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»Filmemacher sind Terroristen«

Agnieszka Hollands Film »Die Spur« begleitet eine eigenbrötlerische Vegetarierin, die als Mörderin bezichtigt wird

Ist die Zeit reif dafür, dass Frauen die Macht erringen?

Die Zeit dafür ist reif. Positive Veränderungen werden künftig von Frauen oder ihrem Standpunkt ausgehen. Männer haben die Demokratien nach ihren Vorstellungen geprägt und Frauen lange von der Macht ausgeschlossen. Auf die Einforderung der Rechte von Frauen und Homosexuellen, aber auch von Tierrechten, reagieren die Männer oft defensiv und aggressiv. Sie fühlen sich abgehängt, es geht ihnen einfach zu schnell. Doch trotz dramatischer Rückschläge und Konterrevolutionen geht es für uns Frauen vorwärts.

Ist Ihr Film »Die Spur« ein Kommentar zur Entwicklung rechter Strömungen in Polen oder Europa?

Die Macht wird uns Demokraten gerade aus den Händen gerissen. Die heutigen Machthaber in Polen repräsentieren die Millionen, die sich durch Globalisierung und Emanzipation gefährdet sehen. Die Gleichberechtigung der Frauen führte zur Veränderung der Demografie. Frauen bekommen seltener Kinder, ausgerechnet das katholische Polen gehört zu den Schlusslichtern in der EU. In meiner Generation gehöre ich zu den Ausnahmen. Ich hätte gerne drei Kinder bekommen, das war mir nicht vergönnt. Heute ist Kinderlosigkeit normal. Jede Frau kann das zum Glück selbst entscheiden. Aber viele Männer sehen diese Wahlmöglichkeit als Gefahr - insbesondere erzkonservative Männer wie Donald Trump oder Jarosław Kaczyński. Sie fühlen, dass ihnen die Macht aus den Händen gleitet. Sie verfolgen auch Homosexuelle, weil die keine eigenen Kinder zeugen können. Aber letztlich ist dies nur ein Stellvertreterkrieg gegen Frauen, die das traditionelle Familienbild ablehnen.

Braucht Polen seine Künstler und Künstlerinnen als Gegengewicht zur herrschenden Politik?

Sie wollen doch nicht, dass ich für das Amt des Premierministers kandidiere? Natürlich sind meine Filme politisch. Mir wurde vorgeworfen, der Film sei antichristlich und ich unterstütze Terroristen. Ich wurde als jüdische, kommunistische Ratte verunglimpft. Ich bin nicht naiv und habe ablehnende Reaktionen erwartet, aber dieser Vorwurf traf mich doch.

Haben Sie Angst?

Nein, ich bin nicht so leicht zu erschrecken. Aber es ist nicht angenehm. Mir sind weder die Ursachen für den Hass auf die liberalen Freiheiten noch für den polnischen Patriotismus verständlich, der das Land für das beste aller Länder hält. Noch weniger verstehe ich den Hass gegenüber den wenigen Juden im Land. Ich hasse ja auch keinen.

Der Antisemitismus und der Nationalismus werden nicht nur in Polen stärker.

Ich fürchte, dass die Nachkriegsordnung ausgedient hat. Sie hält noch in Deutschland, aber Gott weiß, wie lange. Dafür gibt es ökonomische und demografische Gründe. Dazu kommt die Immigration, auf die Europa keine Antwort kennt. Ich kann jeden Menschen verstehen, der seine Heimat verlässt, weil es ihm woanders besser geht. Ich weiß aber nicht, ob es immer die beste Lösung für die Länder ist, wenn die Jungen, Motivierten und politisch Andersdenkenden gehen. Diese Immigration beflügelt populistische Bewegungen in Europa, sie ist aber nicht deren Ursache. Die Eliten wurden narzisstisch und korrupt. Die Politiker haben sich an der Macht berauscht und die wirklichen Probleme beiseitegeschoben. Dieses Vakuum haben die Populisten genutzt. Trump und Kaczyński haben die richtigen Fragen gestellt. Die Lösungen sind katastrophal. Sie spalten die Nationen und die Gesellschaft. Sie spielen ihre Macht hemmungslos aus, was Aggression erhöht und mental dem Faschismus den Weg bereiten kann.

Was können ausgerechnet Filmemacher dagegen tun?

Bildlich gesprochen sind Filmemacher schon Terroristen. Ich selbst bin eine Kämpferin, ich halte die Fackel hoch. Ich mache Filme, bei denen die Menschen nicht aus der Wirklichkeit entfliehen können. Ich provoziere, lote Grenzen aus und überschreite sie. Sodass die Menschen meine Vision mit ihrem Leben abgleichen können. Für mich ist das ein Ausdruck von Freiheit. Meine Intentionen treffen sich mit den Vorstellungen der liberalen Presse und Öffentlichkeit. Leider konnte ich in den vergangenen Jahren in Polen beobachten, dass jede Aussage zum politischen Statement wurde. »Ida« von Pawel Pawlikowski, Oscar-Gewinner und der größte Erfolg der jüngeren polnischen Filmgeschichte, wurde als antipolnisch verunglimpft und wird nicht im Fernsehen gezeigt. Und auch das Publikum hat sich verändert. Für sie ist das Kino vor allem eine Flucht vor der Realität.

Was Sie als Regisseurin US-amerikanischer Fernsehserien wie »The Wire« auch bedient haben, oder nicht?

Ich habe dabei viel über die USA gelernt. Ich musste mich dem eta- blierten Stil der Serie anpassen und sie in den vorgegebenen Strukturen weiterentwickeln. Am Set meines nächsten Films wusste ich dann nicht mehr, wie ich mit der Kamera arbeiten soll. Ich war entsetzt. Wenn man Autorenfilmer sein will, sollte man vorsichtig sein und sich nicht der Gefahr aussetzen, seine Handschrift zu verlieren.

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