Wie der Hirsch, der röhrt

Zum Internationalen Tag der Jogginghose

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Bald hat jede(r) sein eigenes Geschlecht, alles ist Weltkulturerbe, und jedem Ding ist im Kalender ein Gedenk- oder Aktionsmoment beschieden. Am Sonntag beispielsweise darf eine spezielle Konsumentengilde ins »Hosianna« ausbrechen: Internationaler Tag der Jogginghose!

Auch dieses Beinkleid gehört zur Uniform, und die Uniform verachtet den Menschen. Schon früher, zu Ostzeiten, als sie noch Trainingshose hieß, schuf sie beflissene Kollektive - derer, die am Wochenende an Straßenrändern, in Garagensiedlungen und vor Kleingartenanlagen leidenschaftlich Autowäsche betrieben. Ähnlich dem Blaukittel des Hauswarts haftete ihr außerhalb der Sportstätten schon immer etwas versteckt Ordnungsamtliches an; eine militant angehauchte Fügsamkeit geht von dieser Hose aus. Das Arbeitsame tarnt sich leger.

In einem Theaterstück von Wilhelm Genazino ist eine der Figuren sehr verzweifelt darüber, »dass es auf der ganzen Welt keine Bluse gibt, die mein Gesicht mildert«. Solche Verzweiflung bildet den Nährstoff jeder Mode. Diese wiederum ist die paradoxeste Konditionierung: sich der Welt durch etwas Eigenes zu entziehen - indem man etwas anzieht, was der so unbehaglichen Welt aber genau entspricht. Arbeitet nicht jede Jogginghose, und werde sie noch so zweckentfremdet spazieren geführt, mit an der Zwangsneurose der Ertüchtigung? Jeder diätbewusste Asket in Parks und Stadtgewimmel hinterlässt den sphärischen Nachgeschmack, dass es vielleicht doch wieder wertes und unwertes Leben gäbe. Jeder durchtrainierte Gesundbeter repräsentiert unbewusst ein System der unzähligen menschlichen Halbfabrikate, die den gesellschaftlichen Auftrag akzeptieren, sich selbst zu brauchbaren Fertigprodukten weiterzuverarbeiten - mittels Flucht ins Erlebnis, sei es Muskelzuwachs oder gespielte Lockerheit. Auch Hosen-Träger können auf diese Weise Ohnmächtige einer Selektion sein, deren Betreiber sie gern wären.

Natürlich darf in so einem Kalenderblatt die Erinnerung an ein Foto nicht fehlen, das es bis ins Haus der Geschichte in Bonn und ins Deutsche Historische Museum in Berlin schaffte: der erwerbslose Bauarbeiter Horst E., mit glasigen Augen, Hitlergruß und in - bepisster Jogginghose. 1992, als in Rostock-Lichtenhagen ein Wohnheim von Vietnamesen angezündet wurde. Nein, sagte E. später, der nasse Fleck sei nur Bier gewesen, und er verbrannte die Hose. Die Momentaufnahme des Fotografen Martin Langer ging um die Welt. Es zeigte eine schlimme Tatsache, den Voyeur des Bösen - und zugleich war es die Erfüllung von medialer Sucht und Suche: nach dem ultimativen Bild vom »hässlichen Deutschen«. Nun hängt es wahrscheinlich als Ikone im Denkgebäude der National-Allergischen wie der röhrende Hirsch überm Sofa der Alten.

Die Jogginghose ist das Komplementärstück zum Pizzakarton. Und am Körper des idealen Trägers verwandelt sich diese Hose in ein Gebilde, bei dem vorn und hinten nicht mehr zu unterscheiden ist. Nennen wir dies mit gutem Gewissen: ein Mysterium.

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