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Mit viel Lärm für die Agrarwende

Landwirtschaftsminister Schmidt und die Glyphosat-Debatte waren das dominierende Thema bei der Demonstration »Wir haben es satt«

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 6 Min.

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Es ist ein ohrenbetäubender Lärm, der am Samstag vor dem Bundeswirtschaftsministerium in Berlin-Mitte zu vernehmen ist. Tausende Menschen trommeln gleichzeitig auf mitgebrachten Töpfen, Pfannen und Schüsseln herum, machen Lärm für ihre Forderung nach einer Agrarwende.

Eine von ihnen ist Miriam Strade: »Schmidt muss weg!«, ruft die junge Frau mit Dutzenden weiterer Menschen im Chor, während sie mit einem Holzlöffel rhythmisch auf einem altem Emailletopf herumtrommelt. Das scheppernde Kochgeschirr ist etwa doppelt so alt wie sie selbst, schätzt die Studentin. Gefunden hat sie es vor ein paar Jahren auf dem Dachboden des ehemaligen Bauernhofs ihrer Großeltern in Oberbayern. Den Milchbetrieb gibt es längst nicht mehr, erzählt die 24-Jährige. Schon ihr Vater wollte bei einem System nicht mehr mitmachen, das große Agrarkonzerne fördere und kleine Familienbetriebe an den Rand des Ruins treibe. »Ich hätte den Hof niemals übernommen«, sagt Strade, als der Chor neben ihr gerade wieder zu einem »Schmidt muss weg!« ansetzt.

Die Rufe gelten Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU), der zur gleichen Zeit mit Vertretern aus 70 Staaten sowie der EU-Kommission bei der 10. Berliner Agrarministerkonferenz im Wirtschaftsministerium über Fragen der Welternährung diskutiert. Von dem Gipfel wird es später heißen, die Teilnehmer hätten sich zu einer verantwortlicheren Tierhaltung verpflichtet. »Der nachhaltige Umgang mit den Tieren bei der Produktion tierischer Nahrungsmittel ist eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit«, so Schmidt.

Solche Absichtserklärungen sind die Unterstützer der mittlerweile achten »Wir-haben-es-satt«-Demonstration längst gewohnt. Wirklich glauben will niemand, dass Schmidt irgendwann einen Kurswechsel in der Agrarpolitik vollziehen wird. In fast allen Redebeiträgen schwingt Wut auf den Minister mit. Sein Name fällt fast so häufig wie die Bezeichnung für das umstrittene Pestizid, für dessen erneute EU-weite Zulassung er sich engagierte: Glyphosat.

Die monatelange Debatte um das Totalherbizid dürfte einer der wichtigsten Gründe sein, warum der Protest für eine Agrarwende in diesem Jahr wieder deutlich stärkeren Zulauf erfährt. Etwa 33 000 Teilnehmer zogen am Samstag durch das Regierungsviertel, schätzen die Veranstalter, ein Bündnis aus rund 100 Umwelt-, Verbraucher-, Landwirtschafts- und Entwicklungsorganisationen. Im Vorjahr waren es etwa halb so viele Menschen.

Die Sprecherin der Grünen Jugend, Ricarda Lang, bestätigt gegenüber »nd«, Schmidt und der Streit um Glyphosat hätten viele mobilisiert. Für Empörung hatte der Agrarminister im November gesorgt, als er in Brüssel für eine Verlängerung der Zulassung des Unkrautvernichtungsmittels votierte, obwohl Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ausdrücklich dagegen war. »Dafür muss Schmidt zurücktreten. Kanzlerin Merkel hätte mehr Druck ausüben müssen«, meint Lang. Für die Sprecherin der Jugendorganisation der Grünen schmälert dies die Hoffnung auf das, was von einer möglichen Neuauflage der Großen Koalition in der Agrarpolitik zu erwarten sei. Schon in den letzten vier Jahren habe sich »gar nichts getan«, es habe es sogar Rückschritte gegeben, lautet ihr Vorwurf. Weder habe sich Schmidt für ein Glyphosat-Verbot eingesetzt, noch sei etwas zur Eindämmung der Massentierhaltung getan worden, kritisiert Lang. Auch müssten die Subventionen für die konventionelle Landwirtschaft zurückgefahren und stattdessen Biobetriebe stärker finanziell gefördert werden. Allesamt Forderungen, die wohl jeder auf der Demo mitträgt.

