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Träume sind keine Eichen

Das neue Jahr, die neuen Vorsätze, die neuen Fehler: das alte Programm

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Januar - alles auf Anfang! Der Kalender weckt jetzt kurzzeitig die Illusion, man habe mehr Zeit vor sich als sonst im Jahr. Auf dass wir den Dingen ein neues Maß geben! So beschlossen. Es wird Freude bereiten, die guten Vorsätze - unter den staunenden Augen der Mitmenschen - Punkt für Punkt in die Tat umsetzen.

Leider muss nun sofort und unwiderruflich ein Begriff ins Feld geführt werden, der wenig feierlich ist. Die Hölle. Denn der Weg zu ihr, so heißt es landläufig, sei just mit dem gepflastert, was wir doch eben als nahezu göttliche Eingebung priesen - den guten Vorsätzen. Die Hölle als Warnung: Man möge sich nicht übermäßig von Zielen leiten lassen. Und es ist ja so wahr: Die neuen Gewissensreden, die neuen Kampfansagen, die neuen Freundlichkeitsimpulse, die neuen Askeseverpflichtungen, sie tragen doch schon in der Sekunde ihrer Verkündigung den Keim des Verrats in sich.

Der metaphorische Verweis auf die Hölle ist sprichwörtliche Reaktion auf jene Art, wie wir fortwährend mit dem Himmel umgehen: Immer wieder malen wir gar zu sehr aus, was wir anstreben. Aber wer Gott zu sehr ausmalt, schadet dem Himmel. Gott sowieso. Hätten wir zum Beispiel im Diffusen gelassen, was Sozialismus sein könnte - wir wären ihm in jenem abgrundblöden 20. Jahrhundert vielleicht etwas näher gekommen. Manches lässt sich wirklich nur ungegenständlich ertragen.

Stets waren es sehr gegenwärtige Höllen, die die Menschen dazu verführten, rettende Himmel zu entwerfen. Himmel als Synonym fürs Morgen, fürs ehrenwert Höhere. Aber die Schöpfung hat uns doch gar keinen Sinn für Zukunft mitgegeben. Zukunft gehorcht keiner Ausrechnungskunst. Über dieses Manko half auch nicht der Trick hinweg, eine linke Traumfabrik der Erlösung hochtrabend »wissenschaftliche Weltanschauung« zu nennen.

Geschichtsgesetz? Weltgeist? Solcher Phantasie nahm die Realität längst den Wind aus den Hegeln. Ist doch bekannt, wie etwa großkämpferische Eingriffe ausgingen - für jene, die sich aufbäumten. Die Sklaven gegen die Sklavenhalter: Die Macht ergriffen die Feudalherren. Dann die Bauern gegen die Feudalherren: Die Macht ergriffen die Bürger. Und die Proletarier, diese Totengräber des Kapitalismus, kamen auf einem Sechstel der Erde unter die Gewalt der Kader. Die Logik der Theorie gilt in der Praxis nur bedingt; nie waren die Revolutionierenden die wirklichen Sieger. Wer meint, aus einem geschichtlichen Traum Praxis zimmern zu können wie der Tischler Mobiliar aus einer Eiche, der holt den Albtraum auf die Erde. Wer einen anderen mittels höherer utopischer Norm dirigieren will, der will dressieren, auch wenn er den besseren Menschen im Sinn hat. Avantgardisten sind Dompteure, Menschenliebe sieht anders aus. Das sogenannte historische, revolutionäre Subjekt zog daraus die Konsequenzen: Es hält sich inzwischen vornehm zurück.

Kurzum: Es wird auch in diesem Jahr wahrscheinlich keine Inventur der Lebensweise stattfinden, und auch die Phrasen verpuffen in bewährter Weise. Aber seltsam: Ungeachtet aller Erfahrungen des Scheiterns führen die Wunschvorstellungen immer wieder ein freches Eigenleben hinter den Schutzzäunen des besseren Wissens. Eine über sich selbst aufgeklärte, freiwillig das Feld räumende Sehnsucht gibt es offenbar nicht. Unbelehrt begeistert rufen wir: Plan! - und verdrängen alle Selbsttäuschung, die bei dieser Euphorie mit am Werke ist. So wird der rührige Idealist also weiterhin ideologische Knetung betreiben (der unablässige Gebrauch ist es, der einer Droge die Wirkung gibt), er wird beim Blick in den Spiegel nur immer seine Zornesfalten schön finden, und jede Falte mehr stärkt sein Bewusstsein, auch die übrige Welt brodele bereits in seinem oppositionellen Geiste. Was natürlich Unsinn ist. Aber: Ohne Lebenslügen kommen wir nicht durchs Dasein.

Weltveränderung? Ich stelle an vielen Abenden fest, dass es der Welt auch an diesem Tage wieder verdammt gut gelungen ist, mich ihr anzupassen. Zur Lebenslüge gehört deshalb die Suche nach tröstenden Momenten einer paradoxen Illusion: Man könne sich in der Zelle des Seins - aus der es kein Entrinnen gibt - doch wenigstens die kleine Freiheit eines Wärters einbilden. Jeder hat da sein eigenes Rezept. Und trösten kann auch, einen alten Fehler im neuen Jahr zu vermeiden. Das schafft Platz für neue Fehler. Neue Fehler, das ist genug an Neuem im neuen Jahr. Am Ende, ganz am Ende, werden auch sie nur wieder die alten Fehler gewesen sein.

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