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Speed-Dating im Groschenroman

Vom schönen Scheitern und dem Wühlen im Werk: Rainald Grebe fremdelt an der Berliner Schaubühne mit Fontane

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 4 Min.

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Alle Bundesländer auf dem Gebiet der ehemaligen DDR hat Rainald Grebe mittlerweile jeweils mit einer eigenen Hymne bedacht. Es ist aber schon bald vierzehn Jahre her, dass er seinen größten Hit erstmals deklamierte: »Brandenburg«. Nun sollte niemand einen Musiker auf einen einzigen Titel festlegen, aber »Brandenburg« ist für Grebe nun einmal das, was »Tauben vergiften im Park« für Georg Kreisler, »Heute hier, morgen dort« für Hannes Wader und »Looking for Freedom« für David Hasselhoff sind.

Irgendwo zwischen diesen drei Barden lässt sich auch die Kunst von Rainald Grebe einordnen: »In Brandenburg, in Brandenburg ist wieder jemand gegen einen Baum gegurkt. / Was soll man auch machen mit 17, 18 in Brandenburg? (...) Da stehen drei Nazis auf dem Hügel und finden keinen zum Verprügeln / In Brandenburg / Ich fühl mich heut so leer, ich fühl mich Brandenburg.« Wer solche Zeilen dichtet und zudem vor Jahren eine Bauernhofhälfte in der Uckermark gekauft hat, um Berlin-Prenzlauer Berg zu entfliehen, der muss dieses Fleckchen Erde wirklich lieben.

Wer wiederum mit der Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 2019 anstehenden 200. Geburtstag des Theodor Fontane betraut ist, der muss kein Genie sein, um für die Besetzung des Rahmenprogramms auf Rainald Grebe zu kommen. Also fragte man ihn. Und er hat - höflich, wie er ist - sofort zugesagt. An der Berliner Schaubühne ist jetzt »Fontane 200« zu sehen - ein Theaterabend, in dem Grebe seine Sicht auf diesen brandenburgischen Wald-, Wiesen-, Waffenkampf-, Wortneuschöpfungs- und Weiblichkeitsdichter gewährt.

Wahrscheinlich wird die Schaubühne mit diesem Stück ausnahmsweise einmal nicht in Paris, London und New York gastieren, sondern in Cottbus, Frankfurt an der Oder und Neuruppin. Denn das Werk Theodor Fontanes hat so überhaupt nichts Mondänes. Das allein wäre nicht weiter tragisch. Viele Autorinnen und Autoren haben ihrer lokalen Verbundenheit große Geschichten abgerungen. Stephen King siedelt seine Romane selten woanders an als in seinem provinziellen Heimatbundesstaat Maine in den USA. Auch Astrid Lindgren musste ihre starken Kinderfiguren nicht in die Metropolen schicken.

Das Problem mit Fontane ist, dass uns viele Texte des gelernten Apothekers heute nichts mehr zu sagen haben. Obwohl es noch immer Deutschlehrer geben soll, die jungen Menschen mit »Der Stechlin« oder »Irrungen, Wirrungen« die Lust auf Literatur austreiben, erntete Grebe zur Premiere seiner Schaubühnenrevue für sein schön gescheitertes Wühlen im Werk Fontanes vom in Hochkultur gewiss bewanderten Publikum viele Lacher. Grebe fremdelt mit Fontane. Anstatt das durch bildungshubernde Szenen zu kaschieren, stopft er das Werk des kanonisierten Schriftstellers in eine Slapstick-Kanone und feuert es in würdevoller Zielsicherheit in ein Museum des 19. Jahrhunderts.

Zu den wenigen Schlaglichtern, die sich ganz und gar nicht erschließen, gehört die Eingangssequenz. In der verliest Damir Avdic zu einem an die Wand projizierten Video der Straßenwinterlandschaft in der Einöde als Moderator von »Radio Brandenburg« die Verkehrsmeldungen. Unbrauchbar ist auch die einfallslose, weil zu Tode gespielte Frage an die Zuschauer, wer denn schon einmal ein Buch von Fontane gelesen hat. Dass außerdem niemand mehr zur Kenntlichkeit karikierte Kulturbürokraten sehen muss, wie sie Iris Becher und Axel Wandtke spielen, das ist leider noch nicht bei Grebe angekommen.

Originell und witzig wird es immer dann, wenn das Ensemble vor realistischen Landschaftsbildern (Bühne: Jürgen Lier) die Romane, Novellen, Balladen, Gedichte und Berichte von Fontane in kurzen Sketchen mit allen theatralen Mitteln nachspielt. Ein Videoeinspieler in Stummfilmästhetik erzählt die Handlung der an gebrochenem Herzen scheinemanzipiert sterbenden »Effi Briest« nach, mitsamt dem zeittypischen Overacting und angenehm altmodischen Klavierklängen von Jens-Karsten Stoll. Fontanes Kriegsschriften erledigt Florian Anderer in Uniform mit einer abgefahrenen Zinnsoldatenshow, die der schrulligen Antiquiertheit des Textes die richtige Illustration schenkt.

Das Herzstück dieser zweistündigen Aufführung aber ist ein Speed-Dating mit den Frauenfiguren bei Fontane. Eine ganz in Grün gehaltene Banderolenbahn dient hier als Requisit, damit Grebe seine Ausbildung als Puppenspieler einbringen kann. In den überdrehten Spots auf Jenny Treibel, Mathilde Möhring oder Grete Minde stellt die Inszenierung heraus, wie Fontane seine Groschenromancharaktere gebaut hat.

Rainald Grebe weiß am Ende noch immer nicht, was er beitragen soll zum Jubiläum. Am meisten, das zeigen die ernst in Szene gesetzten Ehe-Briefe, interessiert er sich für die Privatperson Fontane. Darauf hätte er sich auch in diesem Stück fokussieren können. Nur wäre es dann sicher nicht annähernd so gut geworden.

Nächste Vorstellungen: 16., 17., 18. Januar

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