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Die leere Weihnachtsbotschaft nach Poschardt

Wünscht sich der »WeltN24«-Chefredakteur ein unpolitisches Christentum, in dem sich sowohl Björn Höcke als Bodo Ramelow daheim fühlen könnten?

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.

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Es ist schon eine Krux mit dieser Nächstenliebe: Einer der zentralen Begriffe des Christentums dürfte auch dieses Jahr an Weihnachten in kaum einem Gottesdienst gefehlt haben. Papst Franziskus etwa rief in der Christmette an Heiligabend dazu auf, Nächstenliebe gegenüber Flüchtlingen zu zeigen. Ob diese Botschaft des Pontifex für Ulf Poschardts Geschmack schon zu viele konkrete Handlungsempfehlung enthielt, um sich als guter Christ zu beweisen? Der »WeltN24«-Chefredakteur beschwerte sich am ersten Weihnachtsfeiertag via Twitter darüber, was in den Gotteshäusern zur Heiligen Nacht gepredigt wird: »Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?«

Es ist anzunehmen, dass ein überzeugter Liberaler wie Poschardt weiß, dass einerseits Teile der Bergpredigt auch unter Linken populär sind, anderseits beim Umgang der Kirchen mit Homosexuellen, Abtreibungen oder der Rolle der Frau die Schnittmengen rasch erschöpft sind. Um Differenzierung ging es dem Journalisten mit seiner Provokation nicht, der einbrechende Twitter-Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten. Unter dem Hashtag #PoschardtEvangelium sprangen selbst jene der Kirche zur Seite, die mutmaßlich schon länger nicht oder noch nie ein Gotteshaus von innen gesehen haben. Doch in Zeiten, in denen auch das unter Poschardts Zuständigkeit fallende Onlineportal welt.de mit Texten zu »kriminellen oder gewalttätigen Flüchtlingen« Stimmungen befeuert, können sich progressive Stimmen ihre Verbündeten nicht aussuchen. Also betonten Poschardts Kritiker jene Punkte, die sie mit der Kirche verbindet. »Deutet das nicht eher darauf hin, dass christliche Werte wie Nächstenliebe, Gerechtigkeit und Umweltschutz am ehesten bei der Grünen Jugend und den Jusos vertreten werden? Oder sollte Kirche an Weihnachten lieber wie AfD und Junge Union predigen?«, schrieb der Politikberater Lucas Gerrits.

Seine Frage zielte auf den Kern der Debatte ab: Wie politisch darf die Kirche sein? Kann sie überhaupt unpolitisch sein, wenn Religion doch für sich in Anspruch nimmt, durch die vermittelten Werte Gradmesser für Entscheidungen des Alltags zu sein? CDU-Vizin Julia Klöckner verkündete via Bild.de, dass sie es in einer Predigt eher unkonkret mag. Zwar ziele die christliche Botschaft auf eine »gesellschaftspolitische Haltung«, doch die Kirchen dürften dabei »nicht parteipolitische Programme übernehmen«.

In der Praxis hieße das: Ein Pfarrer dürfte Nächstenliebe predigen, was der Begriff in seiner Umsetzung bedeutet, wäre aber jedem selbst überlassen. Dass dies zur Beliebigkeit führt, darauf verweist Tim Hofmann auf freiepresse.de. Inzwischen sei die Beschreibung des Christen als »besserer Mensch« inhaltlich so »dehnbar, dass fast jeder mit seinem Wertesystem hineinpasst, der sich nicht ausdrücklich distanziert: Martin Luther wie Donald Trump, Tom Araya wie Albert Schweitzer, Björn Höcke wie Bodo Ramelow.«

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