jüngsten Befreiungen weit über seine ursprünglichen Grenzen hinaus ausgedehnt. Es beheimatet nun Menschen verschiedenster kultureller und religiöser Zugehörigkeit. Auf die Befreiung von Kobanê folgten die Städte Manbij, Tabqa, Raqqa und nun die Region um Deir Ez-Zor - allesamt mehrheitlich arabische Orte. Mittlerweile ist die Bevölkerung der nordsyrischen Konföderation überwiegend nicht-kurdisch, hauptsächlich arabisch, aber auch turkmenisch, beduinisch, assyrisch oder jesidisch.

In meiner Einheit gibt es so Kurden aus Syrien, der Türkei und dem Irak, Araber und Beduinen aus Syrien und Saudi-Arabien, Amerikaner, Franzosen und einen Deutschen. Es ist eine spezialisierte Einheit für schwere Geschütze und gepanzerte Fahrzeuge und sie arbeitet unterstützend an der Front. Meine deutsche Kanone wird mehrmals täglich von verschiedenen Gruppen angefordert. Einen Tag arbeite ich mit Beduinen, dann mit einer Einheit, die gleichermaßen aus Kurden und Arabern besteht und dann wieder mit einer christlichen Miliz.

Tee trinken, rauchen und warten

Zwischen den Einsätzen müssen wir Übungen und Aufgaben in der Basis verrichten, diese füllen meist aber nicht mal einen Vormittag. Der Großteil des Alltags besteht aus Tee trinken, rauchen und warten. An der letzten Front zum IS ist es meist ruhig. Viele Dörfer werden widerstandslos eingenommen, doch durch Minen sterben immer noch Menschen. Die Dschihadisten können keine breite Front mehr halten, gelegentlich gibt es aber überraschende Konterangriffe. Unsere Einheit hatte so ein Hummer-Panzerfahrzeug verloren und ein Heval seinen Arm. Die amerikanischen Bomber hören sich aufgrund ihrer schnellen Feuerrate wie Elektroschocker an.

Oliver und ich haben im Kleinen zusammengefunden, den verschiedenen kulturellen und religiösen Gruppen der nordsyrischen Konföderation gelingt es hoffentlich im Großen. Die YPG/YPJ führen keinen nationalen Befreiungskampf entlang ethnischer Konfliktlinien. Es geht ihnen darum, eine demokratische Kultur zu leben, die dort Frieden schafft, wo zuvor gewaltsame Konflikte entlang religiöser und kultureller Grenzen das Leben vieler Menschen zerstört haben.

Mit der konfrontativen Gesprächskultur der deutschen Linken hätte ich Oliver wohl nie einen Freund genannt. Vermutlich hätten wir nicht mal miteinander gesprochen. Er ist nun tot. Er trat Ende November auf eine Mine in Raqqa, als er das Haus einer rückkehrenden Familie untersuchen wollte. Vermutlich rettete sein Opfer ihr Leben. Ich bin froh, von ihm gelernt zu haben.

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