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Wühlen im Müll zu Jerichow

Sachsen-Anhalt: Die Prozesse in Sachen Tongruben Möckern und Vehlitz ziehen sich hin

  • Von Simon Ribnitzky, Stendal
  • Lesedauer: 3 Min.

Es ist einer der größten Umweltskandale Sachsen-Anhalts: Hunderttausende Tonnen Müll landeten illegal in Tongruben im Jerichower Land. Es entstanden Gifte, die durch Regenwasser in Boden und Grundwasser gespült wurden. Die Sanierung der Tongruben ist bis heute nicht abgeschlossen, das Land hat bereits zweistellige Millionenbeträge dafür ausgegeben.

Gegen die mutmaßlich Verantwortlichen laufen zwei Prozesse am Landgericht Stendal. Doch die Verfahren ziehen sich hin, ein Ende ist nicht absehbar. Genaue Prognosen seien nicht möglich, sagt Gerichtssprecher Michael Steenbuck. Der Prozess zur Tongrube Möckern läuft bereits seit 2015, wegen der Tongrube in Vehlitz wird seit Februar 2017 verhandelt. Zusammen gab es bereits mehr als 110 Verhandlungstage. Steenbuck schätzt, dass Möckern im kommenden Jahr, Vehlitz 2020 abgeschlossen werden könnte.

Probleme machten im Fall Möckern derzeit vor allem Krankheitsfälle auf der Richterbank und bei einem Sachverständigen, berichtet Steenbuck. Außerdem kostet der Einsatz von Schriftdolmetschern Zeit. Sie sind nötig, weil einer der Hauptangeklagten schlecht hört. Die Dolmetscher verschriftlichen alles, was in der Sitzung gesagt wird, damit der Angeklagte auf seinem Laptop mitlesen kann. In beiden Prozessen sind die beiden Hauptangeklagten dieselben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Gewinnsucht vor. Um Geld zu sparen, sollen die Entscheider einer Entsorgungsfirma den Müll illegal abgelagert haben. So hätten sie niedrigere Preise anbieten können, um sich einen Vorteil vor Wettbewerbern zu sichern. Der Anklage zufolge haben die Angeklagten allein im Fall Vehlitz rund 74 Millionen Euro gespart und etwa 18 Millionen Euro Gewinn gemacht. Bis Mitte Dezember wurden im Fall Möckern 79 Zeugen gehört, im Fall Vehlitz 44. Meist seien es Mitarbeiter von Entsorgungsunternehmen gewesen, sagt Steenbuck. Zudem habe die Befragung von Sachverständigen breiten Raum eingenommen. Rund 900 000 Tonnen Müll wurden in Vehlitz zwischen 2005 und 2008 ohne Genehmigung entsorgt. In Möckern ist von 170 000 Tonnen die Rede. Eigentlich hätten nur Abfälle aus überwiegend mineralischen Stoffen eingelagert werden dürfen - also etwa Müll von Baustellen aus Sand und Steinen. Stattdessen war vermehrt organischer Abfall verklappt worden, sogenannter hausmüllartiger Gewerbeabfall, darunter Kunststoffe.

Das Problem: Bei der Lagerung dieser Stoffe bildeten sich durch chemische Prozesse giftige Gase wie Schwefelwasserstoff, Methan oder auch Kohlendioxid. Durch eindringenden Regen gelangten diese Gifte in Boden und Grundwasser. Die Methankonzentration sei sogar explosionsfähig gewesen, hieß es in der Anklage.

Bei der illegalen Entsorgung gab es offenbar einen guten Draht zu den Behörden. Vor jeder Kontrolle sei der Abfall in der Tongrube mit einer Schicht aus mineralischem Müll überdeckt worden, heißt es in der Anklage. Die Kontrolleure konnten so nicht sehen, was da eigentlich eingelagert worden war.

Nach Angaben des Landesamtes für Geologie und Bergwesen hat die Sanierung der beiden Tongruben bislang etwa 21,2 Millionen Euro gekostet. Mit weiteren zwölf Millionen Euro bis 2019/2020 sei zu rechnen. Zudem werden über Jahre Nachsorgemaßnahmen nötig sein. Die Kosten dafür beziffert die Behörde auf rund 150 000 Euro pro Jahr für einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren. dpa/nd

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