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  • »Titanic«-Zeichner Rudi Hurzlmeier

Vermählte Gegensätze

Die Stuttgarter Galerie Z widmet dem »Titanic«-Zeichner Rudi Hurzlmeier eine Ausstellung

  • Von Georg Leisten
  • Lesedauer: 4 Min.

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Was sind denn das für Schweine? Sie fläzen sich in Polstermöbeln, fahren Cabrio und feiern wilde Partys. In den Bildern von Rudi Hurzlmeier geht es so ähnlich zu wie am Schluss von George Orwells Revolutionsmärchen »Farm der Tiere«. Das Borstenvieh unterscheidet sich kaum noch vom Menschen. Und genau darin liegt der Kern der wortwörtlich fabelhaften Kunst des bayerischen Karikaturisten: Vierbeiner aller Art werden zu Statthaltern kleiner und großer menschlicher Schwächen. Auch Paviane und Seemöwen, Bären oder Krähen bevölkern das Panoptikum des in Niederbayern geborenen Wahlmüncheners.

Schweine aber eignen sich immer besonders gut, um stinknormaler Bürgerlichkeit den Zerrspiegel des Grotesken vorzuhalten. So persifliert ein säuisches Bacchanal vor antikisierender Kulisse die so wohlstandssatte wie oberflächliche Italienliebe der Deutschen. »Ist man erst mal über’n Brenner/Wird das Leben was für Kenner«, reimte dazu der verstorbene Harry Rowohlt.

Als langjähriger Mitarbeiter des Satiremagazins »Titanic« und Illustrator von Autoren wie Rowohlt, Hans Zippert oder Wiglaf Droste ist Hurzlmeier längst eine Instanz in der deutschen Humorlandschaft. Gleich zweimal, 2010 und 2014, gewann er den Deutschen Karikaturenpreis. Doch auch auf dem Kunstmarkt finden die Witz- und Schmunzelbilder des 65-Jährigen seit einiger Zeit ihre Liebhaber. Gegenwärtig stellt die Stuttgarter Galerie Z eine Auswahl von Hurzlmeiers Acrylgemälden vor: von anrührenden Genreszenen wie dem Schoßhündchen am Küchentisch bis zum ironischen Akt der »Perlentaucherin«. So jedenfalls der Titel einer nackten und traurigen Schönen, die als präraffaelitische Ophelia auf dem Seerosenteich treibt und auf deren Brustwarzen zwei Frösche ruhen.

Vollständig etabliert ist die Komische Kunst, zu der auch F.K. Waechter oder Manfred Deix zählen, unter Sammlern indes noch nicht. »Den Bildern fehlt das Repräsentative«, sagt Stefan Zimmermann von der Galerie Z. Deswegen, so der Kunsthändler, kauften große Unternehmen oder Banken Komische Kunst nur zurückhaltend. Privatleute dagegen holen sich Hurzlmeier gern für ihr Wohn- oder Schlafzimmer. Entsprechend begnügen sich die meisten Arbeiten auch mit kleineren und mittleren Formaten. Echte Fans wird freuen, dass der Künstler mit Preisen für Acrylgemälde zwischen 3200 und 4200 Euro noch nicht in spekulative Dimensionen abgehoben hat.

Wo sich andere Vertreter der kreativen Heiterkeit mit der Ausführung einer Idee in schnellen Strichen begnügen, legt Hurzlmeier viel altmeisterliche Malergeduld und handwerkliche Präzision an den Tag. Seine Bilder sind fürs Auge wie fürs Zwerchfell koloriert. Da werden Pfoten zu Händen, schiebt sich ein frappierend humanes Gefühlsleben unter die Physiognomie der Schnauzen und Schnäbel.

Nehmen wir das Katzenehepaar »Miez miez« - sie rotbraun mit Handtäschchen, er schwarz mit goldener Armbanduhr. Der Charme des Bildes liegt in der schnippischen Mimik der Katzenfrau und den geduldig sanften Zügen des Katzenmannes. Oder die Nordsee-Möwe mit ihren quietschgelben Gummistiefeln. Vor allem durch den wachen Blick der knopfgroßen Möwenaugen wird der Meeresvogel zum einprägsamen Charaktertier.

Erstaunlich ist auch, welche kunsthistorischen Schulen der Autodidakt durchlaufen hat: Sein Pinsel bedient sich bei Rembrandt und Spitzweg, bei Leonardo da Vinci und Paul Gauguin. Wie ein Landschaftsmaler des vorletzten Jahrhunderts weiß Rudihu (so sein Kürzel), Naturstimmungen zu erzeugen: sommerliche Wiesen, herbstliche Stoppelfelder oder stürmische See. Die vertraute Atmosphäre fungiert dabei als Kontrastfolie, vor der die Pointen noch an Schärfe gewinnen. Auf dem weißblauen Winteridyll »Der König des Waldes« etwa hätte man das Entscheidende um ein Haar übersehen. Der stolze Hirsch, der sich da seine Notration Heu aus der Futterkrippe holt, ist in Wahrheit ein nord-südliches Zwitterwesen: ein Kamel mit Geweih.

Überhaupt liebt diese Kunst es, Gegensätze zu vermählen. In der zwitschernden Fröhlichkeit einer Vogelhochzeit zum Beispiel geben sich ein gütiger Rabe und eine federweißes Brauthuhn das Ja-Wort. Überhaupt, das Glück! Die gallenbitteren, schwarzhumorigen Seiten, die Hurzlmeiers Bildpoetik auch kennt, treten in der Stuttgarter Ausstellung kaum hervor. Hier triumphiert ironisches Biedermeier. Fortunas rosigste Kinder unter all den anthropomorphen Kläffern, Huf- und Tatzentieren bleiben die Schweine. Eines verbreitet mit breitschnauzigem Lächeln ganz besondere Heiterkeit, weil es gerade ein vierblättriges Kleeblatt im Gras gefunden hat.

Nicht selten kippt bei solchen Werken das Menschliche im Animalischen um und lässt beim Betrachter Mitgefühl für die zoologischen Vorbilder dieser karikaturesken Doppelgänger des Homo sapiens entstehen. Darf man Wesen, die so kindlich voraussetzungslos ihr Leben genießen, wirklich in den Schlachthof schicken, verwursten und in die Pfanne hauen? Rudi Hurzlmeier isst zwar noch Fleisch, jedoch nicht mehr das von Schweinen. Aber in Bayern gilt man auch damit schon als Vegetarier.

»Rudi Hurzlmeier. Jenseits des Aufgeräumten«, bis zum 11. Februar in der Galerie Z, Rosenbergstraße 104, Stuttgart

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