neues-deutschland.de / 06.01.2018 / Seite 27

»Kommt herunter vom Balkon«

Das Jahr 1968 als ein globales Ereignis.

Rainer Werning

Die sogenannte 68er-Bewegung war ein weltweites Phänomen. Sie erfasste Großstädte in den USA, in Ost- und Westeuropa sowie im Trikont, also in Asien, Afrika und Lateinamerika. Auch begann nicht alles erst im magischen Jahr 1968, sondern schon zuvor. Die innenpolitischen Nuancen der jeweiligen Revolten fielen sehr unterschiedlich aus.

All die weltweiten Proteste wurden überwölbt von dem damaligen außenpolitischen Thema schlechthin: der US-amerikanischen Aggression gegen das, was die Franzosen als ihr Kolonialkonstrukt »Indochina« genannt hatten und womit Vietnam, Kambodscha und Laos gemeint waren. Auch in den bundesdeutschen Medien waren immer wieder diese wirkmächtigen Bilder des ersten »telegenen« Krieges zu sehen, der von Washington als ein Feldzug für »Freedom and Democracy« deklariert wurde, was viele Westdeutsche für bare Münze nahmen - bis zu dem auf Initiative des SDS zustande gekommenen Internationalen Vietnam-Kongress am 17. und 18. Februar 1968 in Westberlin sowie der anschließenden beeindruckenden Internationalen Solidaritätsdemonstration mit der südvietnamesischen Befreiungsfront FNL.

Die Schlusserklärung der Konferenz enthielt ein Sechs-Punkte-Aktionsprogramm, das auf bemerkenswerte Weise die »Globalisierung von unten« vorwegnahm. Es ging darin um Solidarität mit der FNL, um »Aufklärungsaktionen unter den GIs mit dem Ziel, die Wehrkraft der US-Armee zu zersetzen« und um Demonstrationen gegen NATO-Militärstützpunkte in Westeuropa. Es ging auch um die Organisierung von Hafenarbeiterstreiks gegen die Verschiffung von Rüstungsgütern für die US-Aggression in Vietnam und um die Einrichtung einer »Dokumentationszentrale gegen den Missbrauch der Wissenschaft zu Zwecken der imperialistischen Kriegführung«. Das Aktionsprogramm beinhaltete zudem den Aufruf zu einer Kampagne in allen westeuropäischen Ländern zur Aufklärung der Bevölkerung über Konzerne, die als »Produktionsstätten für Vernichtungswaffen am schmutzigen Krieg verdienen«.

Die Vietnam-Großkundgebung in Westberlin im Februar 1968 bildete den Höhepunkt des internationalistischen Engagements, das es in den 1960er Jahren in der Bundesrepublik schon während zweier Staatsbesuche gab: 1964 während der Visite des kongolesischen Ministerpräsidenten Moise Tschombé, der an der Ermordung von Patrice Lumumba beteiligt war, der Galionsfigur im Unabhängigkeitskampf gegen die belgische Kolonialmacht, sowie 1967 beim Besuch des Schahs von Persien. Damals wurde der Student Benno Ohnesorg erschossen.

In den USA waren es Intellektuelle wie Noam Chomsky, Edward S. Herman, Michael T. Klare und Howard Zinn, die Aktionen gegen den Vietnamkrieg unterstützten und mit Gleichgesinnten dafür sorgten, dass etliche desertierte GIs in Kanada oder in skandinavischen Ländern Unterschlupf fanden. Die Proteste gegen den Krieg der eigenen Regierung im fernen Vietnam verband sich mit dem Kampf der Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King, der am 4. April 1968 in Memphis von einem fanatischen Rassisten ermordet wurde.

