Werbung

»Nichts zu verlieren«

Die 25-jährige Sahar demonstriert für den Sturz des Mullah-Regimes in Iran

  • Von Omid Rezaee
  • Lesedauer: 5 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Es ging zunächst nur um gestiegene Lebensmittelpreise, doch mittlerweile geht es um alles: Die Demonstranten in Iran rufen auf der Straße »Tod dem Diktator«. Mit »Diktator« meinen sie den Obersten Religionsführer, Ayatollah Ali Khamenei. Zum ersten Mal seit der Niederlage der sogenannten Grünen Bewegung im Jahr 2009 gehen Iraner und Iranerinnen Tag für Tag erneut auf die Straße.

Sie haben Angst, nicht nur wenn sie demonstrieren, auch wenn sie zurück zu Hause sind. Die Messenger-Dienste sind von der Regierung blockiert und es wird immer schwieriger, sicheren Kontakt aufzunehmen. Den Medien vertrauen sie ohnehin nicht. Eine derer, die die Wut gegen das Regime auf die Straße treibt, ist Sahar*. Sie wagt trotz Angst ein Interview.

Es sei inzwischen zur Gewohnheit geworden, geschlagen und vertrieben zu werden, sagt sie. Viele Freunde von Sahar wurden innerhalb der letzten Tage festgenommen. Sahar macht sich Sorgen, trotzdem demonstriert sie weiter.

Die 25-jährige Frisörin nahm bereits an den Demonstranten 2009 teil, doch jetzt seien die Proteste völlig anders. »2009 war ich nicht wählen gegangen, weil einer meiner Freunde verhaftet worden war. Deshalb war ich noch sehr wütend. Daher bin ich auf die Straße gegangen, nicht um meine Stimme zurückzubekommen, was damals die erste Forderung war. Mir ging es um die Bewegung. Aber jetzt würde ich sagen, die Bewegung 2009 war von der Mittelschicht dominiert.« Sahar sieht zwar die heutigen Proteste als die Fortsetzung der »Grünen Bewegung«, aber die Atmosphäre sei damals eine andere gewesen.

Die »Grüne Bewegung« hatte im März 2009 begonnen, als der reformistische Präsidentschaftskandidat Mir Hossein Mousavi die offiziellen Wahlergebnisse nicht akzeptierte und der Regierung einen massiven und entscheidenden Wahlbetrug vorwarf.

»Bewegung des Brots«

Sahar nennt drei große Unterschiede zur damaligen Situation: Die Bewegung habe nicht in Teheran, sondern in den Kleinstädten und Provinzen angefangen. Sie habe keinen Anführer im Gegensatz zur »Grünen Bewegung«, deren Galionsfiguren die Kandidaten der Präsidentschaftswahl waren, die offiziell verloren hatten. Der dritte Unterschied sei, dass die Bewegung eine der Unterschicht sei, deren Forderungen viel drastischer seien als die des Jahres 2009.

Die Forderungen der Reformer seien jetzt auf den Straßen gar nicht zu hören. »Das ist eine Bewegung des Brots.« Sahar sieht die Proteste als eine Gelegenheit dafür, nicht nur Reformen zu erreichen, sondern das Regime zu stürzen.

Die junge Friseurin hält die aktuellen Proteste für stärker. »Nun sind einige Städte beteiligt, deren Namen man nie zuvor gehört hat!« In Teheran hätten viele, die 2009 auf die Straße gingen, dieses Mal nicht demonstriert und würden die Proteste sogar ablehnen. Deshalb seien in der Hauptstadt weniger Demonstranten auf der Straße und die Niederschlagung des Protests dieses Mal viel einfacher.

Inzwischen steigt die Zahl der Festgenommenen kontinuierlich. Gleichzeitig wird bekannt, dass viele Aktivisten und Studenten, die teilweise gar nicht an den Protesten beteiligt waren, zu Hause verhaftet werden. Man weiß nicht, ob die abgebrochenen Kontakte mit dem langsamen Internet zu tun haben oder die Leute, die ein Interview versprochen hatten, jetzt auch inhaftiert sind. Letzten Behördenangaben zufolge sind 3700 Demonstranten und Aktivisten ins Gefängnis gesteckt worden.

Als Frau unterdrückt

»Abgesehen davon, dass ich jede Art des Protests gegen dieses Regime gut finde, ist die schönste Parole, die ich je auf der Straße gehört habe: ‘Brot, Arbeit, Freiheit’. Das unterstütze ich aus tiefstem Herzen, als eine Frau, die mit ihrem Lohn nicht über die Runden kommen kann«, so die 25-Jährige.

Sahar sagt, sie sei ein einfacher Mensch, ihr Alltag sei nicht besonders aufregend. Trotzdem befinde sie sich immer am Rande der Strafbarkeit. »Dass der Staat mein ganzes privates Leben beobachtet, dass ich mich nicht nach meinem Geschmack anziehen darf, dass der Staat sich einmischt, ob ich Jungfrau bin oder nicht, ist unerträglich.«

Dann erzählt sie von einer Frau, die ein paar Tage vor Beginn der Proteste in den letzten Dezembertagen ihr weißes Kopftuch nicht um den Kopf gewickelt trug, sondern es an einem Stock wie eine Fahne schwenkte. Die Szene wurde zum Symbol der Proteste. Die Frau ist verschwunden. Sahar fragt sich, wo sie heute ist.

Ihr sei klar, dass sie sich wegen des Kontakts mit den Medien in Gefahr begibt. Sahar sei aber wichtig, dass die Stimme der Protestierenden mehr Menschen erreicht. Sie wünscht sich internationale Solidarität.

Angst vor der anhaltenden Misere

Die Proteste seien ein Funke für die hoffnungslosen Iraner, für die die Lage immer schlechter werde. »Sie haben nichts zu verlieren und ihnen bleibt nichts übrig, außer auf die Straße zu gehen, auch wenn es sie das Leben kosten könnte«, sagt Sahar.

Sahar’s Körper trägt auch Tage später noch die Spuren der Proteste. Sie wurde verletzt. Der Schlagstock tue »einfach weh«, berichtet die junge Frau. Sie werde aber trotzdem auf die Straße gehen, sollte es weitere Demonstrationen geben.

Auf die Frage, ob sie Angst habe, antwortet Sahar mit einem Kloß im Hals: »2009 wurde einer neben mir erschossen. Das hätte ich sein können. Natürlich habe ich Angst. Angst davor, geschlagen zu werden, festgenommen zu werden, ermordet zu werden.« Aber noch mehr bedrücke sie die Angst, den Rest ihres Lebens in »dieser Misere verbringen zu müssen«.

*Name von der Redaktion geändert

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Schenken Sie schon, oder rätseln Sie noch?

Verschenken Sie das »nd«

Klare Worte, Kritische Debatten und mutiger Journalismus von Links: Das »nd« wird Sie bewegen.

Jetzt verschenken oder sich selbst beschenken