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Vom Wagnis überzeugt

Die deutschen Handballer änderten kurz vor ihrem ersten EM-Spiel noch einmal ihre Defensivtaktik

  • Von Michael Wilkening, Zagreb
  • Lesedauer: 3 Min.
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Patrick Wiencek (r.) scheiterte 2013 gegen Igor Markovic und Montenegro in der EM-Quali. Zum Auftakt dieser EM muss ein Sieg her.
Patrick Wiencek (r.) scheiterte 2013 gegen Igor Markovic und Montenegro in der EM-Quali. Zum Auftakt dieser EM muss ein Sieg her.

Christian Prokop erinnerte am Freitag an einen Schuljungen kurz vor einer wichtigen Klassenarbeit. Er hat alles gelernt hat, weiß, was er wissen muss. Von Nervosität war keine Spur, obwohl an diesem Samstag zum ersten Mal Millionen Menschen auf ihn achten werden. Im Grunde steht der Trainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft vor seiner Zwischenprüfung. Beim deutschen Auftaktspiel der Europameisterschaft gegen Montenegro wird der Coach zum ersten Mal bei einem großen Turnier »abgefragt« und Prokop vermittelte den Eindruck, als würde er sich auf den Test freuen und sich nicht davor fürchten.

»Wir wollen Deutschland begeistern«, sagte der Bundestrainer. Er strahlte dabei die Überzeugung aus, dass dieses Vorhaben gelingen wird, doch eine selbst auferlegte Zurückhaltung verhinderte dann doch die dementsprechend klarere Formulierung. Prokop will schließlich nicht überheblich wirken, sondern überzeugt. »Wir haben in der Vorbereitungsphase und den Testspielen gegen Island eine gute Stimmung erzeugt und die wollen wir hier im ersten Spiel auf das Parkett bekommen«, erklärte der Handballlehrer.

Als er am Freitag im Teamhotel über das Duell mit Montenegro sprach, lastete nicht die Bürde auf ihm, eine Mannschaft der Hochveranlagten zu Erfolgen führen zu müssen, sondern die Dankbarkeit, es zu dürfen. Vielleicht sorgte dieses Gefühl dafür, dass Prokop die Ziele für den amtierenden Europameister beim anstehenden Turnier erstmals etwas offensiver formulierte: »Wir gehören zum Favoritenkreis bei der EM.«

So ist es dann nur logisch, dass alles andere als ein Erfolg gegen Montenegro ein früher Rückschlag für die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) wäre. Die Montenegriner sind ein Team, dass jeden Gegner vor unangenehme Aufgaben stellt, weil es sehr unorthodox und offensiv verteidigt. Aber die deutsche Mannschaft hat die Antworten darauf und Prokop strahlte die Zuversicht aus, die richtigen auch in der Drucksituation eines Turnierstarts geben zu können.

Im Grunde stellt das Team vom Balkan den idealen Auftaktgegner bei einem Turnier auf dem Balkan dar. Sportlich gehört Montenegro nicht zu den stärksten Kontrahenten, auf die Deutschland während der kommenden Tage treffen wird, sorgt durch die geografische Konstellation aber dafür, dass Prokops Schützlinge nicht empfänglich für Überheblichkeit sein werden. Der Blick an das bislang letzte Aufeinandertreffen hilft ebenfalls, denn im Juni 2013 besiegelte eine 25:27-Niederlage in Podgorica das Scheitern in der EM-Qualifikation, Deutschland fehlte beim Turnier 2014 in Dänemark. Silvio Heinevetter, Patrick Wiencek, Patrick Groetzki und Steffen Weinhold standen vor viereinhalb Jahren schon im deutschen Kader und werden sich gut erinnern können.

In der 15 000 Zuschauer fassenden Arena in Zagreb erwartet die Deutschen heute wie damals ein Auswärtsspiel, was aber angeblich eher als zusätzliche Motivation denn als Hemmnis empfunden wird. »Wenn 15 000 Menschen jubeln, weil ich einen Ball in mein Tor bekomme, puscht mich das nur zusätzlich«, sagte Andreas Wolff. Wie der Torhüter des THW Kiel sind seine Kollegen ohnehin daran gewöhnt, in der Bundesliga gegen stimmungsvolle Hallen anzuspielen.

Spannend wird zu beobachten sein, wie viele Bälle auf Wolff, beziehungsweise seinen Vertreter Heinevetter, zufliegen. Das von Prokop favorisierte Abwehrsystem, das vor einer Woche überraschend zur Nichtnominierung des bisherigen Abwehrchefs Finn Lemke geführt hatte, wird erstmals in einem Pflichtspiel einem Test unterzogen. Viel beweglicher und offensiver als üblich soll die bewährte 6:0-Formation agieren. »Es ist unangenehm, gegen diese Deckung zu spielen«, berichtete Kreisläufer Hendrik Pekeler von seinen Erfahrungen im Training. Der Spieler der Rhein-Neckar Löwen, in den vergangenen zwei Jahren gemeinsam mit Lemke ein verlässliches Tandem im Innenblock, ist neugierig, wie das geänderte System im Wettkampfstress funktionieren wird. Wegen der kurzen Zeitspanne des Einstudierens nannte er die Umstellung »ein Wagnis«.

Pekeler hat trotzdem keine Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Änderungen von Prokop, die Zuversicht überwiegt die Ungewissheit. Der Trainer hat Überzeugungsarbeit geleistet - die Mission Titelverteidigung kann beginnen.

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