Werbung

Mit der Kreuzotter gekreuzt

Schweizer Forschern ist erstmals der Nachweis von Hybriden der am weitesten verbreiteten Giftschlangen Mitteleuropas gelungen. Von Kai Althoetmar

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Giftschlangenarten in Westeuropas freier Wildbahn lassen sich an zwei Fingern abzählen - allerdings ist die eine Spezies stets da, wo die andere nicht ist: Kreuzotter und Aspisviper kreuchen durch verschiedene Lebensräume und kommen im Allgemeinen nicht gemeinsam vor. Während Vipera berus, die Kreuzotter, in fast ganz Eurasien heimisch ist, nicht aber im Süden Frankreichs, auf der Iberischen Halbinsel und in Italien außerhalb von Südtirol, hat die ähnlich gezackte, aber noch giftigere Vipera aspis ihr Zuhause in Italien, dem Süden Frankreichs, in Nordspanien, Teilen der Schweiz und Sloweniens sowie in zwei Tälern des südlichen Schwarzwaldes. Die Trennung wäre perfekt, gäbe es da nicht ein paar »gallische Dörfer« im Département Loire-Atlantique im Westen Frankreichs. Dort kreuzen sich die Wege der beiden lebend gebärenden Vipernarten in wenigen Kontaktzonen - mit einschlägigen Resultaten: Kreuzottern und Aspisvipern paaren sich dort und zeugen Hybride.

Das fanden Wissenschaftler der Universität Basel und des Zentrums für biologische Studien im französischen Chizé (Region Nouvelle-Aquitaine) heraus. Im »Journal of Zoology« (Bd. 302, S. 138) stellten sie ihre Forschungsresultate vor. Die Studie liefert erstmals den Nachweis der Hybridisierung zwischen diesen beiden europäischen Vipernarten.

Zwölf Jahre lang hat ein Team um den Schweizer Biologen Sylvain Ursenbacher in Westfrankreich die sich geografisch überlappenden Populationen der beiden Vipernarten erforscht. Dazu fing das Forschertrio jedes Jahr an sonnigen Tagen an Heckenrändern Vipern ein. 544 Kreuzottern und 549 Aspisvipern wurden gewogen, gemessen und auf Anzeichen von Hybridisierung untersucht. Zehn Individuen wiesen deutliche Kreuzungsmerkmale auf. Diese Reptilien wurden molekularbiologisch analysiert. Als Vergleichsprobe untersuchten die Forscher auch die DNA von jeweils 20 Nicht-Hybriden, die außerhalb der Überlappungszone gefangen wurden.

»Unsere Ergebnisse zeigen, dass Hybridisierung stattfindet und zielgerichtet ist, weil es in allen untersuchten Fällen weibliche Aspisvipern und männliche Kreuzottern umfasst«, schreiben die Forscher in ihrer Studie. Unter den gekreuzten Individuen befanden sich sowohl Kreuzungen aus beiden Vipernarten als auch Rückkreuzungen, die aus der Paarung von Kreuzottermännchen mit Hybriden-Weibchen hervorgegangen sind. Alle untersuchten Hybriden wiesen Körperlängen und Kopfschilde auf, die zwischen den Normmaßen beider Schlangenarten liegt.

Die Forscher hatten das Glück, auch drei trächtige Hybriden-Weibchen einfangen zu können. Um die Lebensfähigkeit dieser Nachkommen war es aber eher schlecht bestellt: Die große Mehrzahl der Eier im Körper war nicht entwickelt, geboren wurden nur wenige Junge, wie die Forscher berichten.

Generell unterscheiden sich die Lebensräume beider Vipernarten fundamental. Kreuzottern, die bis in den Norden Skandinaviens vorkommen, sind an Kälte angepasst und kommen auch in feucht-sumpfigen Gegenden zurecht, während Aspisvipern trockene und wärmere Lagen benötigen. In wenigen Landstrichen Frankreichs, der Schweiz, Italiens und Sloweniens überlappen sich die Vorkommen geringfügig. Vorherige Suchen anderer Forscher nach Hybriden in diesen Gegenden waren erfolglos - offenbar, so die Studie, weil wegen des Klimas in den bergigen Untersuchungsgebieten die Paarungszeiten der beiden Arten nicht zusammenfielen. In der flachen Region Loire-Atlantique aber sind die Paarungsmonate identisch. Dort haben Eingriffe des Menschen in die Landschaft die Hybridisierung zwischen den beiden Lauerjägern laut der Studie erst ermöglicht: zunächst die Trockenlegung von Sümpfen, die Aspisvipern meiden, dann die Abholzung vieler Hecken. Die Landschaft wurde monotoner, ökologische Barrieren zwischen den beiden Vipernarten wurden stellenweise ausradiert, sodass sich Lebensräume vermischten.

Der Befund der Studie aus dem Westen Frankreichs überrascht, weil Hybridisierung in der Regel nur zwischen evolutionsgeschichtlich nahe verwandten Arten stattfindet. Kreuzotter und Aspisviper haben sich jedoch schon vor etwa 13 Millionen Jahren entwicklungsgeschichtlich voneinander getrennt - was ein heutiges Rendezvous der beiden Spezies unter den Hecken des Loire-Tals nicht ausschließt.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Die Serie aus dem studentischem Kosmos.

Leben trotz Studium?!

Jetzt 14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt lesen und keine Folge verpassen.

Kostenlos bestellen!