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Systemische Vertrauenskrise

Lügen die Medien? Wenn das so einfach wäre…

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 6 Min.

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Zuwachs an Effektivität durch höhere Veredlung« - so titelte das »ND« heute vor dreißig Jahren. »Vertrauensleute beschlossen Wettbewerbsprogramme: Leunawerker senken Energieverbrauch um 4,5 Prozent/ Rationeller Lederzuschnitt in Schwerin/ Obertrikotagen aus neuen Gestricken«.

Der Text stammte nicht, wie die meisten in dieser Ausgabe, von der staatlichen Nachrichtenagentur ADN, sondern »von unseren Bezirkskorrespondenten«. Die wussten, was die Chefredaktion erwartete und was die ZK-Abteilung für Agitation und Propaganda einforderte, aber nicht, wie ernst es um ihren Staat stand. Zweckoptimismus und verzweifelte Beschwörung - kaum zwei Jahre später war der Kalte Krieg, auch durch eigene ökonomische Schwäche, verloren. Die ganze »ideologische Arbeit« vernebelt über den Menschenschlangen, die auf der anderen Seite ihr Begrüßungsgeld erwarteten.

Wie offen, ja plump, DDR-Medien Ideologie vor Augen führten, konnte für später indes nützlich sein. Auch künftig würde man die »ideologische Nachtigall« trapsen hören, sich allerdings immer wieder fragen müssen, wie das denn funktioniert unter Bedingungen der Meinungsfreiheit, die wir (noch?) weitgehend haben. »Ostdeutsche schenken Medien und Kirchen einer Umfrage zufolge deutlich weniger Vertrauen als Westdeutsche«, hieß es kürzlich in einer dpa-Meldung (»nd«, 3.1.2018, S. 5). »Nur 16 Prozent der Menschen im Osten trauen dem Fernsehen (Westdeutsche: 30 Prozent), nur 27 Prozent der Presse (West: 43) und 41 Prozent dem Radio (West: 53).« So fragwürdig solche Umfragen sein mögen - welche Fernsehsendungen, welche Zeitungen werden wofür kritisiert? -, das Stimmungsbild ist bedenklich, auch für die alten Bundesländer

»Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung« ist nur eine von vielen medienkritischen Publikationen, die in letzter Zeit auf den Buchmarkt kamen. Eine notwendige gesellschaftliche Debatte anzustoßen, haben die Autoren wohl gehofft. Doch abgesehen von der generellen Schwierigkeit, dem Gedankenreichtum hochkarätiger politischer Sachbücher in einer Rezension gerecht zu werden, hätten die gescholtenen Medien in diesem Falle über ihren Schatten springen müssen - wenn nicht zum Zwecke systemkritischer Auseinandersetzung, so doch vielleicht aus Einsicht, dass es unklug ist, etwas unter den Teppich zu kehren, was offenbar viele Menschen bewegt.

Im Stimmengewirr verschiedenster, auch gegnerischer, Meinungen hat die bürgerliche Demokratie bislang ihre systemschützende Kraft bewiesen. Inzwischen scheint sich eine ideologische Immunschwäche auszubreiten. Zeichen einer politisch-ökonomischen Krise: Da schwächt es die Gegenkräfte, wenn sich Äußerungen diffusen Unbehagens und Aufbegehrens im national-rechten Lager verorten lassen und dadurch linkem Protest entzogen werden. Strategisch bauen antidemokratische Bewegungen, so störend sie für die etablierten Parteien momentan sind, eine autoritäre Reservebastion auf, um im Falle krisenhafter Eskalation die Macht der Besitzenden zu sichern.

In besagtem Buch hat Jens Wernicke 24 Journalisten, Wissenschaftlern und Mitarbeitern diverser Institutionen kluge Fragen gestellt, sodass sich aus den Antworten tatsächlich ein »Medienkritik-Kompendium« ergibt, wie der Untertitel verspricht. Unaufgeregt und sachlich, ist das Buch von beeindruckender Informationsdichte: Wieso Journalisten, die sich für intelligent und frei halten, geopolitische Gut-Böse-Geschichten erzählen, überhaupt gängige Meinungen nachbeten, und auf welche Weise sich diese herausbilden, welche Lenkungsmechanismen durch Nachrichten- und PR-Agenturen sowie Geheimdienste existieren (sehr aufschlussreich!), das wird konkret erklärt und mit vielen Beispielen belegt. Eigentumsverhältnisse und Werbekunden: Wer das Geld gibt, kann Einfluss nehmen. Mitarbeiter werden ausgewählt, die zum Unternehmen »passen« und in einen Arbeitsrhythmus gepresst, der vielfach kaum Möglichkeiten zu eigenständiger Recherche bietet. Durch die Forderung nach Verkäuflichkeit, ja Massentauglichkeit, wird Druck erzeugt. Im Online-Journalismus (hier unterbelichtet) ergeben sich durch den Zwang zur Suchmaschinenoptimierung noch größere Probleme.

