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Kürzer arbeiten für alle

IG-Metall-Linke fordert Verbesserungen nicht nur für einen Teil der Beschäftigten

  • Von Ines Wallrodt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Die Resonanz auf die Arbeitszeitforderungen der IG Metall ist sehr gut. Offenkundig hat sie den Nerv der Zeit getroffen. Stimmt auch die Gewerkschaftslinke zu?
Das Thema Arbeitszeitverkürzung ist wieder in aller Munde. Und das ist gut so. Denn es war zwei Jahrzehnte fast komplett außen vor, was zu Arbeitszeitverlängerung führte. Heute liegt die reale Arbeitszeit rund fünf Stunden über dem Tarifniveau. Womit wir bei der Kritik wären: Die Forderung nach »verkürzter Vollzeit« betrifft nicht alle Beschäftigten. Die IG Metall stellt mobiles Arbeiten, lebensphasenorientierte Arbeitszeiten sowie weniger Arbeit für Schichtarbeiter in den Mittelpunkt, aber keine kollektive Arbeitszeitverkürzung für alle.

Na und?
Das führt zu Zersplitterung, weil Beschäftigtengruppen unterschiedlich von den Zielen profitieren. Eine allgemeine Mobilisierung ist damit schwieriger.

Die Beteiligung an den Warnstreiks ist doch super.
Im Moment bin ich auch sehr zufrieden. Die Beteiligung ist besser als in anderen Jahren. Allerdings ist sie immer dann höher, wenn wir außer der Lohnforderung noch eine qualitative Forderung erheben wie etwa Übernahme der Auszubildenden oder Altersteilzeit. Es gibt aber auch noch einen inhaltlichen Einwand: Die, die keine Kinder haben, nicht in Schicht arbeiten oder Angehörige pflegen, müssen ihre Arbeitszeitverkürzung komplett selbst bezahlen. Genau wie bisher. So revolutionär ist die Forderung also gar nicht. Und ansonsten gibt es nur einen Teillohnausgleich, falls er durchgesetzt wird. Die Arbeitgeberverbände laufen ja genau dagegen Sturm.

Immerhin sollen die, die reduzieren, ein Rückkehrrecht in Vollzeit bekommen. Das wäre doch neu.
Das ist wichtig. Damit nicht weiter gilt: einmal Teilzeit, immer Teilzeit. Daher muss auch festgehalten werden, dass die derzeitigen Teilzeitkräfte, die mehr arbeiten wollen, bevorzugt berücksichtigt werden, wenn sie aufstocken wollen und es um den nötigen Personalausgleich geht. Am Personalausgleich hängt der Erfolg des Modells ganz entscheidend, denn es darf nicht passieren, dass verkürzte Arbeitszeiten zu mehr Stress führen und die Gesundheit darunter leidet.

Das sieht die IG-Metall-Spitze genauso.
Abwarten. Man darf die Ausgestaltung dann nicht nur an die betriebliche Ebene delegieren, sondern muss diesen Anspruch auf Personalausgleich und Mitbestimmungsrechte im Tarifvertrag fixieren. Aber der andere Punkt bleibt: Nicht alle werden sich die Verkürzung der Arbeitszeit leisten können.

In kaum einer Branche wird so gut verdient wie in der Metall- und Elektroindustrie.
Stimmt, wenn man die Löhne mit dem Einzelhandel oder Erziehern vergleicht. Aber untere Lohngruppen gibt es auch in der Metallbranche. Selbst wer Anspruch auf den Teillohnausgleich hätte, wird seine Stunden nicht immer reduzieren können, weil der Zuschuss zu gering ist. Außerdem kommt eine Forderung ja nie zu 100 Prozent durch.

All das macht die Forderung ja nicht falsch.
Sicher nicht. Aber manche Probleme würde man mit der Forderung nach Verkürzung auf die 30-Stunden-Woche für alle bei vollem Lohn- und Personalausgleich umschiffen.

