Werbung

Schweiz ist Hoffnung

Was Gysi lehrt

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Nicht alle Politiker gehören ins Feuilleton. Verbot für Farblosigkeit! Wichtig deren Rede, es sei was faul im Staate Dänemark? Ach, ohne Hamlet ein Schmarren. Politiker und Shakespeare? In »Was ihr wollt« trägt einer den trefflichsten Namen: Bleichenwang. Mehr Shakespeare kann man bei Politikern nicht verlangen. Schiller auch nicht. Schillern schon. Gysi schillert.

Militanz ist ihm fremd - das ist wahrer linker Mut in Zeiten der Verschärfungen. Gregor Gysi ist mit vielen Fasern Partei und wirkte doch von Beginn an auch, als habe er Partei als Erlebnis lang schon hinter sich. Der Dialektiker als Artist, und just das Linke als Mitte: von allen Seiten Lehren annehmen. Denn den Auftrag, eine Gesellschaft zu verändern, teilen sich in der Demokratie viele Geisteswelten. Die bürgerliche Ordnung als ein »Entdeckungsverfahren« (Friedrich von Hayek) für vorteilhafte Investitionen. Was nun vorteilhaft sei - dies allerdings ist gesellschaftlich hart zu diskutieren. Da bleibt der Linke Gysi stets sehr kenntlich.

Dichter Stephan Hermlin reizte in der DDR mit der Selbstkennung, er sei ein »spätbürgerlicher Schriftsteller«. Wenn man Gysis europaweit verzweigten Stammbaum zwischen Adel und Kommunisten besieht, so findet man im Gebaren des Nachfahren ebenfalls eine Feier zeitresistenter Spurenelemente. Weil Leben vor allem Weitergabe bleibt - jede Biografie (wie jeder Tag) besteht aus mehr Gestern als Heute. Nach dem jeweils Neuen frag die Mikroskope. Sage keiner, die Melancholie der bürgerlichen, gar monarchischen Stilisten gehöre nicht zum Bauplan einer suchenden Menschheit. Linkssein war für Gysi deshalb nie ein Mittel, sich mit Rauschzuständen ideologischer Feindlichkeit zu versorgen.

Dass ihn eine Berliner Ausstellung zur Oktoberrevolution mit der Hoffnung zitierte, es möge das nächste Mal besser klappen - es war ein Lapsus des Leichtgeistes, dem Pointe vor Präzision geht. Gysi ist der Prototyp des Politikers nach den Revolutionen, mehr noch: statt der Revolutionen. Wissend auch: Der Mensch will nicht dauernd in Richtung Zukunft gezogen, erzogen werden, er »will ohne Aufschub und Ferne in sein volles Leben« (Ernst Bloch).

Gysi weiß freilich, was Weltveränderung unmittelbar sein kann: sich die Bedingungen der eigenen Existenz mit Lust, List und gewiefter Lässigkeit stets so herzurichten, dass man in ihr sein kann, wie man ist. Wie er ist? Er zitiert gern ironisch einen französischen Kapitalisten, der oft das Haus von Gysis Eltern besuchte. Engster Sympathisant der KP Frankreichs. Was er wohl mache, wenn die sozialistische Revolution tatsächlich siegte? Der Millionenschwere antwortete: »Dann gehe ich sofort in die Schweiz und kämpfe dort weiter!«

Gregor Dampf in vielen Gassen, die er sich zu Alleen formt. Überall zu Hause, nirgends daheim. Gysi ist populär. Wer populär ist, lebt in Resonanzen, aber nahezu ohne Chance, den Kern jeder öffentlichen Existenz zu offenbaren: Einsamkeit. »Jeder schlägt seine Schlacht allein.« Ist nicht Shakespeare, ist nicht Bleichenwang, obwohl diese Wahrheit erblassen lässt. Ist Schiller.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen