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Auf zu neuen Horizonten

Alexander Gerst startet im Juni zum zweiten Mal zur ISS

  • Von Annett Stein, Köln
  • Lesedauer: 4 Min.

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Zum ersten Mal wird ein deutscher Astronaut Kommandant der Internationalen Raumstation (ISS) sein. Anfang Juni soll Alexander Gerst mit einem russischen Sojus-Raumschiff für die Mission «Horizons» (Horizonte) zur Station starten. Für die zweite Hälfte seines Aufenthalts bis zu seiner Rückkehr im November wird er für Crew und Station verantwortlich sein. «Ich freue mich darauf, wieder zur ISS zurückzukehren», sagte Gerst, der 2014 bereits sechs Monate Bordingenieur auf der Raumstation war.

«Es fühlt sich an, als würde man zu einem Haus reisen, in dem man einmal viel Zeit verbracht hat», so der 41-Jährige, Astronaut der Europäischen Weltraumagentur (ESA). «Ich weiß genau, in welcher Ecke welches Gerät steht und kann das Geräusch der Luken hören, wenn ich sie in Gedanken öffne.» Als Kommandant wird «Astro-Alex» - so sein zum Spitznamen gewordenes Twitter-Kürzel - ein auf engem Raum zusammenlebendes Team leiten. «Es ist wirklich ein großes Kompliment, dass die NASA mir das Vertrauen schenkt, dass ich diese Raumstation kommandieren darf.»

Jede Sojus wird nur einmal verwendet. «Dieses Vehikel ist sehr sicher, es ist eines der zuverlässigsten, die je gebaut worden sind», sagte Gerst. Kommandant ist wie stets der Russe im Team, Gerst wird das Raumschiff zusammen mit ihm steuern.

Vor dem Einsatz stehen gut zwei Jahre Training im Europäischen Astronauten-Zentrum EAC in Köln, im Sternenstädtchen bei Moskau und im Lyndon B. Johnson Space Center der NASA in den USA. Mental anstrengend seien vor allem die Trainingseinheiten im Simulator für den Hin- und Rückflug mit der Sojus. «Die Trainer geben sich da richtig Mühe», sagte Gerst. «Wir werden mit Armageddon-Szenarien bombardiert, mit 15 Fehlern gleichzeitig, den schlimmsten, die man sich vorstellen kann.» Es gebe aber immer einen Ausweg - der müsse eben nur gefunden werden. «Ich bin nur einmal gestorben im Simulator. Schuld war ein Fehler im Simulatorprogramm. »Es sind kurz vor dem Andocken alle Triebwerke ausgefallen, nachdem vorher schon zehn Dinge ausgefallen waren. Dadurch sind wir ohne jegliche Steuerungsmöglichkeit mit der ISS kollidiert.«

Prinzipiell falle alles leichter, wenn man zum zweiten Mal fliege, erklärte Gerst. »Man ist sehr viel effizienter, denn man weiß schon, was wichtig ist und was nicht.« Auf der ISS selbst lasse sich leicht erkennen, wer schon mal da war und wer neu ist: »Alte Hasen schweben vertikal, Neulinge horizontal.« Seitlich durch die Station zu schweben sei viel angenehmer als mit dem Kopf voraus, erfordere aber ein Umdenken. »Das ist ungefähr so, als wenn man laufen lernt oder Fahrrad fahren. Am Anfang stellt man sich da immer ein bisschen tollpatschig an.«

Bei den Einsätzen auf der ISS wird versucht, ein Erdarbeitsleben nachzustellen: Sechs Tage wird gearbeitet - wobei für das zweieinhalbstündige Sportprogramm und alltägliche Dinge wie Essen und Zähneputzen viel Zeit verloren geht. Eine Stunde täglich hat ein Astronaut für sich - um mit der Familie zu telefonieren, im - sehr langsamen - Internet zu surfen oder aus dem Fenster zu gucken. Am Samstag ist Putztag. Sonntage sind - abgesehen vom Sportprogramm - frei.

Bei seiner ersten Mission »Blue Dot« (Blauer Punkt) 2014 führte Gerst als Bordingenieur mehr als 100 Experimente durch. Auch diesmal werden wissenschaftliche Projekte einen Teil des Arbeitsalltags ausmachen. Am meisten Spaß mache ihm das, wenn er eigene Ideen einbringen könne. Manchmal gehe es aber auch nur darum, das jeweilige Experiment zu installieren und immer mal wieder sind Reparaturen durchzuführen. Viele der Versuche für die Mission »Horizons« seien noch in Vorbereitung und noch nicht endgültig ausgesucht, erklärte Gerst. Letztlich gebe es aber ähnliche Schwerpunkte wie beim letzten Mal. Materialwissenschaften, Robotik und Zellforschung gehören dazu, wichtig sei zudem der Test eines neuen Lebenserhaltungssystems für künftige bemannte Weltraummissionen. »Wie können wir das so konstruieren, dass wir ohne viele Ressourcen zum Mars und zurück fliegen können?«

Jedes ISS-Crewmitglied ist ein Versuchskaninchen. Für Reisen ins All wird entscheidend sein, Probleme wie Muskelschwund, Augenschäden und verringerte Knochendichte in den Griff zu bekommen. Bekannt wurde kürzlich ein weiteres Problem: Der Körper von ISS-Astronauten wird zweieinhalb Monate lang stetig wärmer, bis er sich bei etwa 38 Grad - also einem leichten Dauerfieber - einpegelt. Bei sportlicher Aktivität steigt die Temperatur häufig auf mehr als 40 Grad, ergab eine Analyse mit Stirnsensoren. »Der Körper kann die überschüssige Hitze in der Schwerelosigkeit kaum loswerden«, erklärte Hanns-Christian Gunga von der Berliner Charité. Für die physische und mentale Leistungsfähigkeit könnte das bei Langzeitflügen ein immenses Problem sein.

Gerst ist wichtig, dass es bei den ISS-Experimenten nicht nur um Reisen in ferne Welten, sondern auch um ein nachhaltigeres Leben auf der Erde geht. »Ich dachte, der Weltraum sei ein besonderer Ort«, sagte er. »Was ich da oben gelernt habe, ist, dass er genau das Gegenteil davon ist: Es gibt zwar viele interessante Objekte dort draußen, die es sehr wert sind, von uns gründlich erforscht zu werden. Aber der gigantische Rest des Weltraumes ist schwarz, öde und lebensfeindlich. Der wirklich, wirklich besondere Ort darin, das ist unser einzigartiger blauer Heimatplanet.« dpa/nd

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