Werbung

Dornröschenschlaf im Wendland

Das Endlager-Bergwerk Gorleben ist zum Jahreswechsel in den Offenhaltungsbetrieb gegangen

  • Von Reimar Paul, Gorleben
  • Lesedauer: 4 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Nebliger Dunst wabert durch den Kiefernwald hinter Gorleben. Ein Kaninchen hoppelt zwischen den Bäumen herum, irgendwo schreit ein Eichelhäher. Still liegt das Bergwerk auf einer Lichtung, umrahmt von einer Mauer aus Beton. Der unterirdische Salzstock Gorleben-Rambow wurde von hier aus auf seine Eignung als mögliches Endlager erkundet. Bergleute trieben Schächte in den Boden, legten unterirdische Gänge und Hohlräume an, die eigentlich viel zu groß sind für eine bloße Prüfung. Umweltschützer sprechen von einem »Schwarzbau«, denn unter dem Tarnmantel der Erkundung wurde mit der Errichtung eines Endlagers begonnen. Die Betonung liegt inzwischen auf »wurde« - zum Jahreswechsel sind die Arbeiten quasi in den Stand-by-Modus gegangen.

Rebecca Harms erinnert sich noch genau an den 22. Februar 1977 - den Tag, als alles anfing: »Wir hörten entsetzt im Radio, dass Gorleben Standort werden sollte«, erzählt die Europaabgeordnete der Grünen, die im Wendland wohnt und dort von Anfang an beim Anti-Atom-Protest mitmachte. Niedersachsens damaliger Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) hatte zur Überraschung vieler ein Waldstück bei Gorleben zum Standort für ein nukleares Entsorgungszentrum benannt. Auf einem Areal von 16 Quadratkilometern sollten ein Endlager, eine Wiederaufarbeitungsanlage, eine Brennelementefabrik und weitere Atomanlagen errichtet werden.

Neben Gorleben standen damals noch andere Salzstöcke in Niedersachsen zur Auswahl, die sich nach Ansicht von Geologen besser als Lagerstätte für strahlende Abfälle geeignet hätten. Eckhard Grimmel, Professor für Geographie an der Universität Hamburg, urteilte seinerzeit: Der Salzstock Gorleben ist nicht durch eine hinreichend mächtige und lückenlose Tondecke von den wasserführenden Schichten abgeschirmt. Durch Auflösung habe er einen Teil seiner Substanz verloren und werde noch weiter abgelaugt.

Nicht fachliche Gründe hätten den Ausschlag für Albrechts Entscheidung gegeben, vermuten seither Kritiker. Der Ministerpräsident habe vielmehr spekuliert, dass die Leute im strukturschwachen und konservativen Wendland nichts gegen das geplante Atomzentrum haben würden und gegen die vielen versprochenen Arbeitsplätze erst recht nicht.

Doch es gab offenbar noch einen anderen Aspekt. Der - inzwischen verstorbene - Geologe Gerd Lüttig erinnerte sich in einem nd-Gespräch an eine Sitzung, in der Albrecht sagte: »Jetzt haben wir dieses Morsleben direkt an der Zonengrenze. Wenn das mal absäuft, dann haben wir im Helmstedter Raum die verseuchten Wässer. Ich möchte jetzt die Ostzonalen mal richtig ärgern, nehmen wir Gorleben als Gegengewicht. Mal sehen, was herauskommt.«

Albrecht und sein Kabinett hatten sich verrechnet. Schon am Abend der Standortbenennung versammelten sich in Gorleben Hunderte empörter Menschen. Drei Wochen später demonstrierten 20 000 auf dem geplanten Baugelände. Im März 1979 brachen die Lüchow-Dannenberger Landwirte zu ihrem legendären Treck nach Hannover auf, sie wurden dort von 100 000 Demonstranten begeistert empfangen. Eine Wiederaufarbeitungsanlage, telegrafierte Albrecht an Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD), sei »politisch derzeit nicht durchsetzbar«.

Die Erkundung des Salzstocks aber ging weiter. Mit Unterbrechungen wurde dort bis 2014 gebohrt und gebuddelt. Erst im Zuge des Neustarts der Endlagersuche war vorläufig Schluss. Um Gorleben ein wenig aus dem Fokus zu rücken, beschloss der Bundestag, die Erkundungsarbeiten einzustellen. Ein Ergebnis der Untersuchungen gibt es nicht, Bewertungen schon: Während etwa Union und Atomwirtschaft dem Salzstock eine »Eignungshöffigkeit« (Hoffnung auf eine potenzielle Eignung) zusprechen, halten Umweltschützer den Standort für geologisch ungeeignet und politisch verbrannt.

Zum Jahreswechsel ist das Bergwerk nun in den Offenhaltungsbetrieb übergegangen. »Der Erkundungsbereich wird außer Betrieb genommen und abgesperrt«, erläutert die Sprecherin der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), Monika Hotopp, auf Anfrage. Alle nicht mehr erforderlichen Maschinen und Fahrzeuge werden nach oben geholt. Die BGE ist seit der Neuordnung der Behörden im Bereich Atommüllentsorgung für Gorleben zuständig.

Das Bergwerk wird also schlafen gelegt, nicht aber beerdigt. Die Schächte werden verschlossen, aber nicht zugeschüttet. Die Atomkraftgegner hatten dies verlangt, konnten sich aber nicht durchsetzen. Die Regierenden wollen sich die Option, die Erkundung in Gorleben eines Tages fortzusetzen und doch Atommüll dort einzulagern, nicht verbauen. Die oberirdischen Anlagen und Gebäudeteile des Bergwerks bleiben bis auf weiteres stehen. Mit dem Abbau der symbolträchtigen Betonmauer will die BGE im kommenden Frühjahr beginnen. Die Mauer soll dann durch einen »für Industrieanlagen üblichen Zaun« ersetzt werden.

Knapp 20 der noch rund 60 Mitarbeiter sollen sich um die Offenhaltung des Bergwerks kümmern und gegebenenfalls auftretende Schäden beseitigen. Nahezu allen anderen hat die BGE ein Beschäftigungsangebot an anderen Standorten unterbreitet - die Gesellschaft betreibt noch die Atommülllager Morsleben und Asse sowie den Ausbau des früheren Eisenbergwerks Konrad zum Bundesendlager für schwach und mittelradioaktive Abfälle.

Aus dem Schneider bei der Endlagersuche ist der Standort auch im Stand-by-Modus nicht. »Die angeblich weiße Landkarte hat mit Gorleben schon einen dicken Fleck«, heißt es im Wendland. Offenhaltungsbetrieb - das reicht Aktivisten wie Wolfgang Ehmke daher nicht, »weil jederzeit in Gorleben weitergemacht werden kann, wenn unter Tage die Kerninfrastruktur erhalten bleibt«. Eigentlich, sagt Ehmke, seit vielen Jahren Sprecher der örtlichen Bürgerinitiative, »soll auch der Widerstand schlafen gelegt werden. Doch das gelingt nicht, wir sind hellwach.«

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen