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Herr »Dingsbums soundso«

Sebastian Hartmann inszenierte am Deutschen Theater Berlin »Ulysses« nach James Joyce

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Worte gibt es, deren wahre Dimension wir ausdauernd missachten. Das Wort Alltag etwa. Der ist Wiederholung und Banalität. Nichtigkeit, die mal Lust weckt, mal lähmt. Stellen wir uns aber der Genauigkeit des Begriffs? In jenem Zeitmaß vom Tag, das genau unserer Begrenztheit entspricht, bleibt nämlich auch die Kennung dessen eingeschrieben, was unser Bewusstsein übersteigt: das All. Kosmos und Kurzstrecke Leben: Es ist jenes Zusammengehörige, das eine peinige Unvereinbarkeit bleibt. Eine Unbegreiflichkeit, die Furcht auslösen kann. All-Tag.

»Ulysses« von James Joyce ist der große Roman eines unablässig fließenden Alltags. Achtzehn Stunden im Juni 1904, achtzehn Episoden. Abenteuer eines Tag und einer halben Nacht an den Ufern des irischen Flusses Liffey. Roman, Protokoll, Bericht, Traum, Gedankenfluss. Raum und Zeit kollabieren. Betäubende Gleichzeitigkeit aller Dinge. Flanieren im überbordenden Labyrinth des Bewusstseins. Unterwegssein in der Dubliner Wirklichkeit dreier Köpfe - des Dichters Stephen Dedalus, des Anzeigenbeschaffers Leopold Bloom und dessen Frau Molly.

Joyce’ Werk ist der Odyssee des Homer nachempfunden, nacherdacht; wer den Roman liest, ist selber Odysseus: ein Irrfahrender, aber nicht hilfreich gelenkt von einer Götterlobby, sondern allein, verloren im Unerschöpflichen. Doch ist Anstrengung nicht das Löblichste, das ein Buch versprechen kann? Buch und Theater. Denn anstrengend ist dieser vierstündige Abend sehr wohl: Sebastian Hartmann inszenierte seinen sehr eigenen Blick auf »Ulysses« am Deutschen Theater in Berlin. Sprengsel. Fauchende, elegische, fiebrige Fetzen. Ein Assoziationskreislauf. Seelenwandern und Hämorrhoiden. Nation und Nierenbraten. Vaterschaft als »Legalfiktion«. Verführung und Verklemmung.

Mensch, du bist das vollkommene Wedernoch. Wer soll das aushalten? Du hältst das aus. Sag Beruf dazu oder Pflicht oder Ehe oder Partei oder Ehre oder Mission. Oder Theater. Gesicht zeigen. Welches? Wie viele hat jeder in Umlauf? Mählich formt sich das quälende, aufgekratzte Puzzle vom zappelnden Menschen. Zwitterschaften aus Protz und Leid. Und die Liebe? Ist oft nur der Nachtrab zu dem, was aus ihr hätte werden können.

Was Hartmann inszeniert, das will zuvörderst Wucht sein, muss expressive Szene werden. Es muss die Leere Liebeslieder auf die menschliche Seele singen können. Über der weiten Bühne hängen zwei ausgeglühte Discokugeln. Meteoriten, die Melancholia heißen und sich direkt aus dem Kino des Lars von Trier herabsenken könnten. Am Boden ein fortwährendes Nebelziehen. Nebel, das Wort rückwärts gelesen, heißt sehr bezüglich: Leben.

Die Inszenierung kalauert mit Shakespeare (»rein oder nicht rein?«), sie onaniert Orgasmen herbei, formt Choreografien des Harakiri und anderer Sterbensarten, lässt Menschen als Sprechpuppen kreisen. Das berückende zehnköpfige Ensemble in Leder und Lack knäuelt sich, zerstiebt, palavert partylike oder schiebt sich geschmeidig und düster zur bedrängten, bedrängenden Gruppe. Archaische Fühlung. Sex wie das Dasein: Jeder Pragmatismus tötet die Erhabenheit, aber doch nicht das Erlebnis.

Dieses Theater ist gern nackt. Denn der Körper ist der wahre Philosoph, er öffnet jeder Erkenntnis einen Triebhorizont aus Wollust, er setzt jeder Maßlosigkeit eine Grenze aus Schmerz. Und er lehrt dich das Verschmelzen von Wollust und Schmerz. Bittende Hände, himmelschreiende Arme, flehende Augen, schlingende Beine. Die Aufführung spielt Hund und Affe, immer wieder wendet sich Hartmann der gequälten Kreatur zu. Tierschrei ist Menschenschrei.

