Werbung

Die Gewohnheit des Apparates

Alfred Kosing reflektiert und analysiert Aufstieg und Untergang des realen Sozialismus

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Unter den Büchern, die in deutscher Sprache zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution erschienen sind, nimmt dieses Werk einen besonderen Platz ein. Es ist gewichtig, schon rein physisch; mehr noch inhaltlich wegen seines analytisch vertieften Verständnisses dieser hundert Jahre Geschichte, deren grundlegende Entwicklungsprobleme und Knotenpunkte Alfred Kosing kenntnisreich und kritisch rekonstruiert, vor allem aber revolutionstheoretisch.

Der Verfasser will erstens zu einem besseren Verständnis der Entwicklungsgeschichte der Sowjetunion beitragen und zweitens nach den Ursachen des Untergangs des europäischen Staatssozialismus fragen. Sein Axiom lautet: »Wer keine grundsätzlich positive Haltung zu diesem geschichtlich ersten Versuch hat, den Kapitalismus zu überwinden und eine sozialistische Gesellschaft zu errichten, der wird auch keine sozialistische Gesellschaft gestalten können. Die Verarbeitung der positiven wie der negativen Erfahrungen des bisherigen Sozialismus bildet eine unerlässliche Voraussetzung, um eine begründete sozialistische Programmatik für die heutigen Bedingungen auf der Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus zu entwickeln und deutlich sowohl von dem gescheiterten sowjetischen Modell als auch von den jetzt wieder in Mode gekommenen angeblich modernen Sozialismustheorien abzugrenzen.«

Kosings Analyse richtet sich ausdrücklich gegen die Bemühungen aller Gegner des Sozialismus, das historische Existenzrecht des Sozialismus prinzipiell zu bestreiten und jede positive Erinnerung auszulöschen. »Die Bemühungen um die Deutungshoheit über die Geschichte des Sozialismus sind ein nicht unwesentlicher Bestandteil des ideologischen Klassenkampfes der Gegenwart und dieser wird - zumindest von seiten der antisozialistischen Kräfte - mit großem Aufwand und entschlossener Härte geführt. Dabei werden alle Mittel eingesetzt, um den Sozialismus als einen illegitimen Irrweg der Geschichte hinzustellen, der unvermeidlich zu einer Gesellschaft des Zwanges, der Unterdrückung und der Armut führen kann.«

Die wichtigsten Partien in Kosings Analyse der Sozialismusentwicklung seit der Oktoberrevolution sind seine Erörterung der Herausbildung des Sozialismusmodells in der Sowjetunion und des Versuch der DDR, das stalinistische Modell zu überwinden. Für marxistisch gebildete Leser besteht der besondere Reiz in seinem problemgeschichtlichem Ansatz. Obwohl er weitgehend chronologisch verfährt, ist sein Buch kein Geschichtsbuch, sondern zuvörderst eine sozialismustheoretische Analyse, wobei er die von den Zeitgenossen und von nachgeborenen Historikern aufgeworfenen Fragen, angefangen von der historischen Möglichkeit einer sozialistischen Revolution in einem zurückgebliebenen Land, gleichsam en passant debattiert. Sein Buch ist solide quellengestützt. Kosing zieht nicht nur in den letzten Jahrzehnten erschlossene Quellen heran, sondern gräbt auch frühere, heute verschüttete aus.

Für letztere sei ein signifikantes Beispiel benannt: Auf dem Parteitag der KPdSU von 1923, an dem der kranke Lenin nicht mehr teilnehmen konnte, hielt Trotzki ein Referat zu Wirtschaftsfragen. Auf der Grundlage seiner Thesen fasste der Parteitag einstimmig eine Resolution über eine beschleunigte Industrialisierung des Landes als Voraussetzung der künftigen sozialistischen Entwicklung und als Bedingung für die weitere Bündnispolitik mit den Bauern. Doch der verbindliche Parteitagsbeschluss blieb ein Stück Papier. Das Triumvirat im Politbüro (Stalin, Sinowjew, Kamenew) stellte sein Fraktionsinteresse über Parteitagsbeschlüsse, erst recht, wenn diese Trotzkis Handschrift trugen. Die vom Parteitag gebilligte Konzeption für die Industrialisierung des Landes umzusetzen, waren sie nicht gewillt, sie wurde von ihnen als »Überindustrialisierung« verunglimpft.

Umgesetzt wurde dagegen die von Bucharin mit Stalins Unterstützung favorisierte Politik der bevorzugten Entwicklung der Landwirtschaft mit steuerlicher und politischer Förderung der starken Bauernwirtschaften, die z. B. mit dem Recht auf Pachtland und auf Ausbeutung von Landarbeitern geködert wurden. Das führte zu einem solchen Erstarken der Kulaken, dass diese ab 1927 die Sowjetmacht mit dem Ablieferungsstreik von Getreide erpressen konnten, woraufhin Stalin in Panik eine Kehrtwende vollzog - hin zu einer vollständigen Kollektivierung der Landwirtschaft, ohne dass entsprechende materielle Voraussetzungen gegeben waren, und zur »Vernichtung der Kulaken als Klasse«. Jedenfalls wurde die Industrialisierung erst mit dem 1. Fünfjahrplan ab 1928, nun aber überhastet und kopflos, in Angriff genommen.