Theoretisch gilt dies auch für Martin, Aktivist bei der Berliner Tierbefreiungsaktion (BerTA). Allerdings mit einer entscheidenden Einschränkung: Statt eines Stopps der Massentierhaltung fordert er ein Ende jeglicher Tierausbeutung. Es ist ein radikaler Schritt, der auf der Demonstration zumindest in den offiziellen Redebeiträgen nicht vorkommt. Biolandwirtschaft und Tierhaltung? Das gehöre wie selbstverständlich zusammen, heißt es. Es ist die alte Streitfrage zwischen jenen, die glauben, es könne eine artgerechte Tierhaltung geben, und denen, die als artgerecht nur die Freiheit ansehen. Nie wirklich geklärt wurde der Konflikt, ob und wenn ja wie viel Platz der Forderung nach einem vollständigen Verzicht auf tierische Lebensmittel auf der Agrardemo eingeräumt bekommt. Im Jahr 2016 zog sich mit der Albert Schweitzer Stiftung die bis dahin einzige vegane Organisation aus dem Unterstützerkreis von »Wir haben es satt« zurück. Begründung: Die Forderung nach weniger Fleischkonsum sei nicht Kerninhalt des Protestes.

Für BerTA-Aktivist Martin stellt sich diese Frage schon lange nicht mehr - er lebt seit 24 Jahren vegan. Auch auf die Agrardemo geht er nicht, stattdessen hält er gemeinsam mit Unterstützern der Tierrechtsorganisation »Animal Rights Watch« (ARIWA) am Samstag unweit der Grünen Woche eine Kundgebung gegen die weltweit größte Lebensmittelmesse ab. Die rund ein Dutzend Tierrechtsaktivisten haben sich ihren Standort clever ausgewählt. Mit Protestbannern, auf denen Aussagen wie »Fleischkonsum bedeutet immer Gewalt« stehen, verteilen sie in einer Fußgängerunterführung Flyer an die tausenden Menschen, die zur Grünen Woche wollen. Wer mit der S-Bahn zum Messegelände anreist, kommt unweigerlich an ihnen vorbei.

Um mit den Passanten ins Gespräch zu kommen, setzen die Aktivisten auf eine Doppelstrategie. Einerseits zeigen sie auf einem Bildschirm Videomaterial früherer Recherchen in Ställen, andererseits informieren sie auch über Alternativen. Auf den verteilten Flyern wird etwa auf verschiedene Webseiten mit veganen Rezepten hingewiesen. Veganismus sei keine Nische mehr, besonders in den Industrieländern sei eine tierfreie Ernährungs- und Lebensweise längst kein Problem mehr, argumentiert Martin. Die Grüne Woche gaukle einem allerdings eine Form der Tierhaltung vor, wie sie in der Realität nicht vorkomme. »Auf der Messe wirst du keinen Stall entdecken, in dem Scheiße herumliegt«, sagt Martin. Verletzte oder tote Tiere? Ebenfalls Fehlanzeige.

Auch in Biobetrieben gebe es viel zu oft Missstände. Eine Alternative sind sie zumindest für Martin nicht. »Der Begriff Bio verspricht viel, was er nicht hält«, meint er. Weil die Tiere dennoch litten und schon der immense Ressourcenverbrauch gegen Fleischkonsum spreche, kämpft Martin dafür, das System der Tierhaltung zu überwinden und nicht nur zu reformieren. Ein Schlüssel dazu seien die Konsumenten, die BerTA und ARIWA mit ihrer Kundgebung vor den Toren der Grünen Woche direkt anspricht.

Martin befürchtet, beim weltweit steigenden Hunger auf Fleisch und andere tierische Produkte könnte es eines Tages zum Krieg um die begrenzten und knapper werdenden Flächen für die Landwirtschaft kommen. Opfer seien letztlich nicht nur die Tiere, sondern auch der Mensch.

Diese bisher zu wenig beachtete Feststellung könnte der Link sein, der Tierrechtler wie Martin und die Demonstrierenden bei »Wir haben es satt« schließlich doch verbindet. Letztlich ist der Protest eben nicht nur auf Fragen nach der Zukunft von Landwirtschaft und Tierhaltung begrenzt. Als Klimaaktivisten der Initiative »Ende Gelände« entlang der Demoroute auf das Dach eines noch im Bau befindlichen Bürohauses steigen und ein Protestbanner entrollen, bejubeln die Protestierenden die Klettertour genauso laut mit Beifall wie die Botschaft selbst. »Grünkohl statt Braunkohle« lautet die Forderung, die auch Grüne-Jugend-Sprecherin Lang als Beleg dafür sieht, dass sich besonders die junge Generation der Protestbewegung klar darüber ist, dass sich Themen wie Landwirtschaft, Ernährung und Klimaschutz nicht voneinander getrennt betrachten lassen.

Ole Plogstedt, Hamburger Fernsehkoch und inzwischen auch durch die G20-Proteste im vergangenen Jahr als linker Aktivist bekannt, fügt der Debatte noch eine weitere Dimension hinzu. Es sei absolut zu begrüßen, wenn Menschen Biolebensmittel und fair gehandelte Produkte kaufen, erklärt Plogstedt. Doch dabei dürfe man niemals jene vergessen, die sich solch ein Konsumverhalten nicht leisten können. Nicht nur beim Verbraucher sei die Verantwortung zu suchen - »der Fehler steckt im System«.

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