Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung
  • Politik
  • Repression in der Türkei

Erneut oppositioneller Bürgermeister abgesetzt

Türkei: Während die Regierung auf Versöhnungskurs mit Europa setzt, geht die Verfolgung der Opposition weiter

  • Von Jan Keetman
  • Lesedauer: 3 Min.

Während die Türkei außenpolitisch auf Tauwetter gegenüber Deutschland und anderen EU-Staaten setzt, wird die Unterdrückung der Opposition und der Medien im Inland mit jedem Tag intensiver. Am Donnerstag verurteilte ein Gericht in Diyarbakir den ehemaligen Fraktionschef der linken Oppositionspartei HDP, Idris Baluken, wegen der »Mitgliedschaft in und Propaganda für« die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK zu 16 Jahren und acht Monaten Haft.

Am selben Tag wurde der Bürgermeister des Istanbuler Stadtteils Besiktas, Murat Hazinedar, vom Innenministerium in Ankara abgesetzt. Er gehört der größten Oppositionspartei CHP an. Zusammen mit Hazinedar wurden auch zwei CHP-Stadträte abgesetzt.

Besiktas ist ein relativ wohlhabendes Stadtviertel mit 190 000 Einwohnern am Ufer des Bosporus. Im Ausland ist vor allem der gleichnamige Fußballverein bekannt. Im Jahr 2014 war Murat Hazinedar mit 76 Prozent der Stimmen zum Bürgermeister von Besiktas gewählt worden. Der Kandidat der regierenden AKP erhielt damals lediglich 16 Prozent der Stimmen. Das Innenministerium begründet nun die Absetzung Hazinedars mit gegen ihn anhängigen Untersuchungen. Zugleich wurden Ausreisesperren nicht nur gegen Hazinedar, sondern auch gegen seine Ehefrau und seinen Sohn verhängt.

Die Liste der Vorwürfe gegen Hazinedar ist lang: So soll er für Dienstleistungen der Gemeinde »Geschenke« verlangt haben, Geschäftsleute zu Zahlungen gezwungen haben. Er soll ungesetzliche Ausschreibungen gemacht haben und am Gesetz vorbei Genehmigungen erteilt haben. Er soll außerdem staatliches Eigentum für private Zwecke gebraucht haben. Und vor allem soll Murat Hazinedar Mitglied der »bewaffneten Terrororganisation FETÖ/YPG« sein.

Besagte Terrororganisation ist ein Konstrukt türkischer Staatsanwälte. FETÖ steht für »Fethullah Gülen Terrororganisation«. Gemeint sind alle Anhänger des pensionierten Predigers Fethullah Gülen, den Erdogan für den Putschversuch am 15. Juli 2016 verantwortlich macht. Die laizistische CHP war gegenüber Gülen immer kritisch eingestellt, ganz im Gegensatz zu Erdogan selbst, der die Gülen-Anhänger lange Zeit gefördert hat. YPG steht für »Volksverteidigungseinheiten« und meint den bewaffneten Arm der Partei der demokratischen Union (PYD) in Syrien. Die mehrheitlich aus Kurden bestehenden Verbände der YPG kämpfen an der Seite anderer syrischer Gruppen und der USA erfolgreich gegen den Islamischen Staat. Die YPG steht der PKK nahe. Um sie deshalb mit den Anhängern Gülens als eine Organisation zu bezeichnen, bedarf es aber schon einer Menge Verschwörungstheorie.

Das Vorgehen gegen die CHP-Bürgermeister von Besiktas mag auch von Problemen in den eigenen Reihen ablenken. Zum Jahreswechsel musste die Stadtverwaltung von ganz Istanbul, die seit über zwei Jahrzehnten von Erdogans AKP, beziehungsweise von einer Vorgängerpartei geleitet wurde, zugeben, dass die Kassen leer sind. Der bereits an Unternehmer vergebene Bau von sechs U-Bahnlinien wurde gestoppt; Verträge mussten annulliert und Arbeiter entlassen werden. Trotzdem gehen die Arbeiten an Erdogans Prestigeprojekt, dem dritten Flughafen Istanbuls, der der größte Flughafen der Welt werden soll, weiter.

In den vergangenen Monaten hatte Erdogan auch einige AKP-Bürgermeister zum Rücktritt gezwungen, so die von Istanbul und Ankara, um die Positionen mit anderen Gefolgsleuten zu besetzen. Auch im Südosten des Landes wurden 2016 zahlreiche Bürgermeister inhaftiert und stattdessen Stadtverwalter eingesetzt.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln