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Det war sein und is’ unser Milljöh

Im Zille-Museum wurde das Zille-Jahr ausgerufen - nicht konkurrierend, sondern kongruent mit Marx

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 5 Min.

Das Nikolaiviertel war noch nicht erwacht, der Nebel über der Stadt hatte sich noch nicht gelichtet, noch strömten keine Touristen durch das älteste Stadtviertel Berlins, da wurde im Zille-Museum schon kräftig gefeiert. Viel Volk kam, um »Pinselheinrich« zum 160. Geburtstag zu gratulieren, Ost- und Westberliner. Selten sah man sie so fröhlich, ungezwungen vereint. Das schafft wohl nur »Vater Zille«.

Sie alle waren und sind eng verbunden mit dem 2002 eröffneten Zille-Museum, das nach kurzzeitiger Schließung und Sanierung im Oktober 2016 neu eröffnete. Dank einer zivilgesellschaftlichen Initiative, die sich über das große Interesse der Hauptstädter wie Tausender Besucher freut, aber enttäuscht ist über mangelnde Aufmerksamkeit bei den Stadtvätern und Stadtmüttern. Kultursenator Klaus Lederer (Linkspartei) hat sich zwar unter die Schar der Gratulanten am gestrigen Mittwoch im Museum begeben und versprochen: »Über Unterstützung kann man jederzeit reden« - indes, erfahrungsgesättigte Skepsis konnte er nicht ausräumen. Werden den Worten Taten folgen?

Urenkel Hein-Jörg Preetz-Zille - begleitet von Ururenkel und Urururenkel (»Wir sind ein Ur-Volk«) - lässt es sich nicht nehmen, explizit coram publico seine Hoffnung zu artikulieren, endlich »eine befürwortende Stimme im Senat« zu wissen. Für die Erinnerung an einen »eminent politischen Künstler, der klar die Missstände in der deutschen Hauptstadt zeichnerisch benannt hatte«. Der Nachfahr dankt den vielen ehrenamtlichen Müttern, Vätern, Onkeln, Tanten und Paten des Museums und zitiert, quasi in Ermahnung städtischer Entscheidungsträger, Wilhelm Busch: »Ein Onkel, der etwas mitbringt, ist besser als eine Tante, die nur Klavier spielt.«

Preetz-Zille kann sich durchaus auch eine stärkere Kooperation etwa mit der Akademie der Künste vorstellen, dessen Mitglied - als diese noch das Adjektiv »Preußische« trug - Heinrich Zille war. Und zwar dies ob der Fürsprache von Max Liebermann, dessen erste Radiermappe in der »Photographischen Gesellschaft« verlegt worden ist, für die Zille zunächst, nach seiner Ausbildung als Lithograph, arbeitete. Der renommierte deutsch-jüdische Maler, der erstmals in monumentalen Ölgemälden die schwer arbeitende Klasse (statt Regenten) würdigte, war es auch, der Zille, seinen »alten Bilderätzer«, ermutigte, die Studien und Skizzen im Arbeitermilieu nicht aufzugeben, obwohl diese bei snobistischen Zeitgenossen nicht als Kunst galten. Zille selbst schrieb dereinst in einem Brief an einen Kollegen über seine zweite Ausstellung zwar stolz, sie sei »sehr gut« angekommen: »Man hat mich in den Zeitungen öfters genannt.« Aber auch, lustvoll-spöttisch hinzugefügt: »Habe nur Arbeitermotive, die sich niemand in die gute Stube hängt, ick dät’s ooch nich’.«

Irrtum, lieber Herr Zille, möchte man da ausrufen. Und wenn du wüsstest, was es für einen Auflauf deinetwegen gestern im Herzen Berlins gab! Sogar aus deiner Geburtsstadt kamen sie, um dich an der Stätte deines Ruhms zu feiern.

Die Bürgermeisterin aus der Heinrich-Zille-Stadt Radeburg, Michaela Ritter, führt die Jubiläumsgäste auf einem imaginären Spaziergang durch den zwölf Kilometer nördlich von Dresden gelegenen Ort, wo der Zeichner und Grafiker am 10. Januar 1858 als Sohn des Uhrmachers Johann Traugott Zille und der Bergmannstochter Ernestine Louise geboren wurde: vom Rathaus in der Heinrich-Zille-Straße 6 über die Zille-Oberschule und am Zille-Denkmal vorbei in die Zille-Stuben. Urenkel Preetz-Zille, der sich schon vom vielfältigen Gedenken dort an seinen Urahnen überzeugen konnte, schlägt zur Erheiterung aller vor, Radeburg in »Zilleburg« umzubenennen.

