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Show mer mal

Oprah Winfrey als Präsidentschaftskndaidatin wäre das Produkt des politisch-moralischen Niedergangs, den die USA seit Jahrzehnten durchleben , meint Roberto J. De Lapuente

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

Nach den Golden Globes drehte sich das Personalkarussell emsig. Es ging nicht etwa darum, welcher Schauspieler den neuesten Tarantino bereichern darf. Da gibt es eh keine Wahl, dort hat Samuel L. Jackson eine Anstellung auf Lebenszeit. Nein, gemeint war der Posten des US-Präsidenten. Denn der, der den Job im Augenblick macht, der soll bitte nicht auf Lebenszeit verweilen. Nachdem dann Oprah Winfrey eine Rede zum Sexismus und ein bisschen auch gegen den Ungeist Donald Trumps hielt, war sich die eine Hälfte der Vereinigten Staaten sicher: Diese Frau muss dem jetzigen Präsidenten im Amt nachfolgen. Sie wäre die richtige Person. Die andere Hälfte behält indes lieber Trump. Die Nation ist halt tief zerrissen.

Nach einem Filmpreis Präsidentschaftsspekulationen anheizen: Das klappt nur in den USA. Man stelle sich vor, am Abend der Goldenen Kamera erklärten die ersten lautstark Iris Berben oder Dieter Hallervorden wären ausgezeichnete Gegenentwürfe zur Kanzlerinnenödnis, die wir seit 2005 aushalten müssen. Im Nachgang zu den Globes mehrten sich dann die Stimmen, die auch andere Schauspieler und Leute aus dem Showbiz ins Gerede brachten: Tom Hanks etwa oder – man halte sich fest – »The Rock«, Dwayne Johnson.

Nun gut, die Nation ist erprobt: Johnson schauspielert nicht schlechter als Ronald Reagan es tat. Und der war bekanntlich Pionier auf dem Gebiet, kam aus dem B-Western bis in den Westwing. Schwarzenegger hatte man es lange zugetraut, er schaffte es aber nur zum Gouvernator. (Er durfte es nach der gültigen Gesetzeslage auch nicht, da nur gebürtige US-Amerikaner für das Amt kandidieren können.) Dann kam Trump und mit ihm das Eingeständnis, dass Figuren aus dem Showbusiness eben keine Ausnahmefälle in der US-amerikanischen Politik, sondern schon Normalität geworden sind. Dass man jetzt einen Nachfolger unter Entertainern sucht: Damit muss man wohl leben, wenn sich die Postdemokratie so nachhaltig stabilisiert hat wie in den Vereinigten Staaten.

Momentan ist also die heißeste Kandidatin Oprah, jene Frau, die das ganze Land unter Weglassung ihres Nachnamens kennt, weil es sich 25 Jahre lang dreimal wöchentlich bei ihr zum Talk traf. Oprah galt in dieser Zeit als eine Art talkendes Gewissen der Nation. Bei ihr konnte man lachen und weinen, die TV-Nation wusste, dass Emotionen nie zu kurz kamen. Promis gaben sich dort die Ehre und plauderten aus dem Nähkästchen. Kurz und gut, die Frau war die Königin des Boulevard. Und als solche empfiehlt sie sich jetzt für das Weiße Haus.

Spätestens seit Trump weiß man ja nun auch, dass man für einen Einzug ins Weiße Haus nicht so viel können muss. Zugegeben: Eigentlich weiß man es schon seit dem zweiten Bush. Der hatte nur keine vorherige Show-Karriere. Es sieht in diesem Augenblick so aus, als stehen sich die Republikaner und die Demokraten mit zwei potenziellen Kandidaten und Show-Formaten gegenüber. Erstere mit einem Vertreter des Trash-TV und letztere versuchen es mit etwas mehr Anspruch, sie liebäugeln mit einer Plaudertante. There’s No Business like Show Business…

Die US-Amerikaner haben die Schnauze voll von ihrer politischen Kaste. Mindestens seit Richard Nixon halten sie ihre Polit-Eliten für korrupt und durchtrieben. Mit Anti-Elitarismus punktet man dort ganz sicher in jeder Runde. Manchmal auch bei Präsidentschaftswahlen, wie man 2016 gesehen hat. Dass Trump ins Amt gelangte, hat massiv mit seiner Haltung zu den Eliten zu tun, zu denen er zwar auch gehört, die er aber ablehnte und denen er den Kampf ansagte. Aus derselben Haltung heraus suchen nun auch die Demokraten jemanden, der unverdächtig daherkommt. Der sich noch nicht zu sehr in der Parteiendespotie verhedderte.

Oprah ist die andere Seite dieser Haltung, die sich gegen die Eliten richtet. Sie ist als potenzielle Kandidatin das Produkt eines politisch-moralischen Niedergangs, den die Vereinigten Staaten seit Jahrzehnten durchleben. Und sie ist das Erzeugnis einer Staatsform, die sich Demokratie nennt, aber eigentlich nur noch Postdemokratie ist. Und so soll es das Showbiz nun richten. Und das passt ja auch, denn postdemokratische Politik geht so: Hinter den Kulissen Lobbypolitik, auf der Bühne ein Entertainer, jemand der sympathisch durch den Abend führt.

Bei uns hier in Deutschland übernehmen diesen Part noch die Parteiführungen selbst. Sie versuchen sich in Entertainment. Ziemlich sicher ist nur, dass sie irgendwann auch outsourcen und das Showbiz mit ins Boot holen werden. Bis dahin werden noch Wetten angenommen: Wird Helene Fischer Kandidatin der Union oder der Sozialdemokraten?

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