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Malerische Kulisse, mannigfaltige Kritik

In Sachsens Hauptstadt messen sich am Wochenende die besten Langläufer beim City-Weltcup, nicht alle Dresdner sind begeistert

  • Von Jirka Grahl
  • Lesedauer: 5 Min.

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Hach, das Wetter! Ein bisschen Zutun von Petrus, und womöglich wäre den Veranstaltern des Sprintweltcups in Dresden einiges an Diskussionen erspart geblieben: Doch es hat nicht geschneit in den vergangenen Tagen und die malerische Altstadt liegt eben nicht unter einer Schneedecke vor dem Wochenende, an dem die Stadt am Elbufer ihren ersten Skiweltcup ausrichten will.

Statistisch gesehen ist die Schneewahrscheinlichkeit im Januar in Dresden am höchsten, doch das nutzt René Kindermann und Torsten Püschel nichts: Die beiden zumindest in Sachsen populären MDR-Fernsehjournalisten haben sich die Veranstaltung ausgedacht, bei der Nordischer Skisport vor »spektakulärer Kulisse« präsentiert werden soll.

Nun aber müssen alle Beteiligten schon vor dem Start die Sinnhaftigkeit internationaler Skiwettkämpfe in Großstädten diskutieren statt die Siegesaussichten der Langläuferinnen und Langläufer, die Sonnabend und Sonntag auf die 1,4-Kilometer-Schleife zwischen Japanischem Palais und Carolabrücke gehen.

Dresdens neues Skispektakel, das mindestens bis 2022 jährlich ausgetragen werden soll, ist teuer: 1,2 Millionen Euro beträgt der Etat für das Weltcup-Wochenende. Die Stadt und der Freistaat beteiligen sich mit jeweils 300 000 Euro daran. Vor allem die Werbewirksamkeit der Veranstaltung hat es Oberbürgermeister Dirk Hilbert angetan: »Das ist gut angelegtes Geld«, glaubt der FDP-Politiker. Dresden werde sich auf besondere Weise »in Szene setzen« können. Wie der Veranstalter »CitySki GmbH« glaubt auch Hilbert, die Kunde von Dresdens Schönheit werde dank der Fernsehbilder auf neue Art und Weise in der Welt verbreitet.

Auch Sachsens Innenminister Roland Wöller ist begeistert von der historischen Kulisse mit Hof- und Frauenkirche. Langlauf in verschneiten Nadelwäldern habe auch seinen Reiz, so der CDU-Mann: »Ich bin mir aber sicher, dass der herausragende Blick auf Elbe und Dresdner Altstadt hier ganz neue Maßstäbe setzen wird.«

Doch derlei Begeisterung wird nicht überall geteilt. Verschiedene CDU-Landtagsabgeordnete aus dem Erzgebirge äußerten schon im Vorfeld Unverständnis. Sie hätten Sachsens ersten Langlaufweltcup seit 27 Jahren lieber in einer der echten Wintersportregionen des Freistaates gesehen, in Erzgebirge oder Vogtland. »Wenn ich mir vorstelle, dass Dresden Schnee produziert und die Leute dann kommen, und sehen, dass alles künstlich ist, frage ich mich, ob das imageprägend sein soll«, klagte Thomas Colditz aus Aue in den »Dresdner Neuesten Nachrichten«.

Das Thema Schnee und Nachhaltigkeit ist für viele ein Ärgernis. 2500 Kubikmeter wurden seit Wochen in einer Anlage am Dresdner Flughafen Dresden-Klotzsche vorproduziert und mit LKWs an die Elbwiesen gekarrt. 1500 Kubikmeter Naturschnee aus dem Erzgebirge wurden zusätzlich angeliefert. »Zusammen ergibt das die richtige Mischung« sagt Wettkampfleiter Georg Zipfel, der für die Streckenführung zuständig ist. Ein Spezialistenteam aus dem Allgäu hat den Schnee zu einer bis zu 40 Zentimeter hohen Schneedecke zusammengeschoben.

Doch Umweltschützer sind entsetzt. »Über den Nonsens, einen Skiweltcup dort durchzuführen, wo kein Schnee liegt«, mache sich offenbar niemand Gedanken, erklärte Felix Ekardt, Vorsitzender des sächsischen Landesverbandes des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Ein Weltcup ohne Schneesicherheit sei »nicht zeitgemäß«, kritisiert auch die Grünen-Landtagsabgeordnete Petra Zais.

André Schollbach, Fraktionsvorsitzender der LINKEN im Dresdner Stadtrat, hat sich mit seinen Parteikollegen gegen die Förderung des Weltcups aus städtischen Mitteln ausgesprochen - übrigens als einzige Fraktion im Stadtparlament, denn sogar die Dresdner Grünen sagten Ja zum Weltcupkonzept.

Schollbach kann das nicht nachvollziehen: »Es ist angesichts fehlender Mittel - beispielsweise im sozialen oder Bildungsbereich - unsinnig, mehr als eine eine halbe Million Euro aus Steuermitteln dafür auszugeben, dass Schnee erst kostenaufwendig unter hohem Energieaufwand produziert wird und dann mit Diesel-Lastern teilweise durch ganz Sachsen hierher gebracht und an der Elbe ausgekippt wird«, so der LINKEN-Politiker. »Dresden ist eine Kunst- und Kulturstadt, sie sollte ihre Stärken in den Vordergrund stellen. Die liegen nun mal nicht im Wintersport.« Nicht alles, was technisch und finanziell möglich ist, sei auch vernünftig.

Den Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club ADFC in Dresden erregt vor allem die Sperrung einer wichtigen Radverbindung durch den Weltcup. Die Piste führt nämlich genau über den Elbe-Radweg, was die Weltcuporganisatoren zurecht als einen großen Vorteil in Sachen Nachhaltigkeit preisen, weil so keinerlei Bodenfläche für den Weltcup versiegelt werden muss. Insgesamt wird der betroffene Teil des Elbe-Radwegs einen ganzen Monat gesperrt bleiben

Dies ist allerdings auch der Tatsache geschuldet, dass die Skipiste nach dem Weltcup genutzt werden soll: Auf der Strecke sollen Schulsportkurse und Nachwuchswettkämpfe stattfinden. Auch Tobias Angerer, zweimaliger Weltcup-Gesamtsieger, soll bei Schnupperkursen für Kinder dabei sein.

Überhaupt haben sich die Veranstalter Nachhaltigkeit auf ihre Fahnen geschrieben: Man binde regionale Handwerker und Dienstleister ein, im Catering würden regionale Produkte verwendet, Mehrweggeschirr und Pfandsysteme kämen zum Einsatz und natürlich würde der Müll getrennt. Der Weltcup sei »ein nachhaltig gedachter Event«.

Zum Dresdener Skispektakel sind hochkarätige Langläufer aus aller Welt angereist: Der siebenfache Saisonsieger Johannes Kläbo und Sprintolympiasiegerin Maiken Caspersen Falla aus Norwegen sind dabei, ebenso die Schwedin Stina Nilsson. »Die Läufer lieben die City-Weltcups«, sagt Wettkampfleiter Georg Zipfel. »Es ist einfach eine Abwechslung in einer Stadt zu starten.«

3000 zahlende Zuschauer werden an der Strecke erwartet, ein Tagesticket kostet 30 Euro. Am Wendepunkt des Rundkurses haben auch Zuschauer ohne Eintrittskarte Zutritt. Mit insgesamt 15 000 Besuchern rechnen die Organisatoren.

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