Es war nicht allein der Vietnamkrieg, der die Protestbewegungen von 1968 entfachte und befeuerte. Vielfach wird übersehen, dass es selbst in den Ländern der sogenannten Dritten Welt heftige politische und soziale Auseinandersetzungen gab, zum Beispiel auf den Philippinen. Als einzige Ex-Kolonie der USA in Asien bildeten die Inselgruppe in Südostasien das Zentrum strikt antikommunistischer Ideologien in der Ära des Kalten Krieges. In Manila war 1954 mit der SEATO das südostasiatische Pendant zur NATO gegründet worden, um die Sowjetunion und die Volksrepublik China militärstrategisch »einzudämmen«. Die USA unterhielten auf den Philippinen mit dem Marinestützpunkt Subic Naval Base und der Luftwaffenbasis Clark Air Field die größten außerhalb Nordamerikas gelegenen Militärbasen. Beide Stützpunkte bildeten - von thailändischen Basen abgesehen - die wichtigsten logistischen Zentren der US-amerikanischen Kriegführung gegen Vietnam, Laos und Kambodscha. Von ihnen aus starteten pausenlos B-52-Bombergeschwader, um ihre tödliche Fracht - inklusive Giftgasen und Napalm - über dem »Vietcong« abzuwerfen, wie es im Jargon der Militaristen in Washington und Saigon hieß. Merkwürdig, dass die internationalistische Linke diesen diskreditierenden Begriff kritiklos übernahm. Einer der Slogans auf dem Vietnam-Kongress lautete: »Kommt herunter vom Balkon, unterstützt den Vietcong!«

Doch zurück zu den Philippinen: Aus westeuropäischer linker Perspektive blieb dieser Staat aus unerfindlichen Gründen ein weißer Fleck. Ich habe es mehrfach erlebt, dass selbst politisch aufgeschlossene Internationalisten im damaligen Westdeutschland die Philippinen für eine Art Gewürzmischung hielten. Die politischen Prozesse dort und die Kämpfe der Studierenden, der Transportarbeiter, der Pachtbauern und der kritischen Intelligenz blieben lange Zeit gänzlich unbekannt.

In der Volksrepublik China befand sich zu jener Zeit die »Große Proletarische Kulturrevolution« auf ihrem Höhepunkt. Sie wurde neben der vehementen Kritik am Vietnamkrieg zu einer weiteren zentralen Bezugsgröße der internationalistischen Linken. Während in Birma (heute Myanmar), Malaysia und Thailand noch kommunistische Parteien gegen die jeweiligen Zentralregierungen kämpften, herrschten in Südkorea und Indonesien mit Park Chung-Hee beziehungsweise General Suharto zwei Militärdiktatoren, die ganz im Sinne ihrer US-amerikanischen Mentoren äußerst erfolgreich blutige Konterrevolutionen exekutierten. In Indonesien wurden über eine Million Menschen massakriert und die vormals weltweit drittstärkste kommunistische Partei zerschlagen.

Einen Sonderfall bildete Japan, wo 1948 der Alljapanische Allgemeine Verband der studentischen Selbstverwaltungen (Zengakuren) als linksradikale Dachorganisation der akademischen Jugend entstanden war. Er organisierte während des Koreakrieges von 1950 bis 1953 Protestmärsche. Vor allem im Kampf gegen den Sicherheitsvertrag mit den USA spielte der Zengakuren eine Schlüsselrolle. Während der Demonstrationen und Straßenschlachten mit der Polizei am 20. Mai 1960 in Tokio stürmte er das Parlamentsgebäude. Ein im Sommer desselben Jahres geplanter Besuch von US-Präsident Eisenhower musste aus Sicherheitsgründen abgesagt werden. Am 15. Juni 1960 wurden bei einer Großdemonstration auf dem Campus der Universität Tokio über 500 Studenten verletzt, einer wurde getötet.

Der Zengakuren spaltete sich dann in verschiedene Gruppierungen auf, die mit der KP Japans oder anderen linken Parteien sympathisierten. Wie andernorts weltweit gab es auch in Japan 1968 landesweite Proteste gegen den Vietnamkrieg, aber ebenso gegen Umweltverschmutzung und die Enteignung von Bauern sowie gegen die rasche Urbanisierung und alle damit verbundenen sozialen und wirtschaftlichen Probleme. Im Oktober 1968 kam es in Tokio zu tagelangen Unruhen, an denen sich Arbeiter und Arbeiterinnen beteiligten. Das Parlamentsgebäude, Polizeistationen, die US-Botschaft und der Bahnhof Shinjuku wurden von Protestierenden angegriffen oder zeitweilig besetzt.

