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Der Kommerz nagt an den Säulen

Einen solchen Reigen kultureller Höhepunkte wie zur 750-Jahr-Feier Berlins hat die Stadt seither nicht mehr erlebt

  • Von Stefan Amzoll
  • Lesedauer: 6 Min.

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Die Dinge schönzumalen, verbietet sich, auch wenn es, wie hier, um eine herausragende Kulturleistung geht, besorgt von der DDR, speziell ihrer Hauptstadt Ostberlin. Die geteilte Stadt beging auf jeweils eigene Weise ihr Jubiläum »750 Jahre Berlin 1987« - Westberlin eher retrospektiv, verbunden mit Veranstaltungen aller Art, Ostberlin mit großem Reinemachen, kilometerlangen karnevalesken Umzügen durch die Innenstadt (was gut zwei Jahre später, am 4. November 1989, rund um den Alexanderplatz unter umgekehrten Vorzeichen ablief) und einem überreichen Kulturangebot. Jenes gehört in die Zeit eingeordnet. Was bot sich dar unter den gegebenen Umständen, und was kam danach?

Wer heute noch meint, was Scharfmacher West schon immer gemeint haben, dass alle Kultur, aller Sport in »Diktaturen« wie der DDR einzig dazu gedient haben sollen, den Staats- und Parteiführern zu Ruhm und internationalem Ansehen zu verhelfen, der ist und bleibt blind. Er sieht nicht, dass Millionen am Draht der Ereignisse hingen und an beispielgebenden Leistungen sich erfreuten - und dass darüber Lust aufkam, die eigenen Talente auszuprobieren und zu Diskus, Ball oder Geige zu greifen.

Allein im Konzertangebot wurde bald alles aufgeboten, was Rang hatte. Die teuersten Klangkörper wurden herangeholt. Größte Attraktion, Leonard Bernstein zu erleben beim Probieren einer Mahler-Sinfonie mit dem Concertgebouw-Orchester Amsterdam im restlos ausgebuchten Schauspielhaus am Platz der Akademie (heute Gendarmenmarkt). Die Hörermassen waren ergriffen. Bernstein, halb mit Whiskey gefüllt, am Pult. Ein Bündel von Leidenschaft. Berliner Betriebsabteilungen und Enthusiasten rissen sich nach Karten.

Fast die komplette West-Hochkultur, wie sie sich anmaßend nennt, war präsent: das Philharmonia Orchestra London, Dirigent: Giuseppe Sinopoli, das Mozarteum Orchester Salzburg unter Leopold Hager, das elanvolle Bundesjugendorchester (BRD), das damals der Hamburger Christof Prick leitete, das London Symphony Orchestra unter Michael Tilson Thomas. Weiter das BBC Welsh Symphony Orchestra und The Academy of St. Martin-in-the-Fields aus Großbritannien, das NDR-Sinfonieorchester, Dirigent: Rafael Frühbeck des Burgos, das Nouvel Orchestre Philharmonique et Choeur de Radio France, geleitet von Marek Janowski, das Orchestre de Paris, Dirigent Daniel Barenboim, das Hamburger Ballett unter John Neumeier etc. Daneben die weltbedeutenden Klangkörper aus Moskau und Leningrad, die Staatskapelle Berlin, das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, das Berliner Sinfonieorchester unter Claus Peter Flor. Winrich Hopp, Künstlerischer Leiter des jetzigen »Musikfests Berlin«, hätte sich die Finger danach geleckt.

Einzigartig derlei Aufgebot mit Konzerthöhepunkten, welche das DDR-Publikum in dieser Qualität und Quantität nicht mehr erleben sollte. Denn drei Jahre später wucherte Berlin zusammen wie die Schalen von Banane und Bockwurst. Ungeahnte Verheißungen packten die über vier Jahrzehnte gewachsene Theater- und Konzertkultur - und deren Adressaten beim Genick. Kultur ist ja keineswegs identisch mit Schauspiel, Bild, Konzert, Oper, Tanz. Sie hat ihren Boden im Treiben gesellschaftlicher Gesamtheiten, bis tief in wirtschaftliche Prozesse hinein. Identitäten zerrissen. Ein komplett anderes Denken und Wirtschaften fegte wie der Sturm an Höhenzügen über eine ganze Kulturentwicklung hinweg.

Das kapitalistische Berlin litt seit 1990 leicht, nämlich unter einfachem Entzug (Streichung der Sondermittel) und »Verostung« (dieses Schreckensbild malte der einstige CDU-Chef West, Klaus-Rüdiger Landowsky, mit seiner Truppe an die Wand). Das sozialistische Berlin litt schwer, nämlich unter allem. Der Jubel der Massen, als die Mauer geöffnet wurde, erstarb desto rascher, je mehr Arbeitslosigkeit und Kreuzrittertum (Unterwerfung und Missionierung) grassierten. Jene armen Teufel, welche mit ihren Westbeuteln in der Hand am lautesten geschrien hatten, fielen am tiefsten. Die Großbetriebe schlossen reihenweise, die opulenten Medienanstalten (und damit ein Berg an Kultur) wurden abgeräumt und deren geklaute Frequenzen mit West-Kulturmüll und abgestandenem Kalter-Krieg-Singsang besetzt, der nicht enden will.

