Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Licht aus, Licht an

Zum 27. Mal finden in den Sophiensaelen derzeit die »Tanztage« statt

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

Das neue Jahr beginnt in den Sophiensaelen auch diesmal traditionell mit der Schau von Nachwuchschoreografen. Die »Tanztage« haben sich Förderung auf die Standarte geschrieben, und dies nun bereits in der 27. Ausgabe. Aus, so liest man, 70 Bewerbungen hat Festivalleiterin Anna Mülter diesmal sieben Premieren und sieben Gastspiele ausgesucht, die beleuchten sollen, was in der Szene des zeitgenössischen Tanzes an Themen aufblitzt, an Problemen gärt. Elf Tage lang stehen dafür alle Räume der Sophiensaele den internationalen Choreografen, Tänzern und, wie üblich, zahlreichen Zuschauern offen.

Den Auftakt bot eine Erfahrung der besonderen Art. In »Subjects of Positions« lässt Zwoisy Mears-Clarke, studierter Biomedizintechniker, die Besucher und die fünf Akteure der Initiative »tanzfähig« in einem dunklen Raum aufeinandertreffen. Die Performer nehmen jeweils eine Traube von Zuschauern ins Schlepptau und führen sie behutsam durch das Dunkel. Zusätzlich sollen alle die Augen schließen, um jede Orientierung und Beeinflussung etwa durch Notlicht zu vermeiden. Die Mitspieler fassen sich beim Parcours durch den Saal an der Schulter oder den Händen, und niemand weiß, wer vor oder hinter ihm ist. Da der Sehsinn komplett ausgeschaltet ist, reagiert der Tastsinn umso feiner auf die Berührungen. Bewegungen, von der Anführerin erfunden, pflanzen sich durch ihren Pulk fort und bringen so die Körper in tuchfühlenden Kontakt. Wenn das Licht angeht, stehen die Teilnehmer wieder separiert, ohne Kenntnis ihrer Partner im Fühl-Spiel, doch mit geschärftem Empfinden für die Umgebung.

Enttäuschend fiel ein Doppelprogramm als zweite Vorstellung am Premierenabend der »Tanztage« aus. Joy Alpuerto Ritter wollte in »Alter Egos« gewissermaßen das Multiple einer Person erfassen. Unter sieben Wohnstubenlampen, steuerbar zu erleuchten, neben und auf einem Stuhl als einzigem Requisit schlüpft sie in ganz verschiedene Bewegungsqualitäten und umreißt Charaktere. Etwa verliert sie sich in einen gestisch untermalten Yes-No-Dialog, stöckelt auf einem Lichtstreif, federt biegsam über den Boden, bezieht Groteskes ein, lässt sich von Jazz inspirieren. Leider reihen sich die Episoden beinah willkürlich aneinander, ohne eine zwingende Dramaturgie erkennen zu lassen. So präsentiert »Alter Egos« einzig Ritters außerordentliche Vielseitigkeit, ihre körperliche Plastizität, Prägnanz und Präsenz. Ballett hat sie an der Palucca Hochschule für Tanz studiert, ist firm in zeitgenössischem Tanz, HipHop, philippinischen Volkstänzen. Nicht umsonst haben sie der Cirque du soleil und Akram Khan engagiert. Man schaut ihr gern zu und darf auf gesteigerte choreografische Einsichten hoffen.

Gleich 50 Minuten lang versuchte nach der Pause das polnische Duo Przemek Kamiński und Marta Ziółek in »So Emotional« das Feld der Gefühle provokant auszuloten. Als Typen unter weißen Masken und mit Kapuzen agieren sie endlos langsam, formieren sich im Schnittpunkt zweier Lichtbalken zur Pietà, nehmen pathetische Posen ein, zelebrieren Fernboxen, hantieren mit Stöcken zu »Singing in the Rain« und wirken ergreifend hilflos in der Suche nach den geeigneten Mitteln, sich auszudrücken. Falls sie mit dem finalen »lift me up«, von ihr ins Mikrofon skandiert, von ihm im Diskorausch mit dem Rücken zum Saal getanzt, die Zuschauer in manipulierte Rage bringen wollten, ist ihnen das gelungen. Viel mehr nicht.

Zwei weitere Themenkreise offerieren die »Tanztage«. Zum einen Genderfragen. So untersucht Sara Mikolai in ihrem Solo »Sakhi 03.04« die nicht geschlechtsspezifischen Ursprünge des südindischen Bharatanatyam und wie sich die Sakhi-Bindungen, intime Beziehungen zwischen zwei Frauen über Kaste und Klasse hinweg, darin spiegeln. Xenia Taniko eignet sich in »Not your Man« maskulines Gebaren als rein physische Qualität an. Um »Immersive Meditation« geht es, zweites Thema, Reza Mirabi und Roland Walter, einem Tänzer mit Behinderung. Spannend dürfte auch Mey Seifans Stück über Nachtträume syrischer Landsleute sein, in denen sich die Realität eines gebeutelten Landes bricht.

»Tanztage«, bis zum 14. Januar in den Sophiensaelen, Sophienstr. 18, Mitte

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln