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Wenn sie reden, kann es eine Lösung geben

Auch wenn weiter militärische Frontlinien bestehen, ist der Frieden in Syrien ein deutliches Stück nähergerückt

  • Von Karin Leukefeld, Damaskus
  • Lesedauer: 5 Min.

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Das vergangene Jahr war in Syrien für viele Menschen besser als die fünf Kriegsjahre zuvor. Mehr als 2400 lokale Waffenstillstände führten dazu, dass Zehntausende Kämpfer ihre Waffen niederlegten und in ein Amnestieprogramm eingegliedert wurden. Die Einrichtung von vier Deeskalationsgebieten hat die Gewalt in weiten Teilen des Landes spürbar reduziert.

Die militärische Vertreibung des selbst ernannten »Islamischen Staates« (IS) in Grenzgebiete zu Irak hat die Autorität von Staat und Armee gestärkt. Zusagen verbündeter Staaten und großer Unternehmen, beim Wiederaufbau zu helfen, machen den Menschen Mut. Etwa eine halbe Million Inlandsvertriebene konnten in ihre Wohnorte und -viertel zurückkehren, wo sie zumeist mit eigener Kraft versuchen, ihren Alltag zu meistern. Der Staat hilft bei der Wiederherstellung der zivilen Infrastruktur, stellt Strom und Wasser zur Verfügung, zahlt die Gehälter der Angestellten im öffentlichen Dienst, beseitigt Trümmer, repariert - wo es möglich ist - Straßen, Brücken und Gebäude.

Für das neue Jahr 2018 bleiben militärische Frontlinien. Priorität für die Armee hat die Vertreibung der Nusra-Front, die im östlichen Umland von Damaskus und in der Provinz Idlib präsent ist und aus dem Ausland unterstützt wird. International ist die Gruppe als Terrororganisation gelistet, und die syrische Armee hat ihre Offensive gegen sie zum Jahresende hin verschärft. Russland erklärte, die Nusra-Front werde im Laufe dieses Jahres beseitigt werden.

Eine weitere Frontlinie bleibt die kurdisch-amerikanische »Anti-IS-Allianz« im Norden des Landes. Von den regionalen und internationalen Akteuren, die als »Freunde Syriens« mit einem »Regime-Change-Plan« den innersyrischen Konflikt politisch, medial, mit Sanktionen, Waffen und Söldnern anfeuerten, ist das gewollt, um die syrische Regierung unter Druck zu setzen und zu schwächen.

Die Neujahrsnacht brachte den Bewohnern in den östlichen Vierteln von Damaskus wieder Tod und Zerstörung. Mörsergranaten wurden von den Kampfverbänden aus den östlichen Vororten in die Altstadt gefeuert. Die syrische Luftwaffe bombardierte ihrerseits die östlichen Vororte, die von der Nusra-Front im Verbund mit anderen Milizen gehalten werden.

Vielen Familien war deshalb nicht zum Feiern zumute. Nicht nur der Verlust von Angehörigen durch Tod, sondern auch der Weggang vieler Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, wiegt schwer. Von der Autorin nach ihren Wünschen für das neue Jahr befragt, fielen die Antworten vielschichtig aus.

Für ihn sei wichtig, dass Russland und die USA sich in Syrien auf einen Dialog von Regierung und Opposition einigten, sagte der kurdische Hotelangestellte Hanan A. in Damaskus. »Wenn sie reden, dann kann es eine Lösung geben«, sagte er nachdenklich. »Wenn nicht, wird der Krieg weitergehen.«

Er hoffe, dass die syrische Regierung die Souveränität über ganz Syrien zurückgewinne, meint der Autohändler Hussam M. Das Land müsse stabilisiert werden, der Wiederaufbau müsse beginnen. Er sei froh über die angebotene Unterstützung aus China, Iran und Russland. Dem Wiederaufbau müssten politische Veränderungen folgen, in der Verfassung und auch im staatlichen System. Nach den Entwicklungen im vergangenen Jahr sehe er zum ersten Mal wieder optimistisch in die Zukunft.

Damaskus zeigt sich zur Jahreswende geschäftig. Lebensmittel-, Textil- und Antiquitätenhändler in der Altstadt haben ihre Türen weit geöffnet. Vor einem Geschäft ist ein Bild ausgestellt, das wie eine öffentliche Erklärung wirkt: Ein muslimischer Scheich und ein christlicher Priester stehen sich gegenüber und reichen sich die Hand (Foto oben). Das ist unser Syrien, betont Ghassan Khoury, dessen Galerie gleich nebenan liegt. Auch wenn eine gut ausgebildete Generation das Land verlassen habe - es wachse eine neue Generation heran. »Die Frauen und Mädchen werden zukünftig eine wichtige Rolle in unserem Land spielen.« Syrien werde wieder auf die Beine komme.

Diejenigen, die es sich leisten können, gehen auswärts essen oder machen einen Bummel durch die Altstadt. Im Café im ökologischen Garten, unweit der Zitadelle feiern Mädchen mit einem großen Schokoladenkuchen Geburtstag. In den Schnellrestaurants auf der unteren Ebene der Damaskus Mall sind nahezu alle Tische besetzt.

Maria C., eine pensionierte Apothekerin hofft, dass die Preise sinken. Sie müsse von ihrer Pension heute ein Fünftel ausgeben, wenn sie ein Kilo Fleisch kaufen wolle. Medikamente müssten wieder bezahlbar werden, eine gute Versorgung könnten sich aktuell nur die Reichen leisten.

M.D. (Name der Autorin bekannt), der die Schokoladenfabrik des Großvaters fortführt, hofft auf die Rückkehr der Syrer, die ihre Heimat verlassen haben. Seitens der Regierung sollten Garantien gegeben werden. Länder, die wie Deutschland die Flüchtlinge im Ausland finanzierten, sollten mit dem Geld den Menschen wieder eine Zukunft in ihrer Heimat ermöglichen. »Sie bezahlen so viel Geld für die Flüchtlingslager in Jordanien, Libanon und der Türkei. Aber die Menschen haben ein Heimatland, und sie wollen ihre Kinder nicht in Flüchtlingslagern großziehen. Die Vereinten Nationen müssen die Rückkehr unterstützen.«

Dr. George Jabbour, der Vorsitzende der Syrischen Gesellschaft für die Vereinten Nationen, antwortet auf die Frage, was er sich für das neue Jahr wünsche knapp: »Frieden«. Alles andere könnten die Syrer meistern, auch wenn es lange dauern werde.

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