Die Einrichtungen in Oberschöneweide und Adlershof waren nicht größer als etwa der duale Medien-Komplex in Köln. Zensur fand nach Augenblicken der Freiheit sofort wieder statt. Straßennetze wurden erneuert, um die bunte Warenwelt West schnell in die geräumten Kaufhallen Ost liefern zu können. Der Alexanderplatz wartete darauf, baulich verunstaltet zu werden. In Planung standen bald der Abriss des Palastes der Republik und die Wiedererrichtung des berüchtigten wilhelminischen Stadtschlosses. Der Gemüsehändler um die Ecke war plötzlich weg, wie - welch ein Vergleich - das eben noch gutes Schauspiel liefernde Schillertheater in Westberlin weg war.

Von den Tausenden kleinen Geschäften, die nach der »Wende« aus dem Boden schossen, fielen die meisten dorthin zurück, nun begraben auf den Friedhöfen der alle wirklichen Freuden beseitigenden, Konkurrenten schlechthin aus dem Wege schaffenden Kommerzwirtschaft. Die Kneipenkieze entstanden und mit ihnen Nippes und Luxus, Yuppies und teure Dachwohnungen. Blechlawinen wälzten sich jetzt auch durch die Oststadt. Die Zahl der Autos verzehnfachte sich. Die Parkplätze wurden immer rarer. An die Stelle der Mauer rückten Millionen Zäune. Die Zahl der Einbrüche stieg sprunghaft an, obwohl etliche Häuser und Hauseingänge schon über ausgeklügelte Sicherheitssysteme verfügten. Das Baden an Seen wurde kostenpflichtig. Der Sport verrohte und kommerzialisierte wie die Sitten des Umgangs. Aus Freunden wurden Feinde, unzählige Familienbande zerrissen.

Im Großen lösten sich sämtliche Staats- und Organisationsstrukturen in Luft auf, mit Folgen nicht nur für Künstler und Kulturschaffende. Zum Rauschen der Zeit gehörten ein Nazitum, dessen grenzüberschreitende Anstrengungen die Naziszene in Ostberlin inkorporierte, daneben ein neues Denunziantentum (die Schwarzarbeiter seien zu melden), im ideologischen Bereich hauptsächlich die Suche nach Schuldigen für die Misere, welche die Mikrofonhelden und »Bild«-Redakteure längst gefunden hatten, nämlich im »Unrechtsregime« Ost und den Vietnamesen in Rostock und Hoyerswerda.

Die sogenannte »Hochkultur«, was immer das Wort meint, hat zwar die Katastrophen des 20. Jahrhunderts nicht unbeschadet überlebt, sie ist aber erstaunlich konsistent geblieben. Sie hat im vereinigten Berlin zugelegt. Die Eröffnung des »Pierre-Boulez-Saals« ist ein Beispiel hierfür. Sämtliche großen Ost-Sinfonieorchester, die im Westen ohnehin, konnten überleben, sich verjüngen und qualifizieren. Der Kommerz aber nagt weiter an den Säulen nicht nur staatsfinanzierter Betriebe. Die Etats schrumpfen in der Regel. Die Stars sind fast nicht mehr bezahlbar. Betroffen sind auch renommierte Festivals wie das »Musikfest Berlin«, bei denen Kammerkonzerte fast schon überwiegen.

Ist das Angebot von »750 Jahre Berlin« Ost ein leuchtendes Beispiel? Die Münze glänzt, und sie wirft Schatten. Die Altbausubstanz der Stadt verrottete damals immer mehr, alte Produktionsstätten wie Glühlampen-, Gummi- oder Kraftwerke bedurften der kompletten Auswechslung. Mit Mitteln, die nicht da waren. Die Luft verpestete zunehmend. Bald jedem schien das Elend der Nachrichten gewärtig, welche die »Aktuelle Kamera« des DDR-Fernsehens allabendlich in die Wohnstuben strahlte, während anspruchsvolle Fernsehfilme auf hohem Niveau produziert wurden. Dies nur Beispiele.

Es fehlte an allen Ecken und Enden. Das 750-Jahre-Fest aber prunkte. Keine Mark war zu schade, es groß aufzuzäumen. Für Ausübende wurden Höchstgagen gezahlt. Die Magistralen wurden geputzt. Der Prenzlauer Berg aber verkam immer mehr, und die Gesichter in den U- und S-Bahnen schienen grau und grauer.

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