Abgesehen von der Durchsetzbarkeit: Die Beschäftigten wollen das nicht, ergab die Befragung der IG Metall. Sie fänden es gut, wenn sie überhaupt die 35-Stunden-Woche einhalten könnten.
Ohne Vorbereitung hätte ich in dieser Tarifrunde diese Forderung auch nicht erhoben. Ein gesellschaftliches Klima für Arbeitszeitverkürzung gab es auch in den 80ern beim Kampf um die 35-Stunden-Woche zunächst nicht. Der Streik wurde deshalb über ein Jahr lang intensiv vorbereitet: strategisch, argumentativ, agitatorisch, kulturell. Auch damals war es nicht einfach, die Belegschaften für den Arbeitskampf zu gewinnen, die gesellschaftliche Debatte zu beeinflussen, der Abwehrfront des Kapitals und seiner Medien eine wirkungsvolle Strategie entgegenzusetzen.

Zentrales Argument war damals die hohe Arbeitslosigkeit. Wie würden Sie heute für die 30 Stunden werben?
Die Verkürzung kann dem absehbaren Arbeitsplatzverlust durch die Digitalisierung entgegenwirken. Sie kommt den Erwerbslosen zugute und würde die Überlastung der Arbeitenden senken. Immer mehr Menschen leiden unter Burnout. Viele verkürzen individuell, weil sie es nicht mehr aushalten. Sie wollen aber nicht nur zwei Jahre lang weniger arbeiten, sondern dauerhaft, um gesund in Rente gehen zu können. Die Einstellung zur Arbeit hat sich bereits gewandelt. Das ist eine günstige Ausgangslage. Es wäre Aufgabe des DGB, eine neue Bewegung zur Arbeitszeitverkürzung anzustoßen - über alle Branchen hinweg und im Bündnis mit vielen anderen Organisationen, die sich seit Langem für 30 Stunden aussprechen.

An wen denken Sie?
Beim DGB selbst und in vielen Einzelgewerkschaften gibt es in den Bezirken und in den Frauengremien klare Beschlüsse. Darüber hinaus denke ich an die Katholische Arbeitnehmerbewegung, den Deutschen Frauenrat oder auch das Bundesforum Männer. Auch dort gibt es klare Beschlüsse.

Das Bündnis kann doch noch kommen. Nun hat eben die IG Metall mit ihrer Forderung die Debatte großgemacht.
Ich fürchte aber, dass der Sack nach dieser Tarifrunde erst mal zu ist. Wir müssen uns die Laufzeiten der Manteltarife genau anschauen, die die Arbeitszeiten regeln. Zwei Jahre wären okay, dann könnte in dieser Zeit der nächste Schritt vorbereitet werden. Werden längere Laufzeiten vereinabrt, sagen wir fünf Jahre, wäre der Schwung weg.

Was wäre denn aus Ihrer Sicht eine gute Forderung in dieser Tarifrunde gewesen?
Wir brauchen Forderungen, die der Zersplitterung entgegenwirken. In der Diskussion waren zum Beispiel auch fünf Tage mehr Urlaub für alle.

Immerhin im Osten geht es um kollektive Arbeitszeitverkürzung.
Ich bin gespannt, was daraus wird. Denn das ist vor allem dem Druck an der Basis zu verdanken, die in ihren Gremien entsprechende Beschlüsse fasste. Jetzt geht es allerdings nur um eine Verhandlungszusage für die Angleichung der Arbeitszeit auf 35 Stunden. Das Problem ist: Die Laufzeit für die 38 Stunden im Bezirk Berlin-Brandenburg-Sachsen endet erst im Juni. Bis dahin ist die jetzige Tarifrunde längst vorbei, dann stehen die Kollegen im Osten allein in ihrem Kampf. Da ist dann ganz wichtig, dass sich die anderen Metallkollegen solidarisch verhalten und kräftig unterstützen. Notfalls auch mit Solidaritätsstreiks. Eine Arbeitszeitreduzierung im Osten hätte Ausstrahlung auch auf andere Branchen und Bundesländer und würde neuen Schwung bedeuten. Das nützt dann auch uns im Westen.

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