Interessant im Einzelnen, wie BRD-Zeitungen mit der Nazi-Presse verbandelt waren, aber noch wichtiger für die Gegenwart, wie man Propaganda erkennt und gegen Psychotechniken immun wird, die bekanntlich auch der Rechtfertigung von Kriegen dienen. Deutsche Berichterstattung über Syrien, Russland, die Ukraine wird untersucht. Die Begriffe »Lügenpresse« und »Verschwörungstheorie« werden unter die Lupe genommen wie überhaupt die Manipulation durch Sprache. Wichtig zu verstehen, wie linkes Protestpotenzial, trotz bestgemeinter Absichten, sich im Sinne neoliberaler Entpolitisierung zerfasert, wenn Eigentums- und Verteilungsfragen aus dem Blick geraten.

Insofern differenziert sich die Fragestellung im Titel. »Lügen die Medien?« - Wenn das so einfach wäre … Abgedruckt im Buch ist auch ein Vortrag des US-amerikanischen Wissenschaftlers Noam Chomsky. Der allein schon wäre der Lektüre wert, weil er auf gelassen-sarkastische Weise so gänzlich ohne Illusionen ist: »Die Massenmedien im eigentlichen Sinn haben im Wesentlichen die Funktion, die Leute von Wichtigerem fernzuhalten. Sollen die Leute sich mit etwas anderem beschäftigen, Hauptsache, sie stören uns nicht - wobei ›wir‹ die Leute sind, die das Heft in der Hand halten … Wenn jedermann Sport oder Sexskandale oder die Prominenten und ihre Probleme unglaublich wichtig findet, ist das okay. Es ist egal, wofür sich die Leute interessieren, solange es nichts Wichtiges ist. Die wichtigen Dinge bleiben den großen Tieren vorbehalten: ›Wir‹ kümmern uns darum.«

Der Staat ist das Machtinstrument der herrschenden Klasse. Medien als Ideologieproduzenten, verdeckter, geschickter als zu DDR-Zeiten, als alles von oben gesteuert war. Repressive Toleranz, was Gegenmeinungen betrifft, so lange sie in der Minderheit bleiben und es nicht zu ernst gemeinten antikapitalistischen Aktionen kommt. Gut, wenn man’s durchschaut. Doch was kann man tun angesichts festgefügter Herrschaftsverhältnisse? Ja, was will man überhaupt?

Es gibt einen leeren Raum zwischen dem Wissen um Widersprüche und fehlender sozialer Bewegung. Ein Aufbruch zu mehr sozialer Gerechtigkeit tut Not. Doch die Wahlerfolge der AfD lassen befürchten, dass die neoliberale Demagogie bereits gewirkt hat im Sinne von Entsolidarisierung und Bereitschaft zu harten Lösungen. Die Vertrauenskrise gilt doch nicht nur den Medien, sondern dem ganzen kaum durchschaubaren Gesellschaftssystem hemmungsloser Gewinnmaximierung. Die Besitzenden schotten sich ab, und die Masse der Bevölkerung muss sehen, wo sie bleibt.

Und was die Medienmenschen betrifft: Ein Mangel sei, dass es neben Theater- oder Literaturkritik keine institutionalisierte Medienkritik gibt, so Daniela Dahn im abschließenden Interview des Bandes. Es wäre schon viel gewonnen, wenn »simpelste journalistische Grundsätze« beachtet würden, »etwa, dass es für eine Behauptung mindestens zwei unabhängige Quellen geben muss« und »dass im Konfliktfall beide Seiten gehört werden müssen«. Andernfalls wird Wirklichkeit tatsächlich verzerrt, wie sie an mehreren Beispielen belegt.

Jens Wernicke: Lügen die Medien? Das Medienkritik-Kompendium. Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung. Westend Verlag. 359 S., br., 18 €.

Am 15. Januar ab 18 Uhr laden Irmtraud Gutschke und Daniela Dahn ins Haus am Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin, zum Gespräch über die Vertrauenskrise der Medien.

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