Ins Zentrum der Kämpfe auf den Philippinen rückten ab dem Jahreswechsel 1968/69 zwei bedeutsame Organisationen: Die auf maoistischer Grundlage neu konstituierte Kommunistische Partei der Philippinen (CPP) und die Moro Nationale Befreiungsfront (MNLF) im vorwiegend muslimischen Süden des Archipels. Bereits zuvor, am 30. November 1964, war mit der Kabataang Makabayan (Patriotische Jugend, kurz: KM) eine politische Gruppierung entstanden, die als spätere Jugendorganisation der CPP maßgeblichen Anteil daran hatte, die Studierenden und die kritische Intelligenz ideologisch, politisch und organisatorisch für ihre Ziele einer volksdemokratischen Revolution zu gewinnen. Der KM ging es darum, »die drei Hauptübel Imperialismus, Feudalismus und bürokratischen Kapitalismus« mittels eines Guerillakrieges zu überwinden. Ende März 1969 entstand die New People’s Army (NPA), die gemäß Mao Tse-tungs Diktum einen Volkskrieg zur Eroberung der Städte von den Dörfern her führte. Als Pflichtlektüre galten den Kadern und Sympathisanten das »SND« und das »PSR« - das Buch »Struggle for National Democracy« und das Buch »Philippine Society and Revolution«, beide aus der Feder des CPP-Gründungsvorsitzenden José Maria Sison alias Amado Guerrero.

Zur Bastion des studentischen Protests entwickelte sich der Campus der renommierten staatlichen University of the Philippines in Diliman, Quezon City. Dort gelang es der zunächst kleinen Gruppe der KM zusehends, neue Mitglieder zu werben und die Zuhörerschaft auf den zahlreichen Kundgebungen stetig zu vergrößern. Es ging um akademische Freiheiten, koloniales Gebaren der Universitätsleitung, die Rolle der Regierung als Marionette der USA, den Vietnamkrieg und die Verstrickung philippinischer Verbände darin, um ausufernde Korruption, Vetternwirtschaft, Massenarmut und vieles mehr.

Präsident Ferdinand E. Marcos, nach einem blutigen und kostspieligen Wahlkampf wiedergewählt, hielt am 26. Januar 1970 seine »State of the Nation Address«. Unerwartet für die Sicherheitskräfte hatten sich etwa 50 000 Studenten, Arbeiter, Bauern und Angehörige der Mittelschicht vor dem Kongressgebäude in Manila versammelt, um ihre Version der Lage der Nation lautstark vorzutragen. Es kam zum Handgemenge und schließlich zu einer wahren Prügelorgie mit 7000 Polizisten und Soldaten. Die Auseinandersetzungen eskalierten, als sich am 30. und 31. Januar Aktivisten vor dem Präsidentenpalast Malacanang versammelten und sich anschickten, ein Tor aufzubrechen. Da die Polizei nicht Herr der Lage wurde, ließ Marcos Sonderkommandos aus den Provinzen herbeischaffen. Massiven Tränengaseinsätzen folgten scharfe Schüsse, vier Studenten wurden getötet, Hunderte verletzt.

Diese Ereignisse waren das Fanal für landesweite Kundgebungen und Demonstrationen. Seit dem Frühjahr 1970 verging kaum ein Tag im Großraum Manila, an dem nicht gegen die Regierung protestiert wurde. Im Frühjahr 1971 entstand auf dem Unicampus die kurzlebige Diliman Commune mit einem eigenen Radiosender »Bandilang Pula« (Rote Fahne) und einer gleichnamigen Publikation. Auch hier gingen die Sicherheitskräfte mit äußerster Brutalität gegen die Studierenden vor. Für etliche von ihnen war das der Anlass, eine akademische Laufbahn und ein behütetes Zuhause aufzugeben und sich für ein Leben im politischen Untergrund oder für den bewaffneten Kampf in den Reihen der NPA zu entscheiden.

Im September 1972 verhängte das Regime schließlich landesweit und mit ausdrücklichem Segen Washingtons das Kriegsrecht und bekämpfte alle, die noch Dissens und Widerstand wagten. Zu diesem Zeitpunkt war auch die 68er Revolte in Westeuropa längst abgeklungen.

Unser Autor, Politikwissenschaftler und Publizist, ist Experte für Südostasien.