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Heißa, Marktwirtschaft!

Andreas Koristka über die einzig wahre anheimelnde Weihnachtsatmosphäre

  • Von Andreas Koristka
  • Lesedauer: 3 Min.

Wieder mal hat es der alte Schwerenöter namens Weihnachten vollbracht, unsere Herzen zu erwärmen. Ganz besonders anrührend waren zu diesem Fest die Nachrichten aus Hannover, der deutschlandweit bekannten Perle an der A2. Ein örtlicher Rewe-Markt ließ dort dem Förderverein einer Schule 500 Euro zukommen. Ein Betrag, für den der Rewe-Konzern bestimmt keine zweite Kasse aufmachen musste. Im Gegenzug für diese Großzügigkeit mussten lediglich die Schüler der zweiten Klasse mit Hilfe engagierter Pädagogen einen Rewe-Weihnachtssong einstudieren und aufführen. All dies geschah zu Ehren der Geburt Gottes Sohnes Rewe-Christi und der wundersamen Warenwelt zwischen Gemüse- und Haushaltsreinigerabteilung. In diesem weihnachtlichen Sinne sangen die als Weihnachtsmann kostümierten Kinder in einer Rewe-Filiale folgende Zeilen:

»Heute Leute, wird’s was geben. / Mit Rewe können wir uns freun. / Ein großer Scheck ist zu vergeben. / Fürn guten Zweck, kommt alle rein! / Heißa, heut im Rewe Markt.

So ein lust'ger Tag ist heute, weil wir jetzt bei Rewe sind. / Tanzen, singen, all die Leute. / Kommt und macht doch mit geschwind! / Schöne Wette, schöner Tag, / heißa, heut im Rewe Markt. / Rewe hat, was jeder mag, / heißa, welch ein Freudentag!«

Es rührt einen ganz tief drinnen, so tief, dass man es fast nicht mehr merkt, wenn man sieht, dass in unserer heutigen Zeit, in welcher Smartphones, Spotify und Röhrenradios für Dauerbeschallung sorgen, Kinder von einer Supermarktkette zum eigenständigen Gesang holpriger Verse gezwungen werden. Doch muss die Frage erlaubt sein, warum nicht auch andere Firmen längst auf diese schöne Idee gekommen sind. Man mag sich nur die Augen der stolzen Mütter und Väter vorstellen, wenn sie ihren Goldstücken bei der Intonation von »Lustig, lustig tralalalala, mit Ritex-Kondomen wärn wir gar nicht da« lauschen würden. Im Anschluss könnte der Weihnachtsmann den Kinderchen sogar zeigen, wie er es dank »Ritex delay« schafft, nur einmal im Jahr zu kommen.

Schön wäre auch ein Ständchen für das produzierende Gewerbe, zum Beispiel: »Fröhöliche Weihnacht überall! / wünschet euch recht herzlich Rheinmetall! / Seht doch wie der Leopard, / saudische Dissidenten gart!« Und die Automobilindustrie könnte ihr Image mit den Zeilen »Oh, es riecht gut, / oh, es riecht fein, / heut atmen wir den Feinstaub ein« aufpolieren. Dazu könnten ein paar Kita-Kinder an den Auspuffrohren eines laufenden Diesel-Fahrzeuges der neuesten Generation schnüffeln, um dessen Harmlosigkeit zu illustrieren.

Am schönsten wäre es allerdings, wenn die Kinderabteilung von C&A in der Vorweihnachtszeit Brieffreundschaften zwischen deutschen Kindern und ihren Altersgenossen hinter den Nähmaschinen in Asien herstellen könnte und dies werbewirksam publik machen würde. Das wäre ein völkerverbindender Brückenschlag, der wunderbar zum Geist des Festes der Liebe passen würde. Unsere Kinder würden zusätzlich lernen, warum die Nähte an ihren billigen Hosen so schnell aufgehen. Und wenn sie nicht brav sind, könnten wir ihnen damit drohen, dass der Weihnachtsmann sie mit einem Aufenthalt im Kindergulag in Bangladesch strafen wird.

Besorgten Eltern sei gesagt, dass diese Aktionen keine Einbahnstraße wären. Im Gegenteil: Es wäre eine klassische Win-win-Situation für beide Seiten. Die Unternehmen könnten günstig für sich werben und die Kinder in unseren heruntergekommenen Bildungsstätten würden frühestmöglich auf hochwertige Markenprodukte geprägt. Hier könnte der Kapitalismus sein menschliches Antlitz zeigen und Verfehlungen wie den Stellenabbau bei Siemens und das Abbaggern der Lausitz wieder wettmachen. Die einfachen Leute auf der Straße, die Kirchen und die FDP würden es ihm aufrichtig danken.

Und wem beim Gedanken an diese Möglichkeiten nicht noch einmal richtig weihnachtlich wird, der ist ein gottverdammter Grinch.

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