Judith Hofmann - souverän Lüsterne und Lady - hebt zur hochwellenden Eloge auf Männer an, um hernach gegen eine dumpfe, dumme, dreiste Männlichkeit zu wettern, die unter ihre zertretenden Schuhspitzen passt. Lina Pöppel sitzt nackt auf einer Plastikfolie, rutscht durch den dunklen Schlamm, den sie über sich goss. Die Folie wird hochgezogen, die Spur der Schauspielerin bildet ein Kreuz, darunter sitzt nun diese Frau, schwarzes Frühbild der Menschwerdung und einer innigen, verletzbaren, unschuldigen Ureinwohnerschaft.

Es ist ein Abend der Monologe, rampennah, begleitet von Orgel und E-Gitarre. Ulrich Matthes etwa, mit Chaplin-Hut und in einem ärmlichen, aber tapfer glitzernden Revueanzug: zartes Saitenspiel auf den eigenen Nervensträngen. Er spricht über Tod und Begräbnis - mit dieser tastenden Stimme, die das Vokaldunkle wie etwas Schluchtgefährliches liebt. Und die so blitzartig ins Wegbeißende hineinspringen kann. Wenn Matthes berechtigt zynisch die elende Hyperwichtigkeit des Menschen angreift, denn wer ist man denn, doch nur ein »Dingsbums soundso«, dann scheint da ein Geist der Verzweiflung in den Schlund des Allzumenschlichen geschaut und erkannt zu haben, dass es nicht wert ist, zu leiden: Lacht, Leute, lacht!, das ist noch die erträglichste Form der Lüge. Wenn Matthes in den Hades hinabsteigt, Homer erzählend, wieder eine Begegnung mit den Toten - dann bleibt er hockend in einer Spannung, die unausweichliche Vormärsche hinauszögert. Eben noch freches Ausholen im Schwung und nun: erschöpfende Aushöhlung einer bangen Seele.

Manual Harder im langen Klinikhemd, mit rauen brüchigen Tönen, erhebt den Schmerz von Geburtswehen zu einer ergreifenden Erzählung von Werden und Vergehen. Wer zur Welt kommt, kommt mit dem Verdacht zur Welt, er komme von nun an zu kurz.

Die Schauspieler beherrschen grandios den Wechsel zwischen hochfahrenden und niedergeschmetterten Gemütern, zwischen Poesie und Clownsfreude. Neben den bereits Genannten: Birgit Unterweger, Daniel Hoevels, Benjamin Lillie, Edgar Eckert - souverän keck, ballettös komisch; man ist quick verwandlerisch zwischen Würde und Wurstigkeit.

Cordelia Wege spricht, schreit, seufzt, weint - im unschuldweißen Kleid - den Monolog der Molly Bloom. Ekstatisch lebensgierig, bleiblutschwer: Dass der Mensch Trost nötig hat, macht ihn arm, dass er kaum Trost geben kann, macht ihn elend, aber dass ihm eine große Bedürftigkeit nach Trost immer wieder nachwächst, das macht ihn reich und das lässt, im Dreck, viel Glanz flackern.

Bernd Moss hatte gleich zu Beginn den Magier im Zylinder gegeben, er hob leicht das Bein: Das ist er, jener Fußbreit über dem Boden, den wir das Schweben nennen - der kleine hohe Raum, der Sein und Schein verwischen lässt. Theaters Heimat. Später wird Moss dem Publikum (auch das Ensemble lauscht) eine lustig-lehrreiche Lektion zur Quantenmechanik halten. Das irr anmutende, unbegreiflich alogische Verhalten der Elektronen als Vorschlag fürs Leben.

Über die Bühnenrückwand flutet am Ende apokalyptisch Meer. Ein Video mit Comicgesichtern zwischen Munchs Schrei und Science-Fiction. Der Schlussblick des Ensembles, so ernst wie gelöst ins Publikum gerichtet, scheint noch einmal Erzählung sein zu wollen: Erst die Vorausahnung des Verlusts bindet Sinn und Sinne an die Sehnsucht nach Beständigkeit. Die Kraft des Todes, uns Tränen zu entlocken, trifft sich mit dem Angebot des Lebens, sie zu trocknen.

Nächste Vorstellung: 28. Januar

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