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Meinungsführerschaft

Leo Fischer über die absurde Wirklichkeitswahrnehmung des Alexander Dobrindt

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Der Tag beginnt meist nicht gut für Alexander Dobrindt. Wenn er morgens erwacht, dann, weil zwei Blocks weiter ein Straßenchor die »Internationale« anstimmt - wie immer zur vollen Stunde. Er schlägt »Welt« und »FAZ« auf, wo ihn stolze Berichte von gelungener Planübererfüllung und eingekerkerten Faschisten erwarten.

Auf dem Weg ins Büro sieht er Krankenschwestern und Sozialarbeiterinnen, in edle Pelze gehüllt, die in ihren reichlich bemessenen Mittagspausen ihren dritten Urlaub planen; große Werbeplakate künden davon, wie der Produktivitätsgewinn in den Betrieben erfolgreich an die Massen weitergegeben werden konnte. Im Büro erklärt ihm sein Assistent, dass dieser zusammen mit seinem Lebenspartner ein drittes Kind aus Afghanistan adoptiert hat und Dobrindt nun zum Paten bestellen möchte.

Spätestens jetzt erwacht Alexander Dobrindt mit einem Schreckensschrei, der Albtraum hat ein Ende. Er kann sich beruhigt umsehen in Europa und feststellen, dass es nirgendwo auch nur ein Land gibt, in welchem rechtsextreme Parteien nicht in die Parlamente eingewandert sind. Er kann nach Deutschland blicken und erleichtert feststellen, dass die Polizei die Hamburger G20-Proteste mit geradezu selbstzerstörerischer Monomanie verfolgt - wohingegen eine Gruppierung wie die »Reichsbürger«, 15.000 Mann stark, die Waffen sammelt und offenbar plant, eine Armee aufzustellen, in der Öffentlichkeit als Ansammlung verwirrter Sonderlinge dargestellt wird. Er kann sich darauf verlassen, dass die »Bild«-Zeitung eine Beziehung zwischen zwei Jugendlichen so weit skandalisiert, dass beide Todesdrohungen erhalten - vorausgesetzt, einer der beiden hat einen ungewöhnlichen Nachnamen. Für diese Lage findet Dobrindt eine treffende Bezeichnung: die Meinungsführerschaft »linker Eliten«.

Wie auch Jan Fleischhauer, jahrzehntelang hochbezahlter Kolumnist des bekanntesten deutschsprachigen Nachrichtenmagazins, sich aufgrund seiner Ansichten in die Ecke gedrängt fühlt, behauptet auch der leitende Angestellte einer fest im Sattel sitzenden konservativen Regierung, behauptet auch der Angehörige der bayerischen Einheitspartei Alexander Dobrindt in unschöner Regelmäßigkeit, dass er in der Minderheit sei; verstoßen, verfemt, im gesellschaftlichen Abseits.

Auf mehr als anekdotische Beispiele, inwiefern seine Ansichten sein grotesk überprivilegiertes Leben jemals relevant eingeschränkt hätten, verzichtet er ebenso regelmäßig. Würde er genauer davon erzählen, man müsste ihn auslachen: Die Tatsache, dass diesen Leuten nicht ununterbrochen zugejubelt wird, dass es tatsächlich noch Menschen gibt, die ihr verkorkstes Weltbild nicht zu 100 Prozent teilen, dass winzige Nischenblätter und anonyme Twitterer gelegentlich noch sachte Zweifel an ihrem Handel nähren - das ist ihnen »linke Meinungsführerschaft«.

»Meinungsführerschaft« - in dem Wort selbst steckt schon der verbotene Wunsch, den sie insgeheim hegen. Meinung, das ist ihnen ein Sport - der »Meinungswettstreit«, wie sie ihn juristisch getauft haben, mit Gewinnern und Verlierern. Der Gewinner geht aufs Siegertreppchen, die Verlierer müssen die Klappe halten, dürfen ihr Glück beim nächsten Mal versuchen. Meinung muss ihnen streng pyramidal organisiert werden. Die Sieger geben den Kammerton an, alles andere muss sich darauf beziehen - das nennen sie dann Meinungsvielfalt. Meinungsführerschaft, das ist schon ein Oxymoron: Im Grunde wollen sie gar keine Meinung, sondern nur die Führerschaft.

Man weiß, dass diese Paranoia nicht durch Siege zu bändigen, ja auch nur zu beeinflussen ist. Sie können die letzte linke Zeitung schließen, das letzte alternative Projekt auf die Straße setzen und wittern doch noch überall zersetzende Kritik. Wenn es die Kritik offiziell nicht mehr gibt, dann gibt es plötzlich Agenten und Diversanten, dann eben unter den eigenen Leuten, oder es sind »ausländische Mächte«, die die Meinungsführerschaft beanspruchen. Im Ungarn der Regierung Orban ist es das antisemitische Wahnbild von einem allmächtigen George Soros, der die Nation zerstören möchte, das als »Meinungsführerschaft« bekämpft wird; ein Ungarn, für das Dobrindts Partei allergrößte Sympathien hegt. Dass freilich einer wie Dobrindt noch auf dem Thron der Welt Angstzustände kriegt, weil ihm jemand widerspricht - das hat dann allerdings fast wieder etwas Beruhigendes.

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