Werbung

Schwarze Scherze

Das Berliner Kino Babylon zeigt in einer Retrospektive die Filme des »Poetischen Realismus«

  • Von Stefan Ripplinger
  • Lesedauer: 3 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Wer zu viel schlechtes Feuilleton liest, könnte das »Poetische« mit einer Art Wohlfühlbad verwechseln. Für einen solchen oder eine solche halten etliche Filme des »Poetischen Realismus« kalte Duschen bereit. Er oder sie sei hiermit gewarnt. Denn diese aus Frankreich kommenden Filme sind gerade im Berliner Kino Babylon zu sehen und sie sind mitunter garstig.

In »Die Hündin« (1931) von Jean Renoir spielt Michel Simon einen braven Kassierer, der auf eine Hure und ihren Zuhälter hereinfällt und zum Clochard wird. Ein Jahr später ist Simon in »Boudu - aus den Wassern gerettet«, ebenfalls von Renoir, ein Clochard, der den auf Lebenslügen errichteten Haushalt eines Gönners fast zugrunde richtet. »Poetisch« sind hier vielleicht die Übertreibungen, das Schiefe und Indirekte, aber das mindert nicht die Unerbittlichkeit dieser Satiren von Renoir, zu denen auch »Das Verbrechen des Herrn Lange« gezählt sei. Gedreht 1935 auf dem Höhepunkt der Volksfront und ihrer Begeisterung für selbstverwaltete Betriebe, wird dem Zuschauer die dämonische Wiederkehr des für tot gehaltenen Fabrikbesitzers (Jules Berry) nicht erspart. Er erscheint als Priester, ein buchstäblich schwarzer Scherz.

Renoirs »Toni« von 1934 gewichtet das Realistische stärker als das Poetische. Auch wenn der Film gelegentlich Züge eines schlechten Traums annimmt, bleibt er nah am Schicksal seiner Protagonisten, Migranten, die in einem Steinbruch ausgebeutet werden. Es dürfte der aktuellste Film des gesamten Programms sein.

Michel Simon begegnet uns in Jean Vigos »Atalante« (1934) wieder, einem wunderbaren Film, der auf einem Transportschiff spielt und selbst dahinfließt; raue, dokumentarisch eingefangene Wirklichkeit und Traum greifen unauflöslich ineinander. Das scheint der früheste Sinn des »Poetischen Realismus« gewesen zu sein: unverstellte Wirklichkeit in der Schwebe halten. Frühe Meisterwerke in diesem Stil sind »Ménilmontant« (1926), »Herbstnebel« (1928), später auch »Frauenraub« (1934) von Dimitri Kirsanoff, die im Babylon nicht zu sehen sind. Dafür werden wieder einmal »Die Kinder des Olymp« (1945) vorgeführt, ein Lieblingsfilm von Französischlehrern sowie Filmconnaisseurs und, mit Verlaub, ein prätentiöser Schmarren. Marcel Carné, der Regisseur, hat Besseres gedreht, etwa »Der Tag bricht an« (1939) mit Jean Gabin als dem Proleten auf verlorenem Posten. Wie schon im »Herrn Lange« muss Jules Berry leider erschossen werden.

Streicht man aus der Formel »Poetischer Realismus« den Realismus, könnte Jean Cocteaus »Orpheus« (1950) herauskommen, der, obwohl sehenswert, viel schwächer als sein »Blut eines Dichters« (1932) - nicht im Programm - ist, ein ebenso poetischer wie grausamer Film. Cocteau galt der hiesigen Kritik oft als süßlich, hat aber einen enormen Einfluss auf die US-amerikanische Avantgarde, etwa auf Maya Deren, gehabt. Die Filme Cocteaus und seiner Anhänger greifen auf das Visionäre, Magische aus.

Das französische Kino der dreißiger Jahre hat gewöhnlich das Verspielte und das Schroffe, das Phantastische und das Wahre ausbalancieren wollen. Politische Verweise kamen häufig vor, waren aber nicht immer willkommen. Jacques Feyders »Kluge Frauen« (1935) etwa lösten wütende Proteste von Patrioten aus. Tatsächlich bedurfte es des Gemüts eines Metzgerhunds, in dem historischen Moment, als ganz Europa von den Nazis bedroht war, von Eroberern überfallene Kleinstädter als Schildbürger zu karikieren. Dass die Handlung im 17. Jahrhundert spielt und die Bilder an flämische Genremalerei erinnern, verschärft die Karikatur nur, bereichert aber die gewandte Burleske, die der Film trotz allem ist. Die von Feyders Frau, Françoise Rosay, angeführten flämischen Frauen, die den spanischen Soldaten Tür und Tor öffnen, machen eine ebenso gute, schillernde Figur wie Louis Jouvet als bigotter Kaplan im Dienste dieser Besatzer. Wie man es dreht und wendet, das Poetische ist vieldeutig, oder es ist nicht.

»La Grande Illusion. Der Poetische Realismus im französischen Film«, Kino Babylon, Berlin, Rosa-Luxemburg-Platz, vom 4. bis zum 24.1.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen