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  • Fußball und Bildung

Weiterbilden oder verblöden?

Noch immer tun Profifußballer viel zu wenig für die Zeit nach der Karriere

  • Von Frank Hellmann
  • Lesedauer: 5 Min.

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Mutmaßlich würde eine Umfrage wenig schmeichelhaft ausfallen, könnte man sie unter den Fußballern stellen, die gerade an der Costa del Sol und Costa Blanca mit ihren Klubs ein Winterquartier bezogen haben. Wer hat beispielsweise etwas ins Reisegepäck getan, um sich weiterzubilden? Das genügend Freiraum dafür vorhanden wäre, lässt sich bei Trainingslagern stets daran abzulesen, wie ausgiebig sich Fußballer in den Lobbybereichen der Luxushotels mit ihren Smartphones beschäftigen. Manch einer nimmt sogar seine Playstation mit. Man möchte meinen, die Abwechslung sei hilfreich, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen, aber wäre es nicht besser, mal ganz andere Überlegungen anzustellen? An die Zeit nach der Karriere zu denken?

»Drei von vier Spielern stehen danach ohne abrufbare berufliche Qualifikation dar. Nur rund 25 Prozent tun neben der Karriere etwas für die Weiterbildung«, warnte Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VdV bereits vor einigen Jahren in einem »Welt«-Interview. Falsche Vorstellungen vom Berufsleben seien immer noch weit verbreitet. »Es ist ja legitim, dass 90 Prozent nach der Karriere im Bereich Fußball bleiben wollen. «Das ist aber mathematisch schon mal schwierig, weil die Jobs sehr begrenzt sind und zudem Qualifikationen erfordern, die hart erworben werden müssen.»

Die Bildungsdebatte in der Glitzerwelt Profifußball ist in vollem Gange, seitdem Nils Petersen die These einer schleichenden Verdummung aufgestellt hat. Der 29-jährige Mittelstürmer des SC Freiburg sagte vor dem Jahreswechsel: «Salopp gesprochen, verblöde ich seit zehn Jahren. Manchmal schäme ich mich, weil ich so wenig Wissen von der Welt besitze.» Auf das offene Eingeständnis erfolgte auffällig wenig Gegenrede. Immerhin entgegnete Nationalspieler Sami Khedira: «Wenn man sich ausschließlich auf den Job konzentriert, hat er recht.» Aber es sei doch jedem frei überlassen, sich weiterzubilden.

«Meiner Meinung nach sollte man auch außerhalb des Berufs probieren, den Kopf frisch zu halten. Dafür muss man nicht 500 Bücher lesen», sagte der 30-Jährige. «Statt dessen kann man sich zum Beispiel mit Menschen aus anderen Bereichen unterhalten. Das macht einen reifer, fördert den Weitblick.»

Für Weltmeister wird solcher Input sogar organisiert. Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff hat die Repräsentanten des A-Teams wiederholt mit Persönlichkeiten wie Bergsteiger Reinhold Messner, Golfstar Martin Kaymer oder Formel-1-Pilot Nico Rosberg zusammengeführt.

Grundsätze zum richtigen «Wording» etwa in gesellschaftspolitischen Fragen werden zum Nachlesen sicherheitshalber in einer internen App hinterlegt - wie etwa der richtige Sprachgebrauch zu heiklen Themenfeldern während des Confed Cup in Russland. Damit peinliche Wissenslücken der Jungstars, die sich mit Auto- und Modemarken besser auskennen als mit Politik oder Geschichte, erst gar nicht herauskommen.

Ein deutscher U21-Nationalspieler soll beispielsweise erst bei der EM im vergangenen Jahr in Polen erfahren haben, dass das Land, dessen Trikot er trägt, einmal aus zwei Teilen bestand. Gleichwohl wäre es üble Nachrede, verallgemeinert gewaltige Bildungsdefizite zu unterstellen. Rund zwei Drittel der Spieler hätten mittlerweile Abitur oder Fachabitur, versichert die VdV, die zum Bildungsthema eine Befragung vorgenommen hat. Die Befragung befindet sich gerade in der wissenschaftlichen Auswertung.

Die vor drei Jahrzehnten von den ehemaligen Profis Benno Möhlmann, Ewald Lienen und Frank Pagelsdorf gegründete Spielergewerkschaft weist ihre rund 1200 Mitglieder stets auf den großen Trichter und enormen Konkurrenzkampf im Kickergewerbe hin. «Aus den ganzen Nachwuchsleistungszentren schaffen nur weniger als fünf Prozent aller Spieler den Sprung nach oben», erläutert Baranowsky. Die öffentliche Wahrnehmung werde von den wenigen Galionsfiguren wie Manuel Neuer, Mats Hummels oder Thomas Müller geprägt, das Gros aber seien Profis aus der zweiten und dritten Liga, die schon froh seien, wenn sie für begrenzte Zeit die monatliche 10 000-Euro-Marke knacken.

Und schließlich gibt es noch die Heerscharen junger Spieler aus den fünf Regionalligen, die nach VdV-Angaben oft für umgerechnet vier oder fünf Euro pro Stunde ihren Job ausüben, rechnet man deren Verdienst aus zweimal Training am Tag und reiseintensivem Wettkampf hoch. Ist es da verwunderlich, dass bis heute mehr Fußballer nach der Karriere Schulden als ausgesorgt haben?

Auch für VdV-Präsident Florian Gothe sind die Spielklassen unterhalb der Lizenzligen und der Jugendbereich das wahre Problemfeld. Dort sei seine Institution regelmäßig mit prekären Beschäftigungsverhältnissen konfrontiert und helfe insbesondere denjenigen, die (noch) nicht den Sprung nach oben geschafft haben und denjenigen, die endgültig aus dem System Profifußball herausgespült würden. «Für diese gilt nämlich in der Regel: Existenzangst und leere Taschen statt Ruhm und dicke Autos», schrieb der ehemalige Profi (u.a. VfL Bochum) jüngst im Vorwort seines Verbandsmagazins.

Gothe vermisst in Deutschland den ernsthaften Willen zu regelmäßigen Präventionsschulungen, um die Spieler «vor Gefahren zu schützen und sie schon frühzeitig auf die nachfußballerische Berufslaufbahn vorzubereiten». England sei hier ein leuchtendes Beispiel. «Dort arbeiten Verbände, Klubs und Ligen tatsächlich Hand in Hand zusammen, wenn es darum geht, der Fürsorgepflicht für die Spieler sowie der gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden.»

Sind dafür aber nicht die Berater zuständig, die dem Geldkreislauf der Bundesliga zuletzt allein 148 Millionen Euro an Transferprovisionen entzogen haben? Vereinswechsel und Vertragsangelegenheiten stehen indes höher im Kurs als Weiterbildung und Absicherung. Bei den großen Berateragenturen beinhaltet die «Laufbahnberatung» in erster Linie die fußballerische Karriere - der Antrieb und die Vorstellungen für die Zeit danach, hänge entscheidend vom Akteur selbst ab, heißt es.

Vorzeigebeispiele gibt es: Stefan Reinartz, der im Alter von 27 seine Karriere beendete, um das Kölner Startup «Impect» voranzutreiben, das eine völlig neue Form der Spieldatenerfassung begründete. Der ehemalige Bundesligaspieler findet seine neue Tätigkeit in vielerlei Hinsicht spannender als den aktiven Fußball. Doch viele Kollegen müssten das Leben danach erst erlernen. «Fußballer werden kaum vorbereitet. Ich denke, dass sowohl Vereine als auch Berater oder das direkte Umfeld des Spielers noch besser auf ihn einwirken könnten», sagt Reinartz.

Auch Baranowsky würde sich wünschen, dass die Akteure zu mündigen Persönlichkeiten erzogen werden, weil er grundsätzlich festgestellt hat, «dass die Spieler, die neugierig und selbstkritisch sind, sich reinhauen und Ziele haben, gerade die sind, die es später schaffen, im normalen Leben Fuß zu fassen. Wer hingegen nur den Fußball im Kopf hat, stürzt später meistens ab. Wohl also dem Talent, das aus Verhältnissen kommt, in denen neben dem Sport auch großer Wert auf Bildung gelegt wird.»

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