Die Resultate der jahrelangen Politik der Stalin-Bucharin-Führung hinsichtlich der aus der NÖP-Entwicklung resultierenden sozialen und wirtschaftlichen Probleme erfährt in Kosings Buch eine genauere Beleuchtung anhand eines weiteren heute weitgehend unbekannten Dokuments: Zum XV. Parteitag der KPdSU im Dezember 1927 erarbeiteten führende Vertreter der Vereinigten Opposition eine umfassende kritische Analyse der politischen und wirtschaftlichen Situation der Sowjetunion. Sie wurde von Trotzki, Sinowjew, Kamenew, Pjatakow, Preobrashenski und Smilga ausgearbeitet und von Trotzki und Sinowjew redigiert. Diese Analyse firmierte nach der Zahl der Erstunterzeichner als »Erklärung der 13« und sollte dem Parteitag als Diskussionsgrundlage eingereicht werden. Doch das Politbüro lehnte statutenwidrig jede Diskussion in der Partei ab. Da die Erklärung nicht gedruckt werden konnte, fanden nur wenige Exemplare in der Sowjetunion Verbreitung. In Deutschland erschien 1929 eine deutsche Ausgabe unter dem Titel »Die wirkliche Lage in Russland« in einem kleinen Verlag in Hellerau. Doch die Übersetzung war miserabel und fehlerhaft. Nur Trotzki war als Autor angegeben.

Als der Westberliner Verlag Olle & Wolter in den 1980er Jahren eine fünfbändige Ausgabe »Die linke Opposition in der Sowjetunion 1923 - 1928« herausgab, konnte er kein russisches Original des Textes von 1927 auftreiben. Er druckte die ungenaue und fehlerhafte Übersetzung unverändert ab.

Kosings Verdienst besteht darin, die umfassende Analyse als einen Schlüsseltext erkannt zu haben. Es war die letzte kritische Analyse aus der Feder sowjetischer Kommunisten vor dem Hochstalinismus. Das Dokument gibt auch heute noch einen guten Einblick in die damals drängenden Probleme der Sowjetgesellschaft. Kosings Ausgrabung muss als ein wichtiger Fund gewertet werden.

Vorangegangen sind dem hier vorgestellten monumentalen Werk von Kosing zwei weitere wichtige Veröffentlichungen von ihm zum Themenkomplex. In seinen 2008 erschienenen Lebenserinnerungen berichtet er vor allem über Erfahrungen, die er als Wissenschaftler mit der SED-Parteiführung gewann und die für eine stalinistisch geprägte regierende Partei prototypisch waren. Nicht nur, dass die obersten und viele unter ihnen rangierende Parteifunktionäre weder das Bedürfnis noch die Bereitschaft und Aufnahmefähigkeit für wissenschaftliche Beratung hatten, auch nicht durch Parteiinstitute, die extra für diesen Zweck geschaffen worden waren, so die Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED. Sie glaubten vielmehr, kraft politischer Autorität alles selbst beurteilen zu können und am besten zu wissen. Diese durch Stalins Herrschaft ausgeprägte Gewohnheit des Apparates war besonders kontraproduktiv.

2016 veröffentlichte Kosing eine Monographie über den Stalinismus. Ursprünglich war sie als integraler Teil des hier behandelten Buches angelegt. Doch weil dieses aus allen Nähten geplatzt wäre, trennte der Verlag den Teil ab. Dies erwies sich als Vorteil. Kosing befasst sich darin entsprechend seiner beruflichen Profilierung vor allem mit den theoretischen Seiten des Stalinismus und weniger mit dem terroristischen Herrschaftssystem und dessen Opfern.

Der dritte, just erschienene Band über den Untergang des realen Sozialismus ist ohne Zweifel der am meisten ausgereifte, lesbarste und überzeugendste. Neben dem umfangreichsten und brisantesten Kapitel über die Sowjetunion ist sicher jenes über den DDR-Sozialismus eines der interessantesten. Kosing benennt die Punkte, in denen sich dieser signifikant vom sowjetischen Modell abzuheben begann, aber gegen den Widerstand der sowjetischen und der deutschen Stalinisten ein eigenes Profil nicht ausreichend ausprägen konnte. Wenn es um die wichtigsten Ursachen des Untergangs des realen Sozialismus geht, setzt der Autor eindeutig die Unfähigkeit, eine höhere Arbeitsproduktivität als die entwickelten kapitalistischen Länder zu erreichen, an die erste Stelle - vor weiteren wie etwa dem Demokratiedefizit. Entsprechend der Anlage des Buches sind alle als Ursachen des Untergangs des realen Sozialismus untersuchten Probleme hausgemacht. Zu fragen ist aber, ob der Untergang des realen Sozialismus nicht doch oder vor allem ein Sieg seines Gegners in der Systemkonkurrenz, des Weltkapitals, war. Das Kräfteverhältnis im globalen Klassenkampf ist jedoch nicht Gegenstand des hier besprochenen Buches.

Alfred Kosing: Aufstieg und Untergang des realen Sozialismus. Verlag am Park in der Edition Ost, 629 S., br., 39,99 €.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen

Das Blättchen Heft 19/18