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»Es gibt keine Umweltkatastrophe ...

Kathrin Gerlof denkt darüber nach, was zweieinhalb Kubikmeter Massentierzuchtexkremente pro Mensch bedeuten

  • Von Kathrin Gerlof
  • Lesedauer: 3 Min.

... Es gibt diese Katastrophe, die die Umwelt ist. Die Umwelt ist das, was dem Menschen übrig bleibt, wenn er alles verloren hat.« Gegen die Polemik in »Der kommende Aufstand«, aufgeschrieben schon vor zehn Jahren (Aber da war doch noch alles schick?) kommt der aktuelle »Fleischatlas« der Heinrich-Böll-Stiftung, des BUND und der Zeitung »Le Monde diplomatique« als substantivierter und mit Zahlen und Diagrammen gespickter Langweiler daher. Aber steht ja auch vorn drauf: Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel. Das hier wird kein missionarischer Text, jede und jeder soll essen, was sie oder er beliebt. Es geht eher so ums Ganze. Und dieser Fleischatlas ist immer derart demotivierend, dass es vom Leib geschrieben gehört.

2017 - das ist noch nicht lange her - wurden in unserem Land 27,1 Millionen Schweine, 12,4 Millionen Rinder, 1,8 Millionen Schafe und 41 Millionen Legehennen gehalten. Alle zusammen haben 208 Millionen Kubikmeter Gülle, Jauche und Gärreste produziert, die als Dünger auf deutschen Wiesen und Äckern landeten. Samt Antibiotika. Auf dem Acker holt man sich hierzulande keinen Schnupfen.

Das klingt trotzdem überschaubar, sind es doch pro Mensch bloß 2,536 Kubikmeter Scheiße. Dazu kommen noch 2,164 Millionen Tonnen Gülleimport aus den Niederlanden. Die haben irgendwie strengere Gesetze und müssen die Kacke außer Landes bringen.

Als die mutigen Grünen noch glaubten, Teil der neuen Regierung zu werden, haben sie in den ersten Sondierungsgesprächen gesagt, sie wollen die Massentierhaltung in den nächsten 20 Jahren beenden. Und Seehofer hat gesagt, er macht so einen Feldzug gegen die Landwirte nicht mit. (Ist das nicht fein geschwungene Klinge, die Kombination von FELDzug und LANDwirte?) Er macht da also nicht mit, und wenn der Gondelkopf nicht will, passiert ja auch nix. Dann müssen andere Lösungen her. Man könnte zum Beispiel, das meint Seehofer aber nicht, das Tierschutzgesetz lesen. Da steht: »Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.«

Und obwohl das Gesetz ist, sind bei Mastschweinen bis zu 80 Prozent der Tiere verletzt oder haben Atemwegserkrankungen. Ja, die atmen, die Viecher, man glaubt es kaum. Bis zu einem Drittel der Milchkühe leidet an lahmen Gelenken. Das ist nicht schlimm, die bekommen in der Massentierhaltung eh nicht viel Auslauf. 38 Prozent haben Euterentzündungen. 53 Prozent der Masthühner weisen Knochenbrüche auf. Bevor sie zerlegt werden!

Steht alles im Fleischatlas. Da stehen überhaupt viele Dinge, die wir wissen, aber nicht wissen wollen, kennen, aber verdrängen, ahnen, aber durch alternative Fakten zu einem Gesamtbild fügen, nicht glauben möchten und deshalb lieber gleich vergessen.

Also zum Beispiel die Tatsache, dass es planetare Grenzen gibt. Oder dass die fünf weltgrößten Fleisch- und Milchkonzerne mehr klimaschädliche Gase emittieren als Exxon, der die das ein Arschloch ist.

Womit wir beim Grundproblem wären. Natürlich ist Ökologie, von den Herrschenden in den Mund genommen, der Versuch, den Kapitalismus unter grüneren Vorzeichen fortzuführen. Individualisiert man das Problem, läuft es auf persönliche Askese hinaus. Ist eine feine Sache, rettet uns aber nicht. Das Unsichtbare Komitee: »Die runde und klebrige Masse ihrer Schuld wird auf unsere müden Schultern geladen und soll uns dazu bringen, unseren Garten zu bestellen, unseren Müll zu trennen und die Reste des makabren Festessens, in dem und für das wir gehätschelt wurden, biologisch zu kompostieren.«

An dieser Herangehensweise ändert leider auch der Fleischatlas nichts. Der wahre Kapitalist hält die Tiere in Massen, und wenn er selbst an der Gülle zu ersticken droht, wird er sich von der Politik dafür subventionieren lassen, den Planeten ein bisschen zu retten. Und damit reich zu werden.

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