Selbstredend bringt die Bürgermeisterin ein Geburtstagsgeschenk mit, das der leibhaftige Zille-Darsteller Albrecht Hoffmann übernimmt: einen »Schwips-Bogen« im Stil der erzgebirgischen Schwibbögen, verziert mit Zilles alkoholisierten Originalen. Hernach ruft der Mime ganz nüchtern und launig das Zille-Jahr aus. Das, wie er später »nd« versichert, nicht in Konkurrenz, sondern kongruent zum Marx-Jahr begangen werde.

Natürlich sind sie alle da, die Typen aus Zilles »Milljöh«: die blinde Harfenjule, die Blumenverkäuferin, die Reisigsammlerin, die Drehorgelspielerin, die Köchin, die Schwangere, die Straßenmädchen, der Droschkenkutscher - und die Berliner »Jören«. Stellvertretend für Letztere schenken Luise, Samuel und Oskar aus der Klasse 5 b der Zille-Schule in Friedrichshain der Inkarnation ihres Namenspatrons selbst gebraute Brause und eine Sonderausgabe ihrer Schülerzeitung »Zille News«. Im Erdgeschoss sind Zille-Schüler zudem fotografisch verewigt. Sie posieren in historischen Kostümen, ausgeliehen vom Maxim-Gorki-Theater respektive aus Ur-Großmutters Mottenkiste gekramt. Ein Kunstprojekt unter Anleitung von Kathrin Göpfert. Eine großzügige, unentgeltliche und unbefristete Leihgabe fürs Museum überreicht dann auch noch eine Dame aus Köln: eine Original-Kohlezeichnung von Zille: »Mutter mit Kind«.

Nein, er sei nicht unglücklich, zu spät geboren zu sein, seinen Urgroßvater nicht mehr kennengelernt zu haben, antwortet Preetz-Zille auf »nd«-Nachfrage. »Ich hatte das Glück, in eine besser Zeit hineingeboren zu werden, die auch und gerade Heinrich Zille mit seinen sozialkritischen Zeichnungen herbeiführte.« Jürgen Borgard, Mitbegründer und Kurator des Museums, führt mich sodann in jenem Raum, in dem einst ZK-Mitglieder Sonderschauen mit Miedermoden genossen, zu einem Marx-Porträt von Zille, einer Radierung. Was für eine Überraschung. »Als einen Marxisten kann man Zille nicht bezeichnen«, meint Bogard, »aber er war politisch links.« Schließlich zeigt er auf ein Plakat, zu Zilles 100. Geburtstag 1958 vom Amt Charlottenburg in Auftrag gegeben . Na und? Was ist daran besonders? »Zille war damals im Westen verpönt.«

Weil Hausherrin Karin Heckendorf herumwuselt, sich um Freunde und Förderer kümmern muss, bitte ich Walter Plathe in der »Zille-Destille« neben dem Museum zum Plausch. Der Schauspieler, der sich maßgeblich um die Existenz der Erinnerungsstätte verdient gemacht hat, erhielt als achtjähriger Bub sein erstes Zille-Album von der Mutter geschenkt. »Ich wuchs im Scheunenviertel auf, über das damals noch ein Hauch von Zilles Milljöh lag«, sagt er, der den Meister schon auf der Theaterbühne gab.

Zeiten und Gestalten mögen andere sein. Aber auch die heutige Gesellschaft hat Kasematten des Reichtums sowie trost- und hoffnungslose Hinterhöfe der Armut. Beim Rundgang durchs Museum fällt mein Blick auf ein Blatt, das einen Dreikäsehoch zeigt, der stramm steht vor dem auf einem kleinen Tisch liegenden »Eisernen Kreuz« des gefallenen Vaters, an den er keine Erinnerung haben dürfte; dahinter auf dem Bett sitzend die gramerfüllte Mutter mit den anderen Kleinen. Zilles »Milljöh« ist noch immer auch unser »Milljöh«.

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