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  • Ist Sprache eine Waffe?

Konstruktivistische Hermeneutik?

Im »Salon Sophie Charlotte« der Wissenschaftsakademie ging es diesmal um Sprache

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Deutschen, vor allem jene evangelischer Konfession, müssen jetzt ganz tapfer sein. Was nach endlos erscheinender Luther-Dekade am Samstagabend in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) verkündet wurde, dürfte für viele schwer verdaulich sein: Die Geschichte der deutschen Bibelübersetzung begann 700 Jahre vor dem Wittenberger Reformator. Martin Schubert von der Universität Duisburg-Essen weiß von aus dem 8. Jahrhundert stammenden althochdeutschen Paternostern (»Vaterunser«, nicht zu verwechseln mit gleichnamigem Personenaufzug). Und von einem österreichischen Anonymus aus dem 14. Jahrhundert, der sich wünschte, dass man das Alte und Neue Testament »auf Burgen und in Stuben in deutscher Sprache« lesen und hören könne. »Knorke« findet das der Mediävist. »Einerseits wurde er für seine auch den Laien verständlichen Interpretationen und Kommentierungen der Bibel von den Klerikern heftig angegriffen«, so Schubert gegenüber »nd«. »Andererseits polemisierte der Anonymus selbst scharf gegen Häretiker.«

Dem Œuvre des »geheimnisvollen Bibelübersetzers« ist ein gemeinsames Forschungsprojekt der Bayrischen und der Berlin-Brandenburgischen Wissenschaftsakademie gewidmet. Der Mann, über dessen Vita kaum etwas bekannt ist und der in den wenigen überlieferten Selbstzeugnissen »in maßloser Bescheidenheit«, so Schubert, von sich behauptete, »recht ungelehrt« zu sein, muss ein Sprachgenie gewesen sein. Dessen in alle Welt verstreuten Texte werden jetzt in interdisziplinärer Kooperation von Historikern, Germanisten und Religionswissenschaftlern zwecks Edition gesammelt und gesichtet. Gewiss ein mühseligeres Puzzle als jenes, das am Sonnabend Schuberts Kolleginnen mit interessierten Besuchern aus mittelhochdeutschen Worten zusammenfügten. Ich lerne: Zage heißt furchtsam, feige; muotec bedeutet mutig.

Über den Mut beim literarischen Übersetzen war gleichfalls einiges beim diesjährigen »Salon Sophie Charlotte« zu erfahren. Seit 2005 wird alljährlich im Januar ein für alle offener Veranstaltungsmarathon im Wissenstempel am Gendarmenmarkt ausgerichtet, benannt nach der freisinnigen und geistreichen Königin von Preußen, die den Philosophen, Mathematiker und Aufklärer Gottfried Wilhelm Leibniz bei der Gründung der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften anno domini 1700 unterstützte. Und wie in ihrem Salon dereinst gab es auch im akademischen Musik, geboten stündlich a cappella vom Akademiechor.

Im letzten Jahr lautete das Motto wenig verwunderlich: »Rebellionen, Revolutionen oder Reformen?« Diesmal knüpfte man an Kurt Tucholsky alias Peter Panter an, der 1929 in einer Glosse schrieb: »Sprache ist eine Waffe. Haltet sie scharf.« Ist dem so und muss das sein, fragten sich Wissenschaftler, Schriftsteller, Künstler und Journalisten. Sie diskutierten coram publico, ob Worte die Welt verändern können und wie sich Sprache wandelt mit Twitter, SMS und Sprachassistenten wie Siri und Alexa. »Durch die Öffnung neuer digitaler Kommunikationsformen müssen heute verstärkt die Regeln des sprachlichen Miteinanders neu ausgehandelt werden«, ist Constanze Fröhlich, Koordinatorin des Jahresthemas »Sprache« an der BBAW überzeugt.

Es ging bis mitternächtlich spät um ausgestorbene und heute vom Aussterben bedrohte Sprachen, um die Kommunikation der Tiere untereinander und mit dem Menschen. Auch darum, warum jede junge Generation die Sprache neu erfindet: »Yo, du Bastard. Was geht, du Bitch?« Es ging um leichte und schwere Sprache, um die Sprache der Gene und Formeln, um Bad English als »weltmännische Sprachprothese« der Naturwissenschaftler, um getrommelte Sprachen am Amazonas, die Sprachmächtigkeit von Bildern und Gerüchen, um Gerüchte, Flüche, Schmähgesang, Hasspredigten und Hate Speech, um politische Pöbeleien von Luther bis Trump und die Sprache der Political Correctness (»Abschied vom Mohrenkopf?«). Es debattierten unter anderem Herta Müller, die 2009 den Literaturnobelpreis erhielt (»Herta who?«, titelten damals US-Medien), aber auch die Primatenforscherin Julia Fischer und der Biopsychologe Onur Güntürkün (»Dr. Doolittle, zur Hilfe bitte!«). Es rezitierten und referierten Poetry Slammer Bas Böttcher und der Essayist Durs Grünbein (»Worte schlafen nicht«). Michael Marx berichtete über die Arbeit der BBAW-Abteilung Corpus Coranicum, und Michael Niedermeier, Arbeitsstellenleiter Goethe-Wörterbuch, sezierte des Dichters erotische Sprache. Die Turfan-Forscher der BBAW wiederum stellten das Sprachengewirr entlang der alten Seidenstraße vor.

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Es fiel ungemein schwer, sich angesichts der Fülle der parallel laufenden Referate und Debatten zu entscheiden. Bei Étienne François erübrigte es sich. Keine Chance, der Andrang war enorm. Viel zu viel Volk wollte »den Koran verstehen« respektive sich die Heilige Schrift des Islam vom Wissenschaftler aus Paris erklären lassen. Beim Weiterwandeln durch die heiligen Hallen des Geistes wurde man jedoch alsbald für die Enttäuschung entschädigt.

»Muss Recht verständlich sein?« Eine berechtigte, zu bejahende Frage. Für Dieter Simon, Juraprofessor und Akademiepräsident in den 1990er Umbruchjahren, ist sie indes irrelevant: »Es kommt darauf an, was der Richter sagt, nicht was in den Gesetzeswerken steht.« Als der Kirchenhistoriker und Ex-Rektor der Humboldt-Universität Christoph Markschies insistierend nachhakte: »Aber brauch ich denn nicht eine konstruktivistische Hermeneutik, um mein Recht zu kennen?«, konterte Simon zur Erheiterung des Publikums: »Häh? Konstruktivistische Hermeneutik? Was du brauchst, ist ein guter Anwalt!« Bei derlei neckischer Plauderei kam natürlich nicht das Recht als Herrschaftsinstrument zur Sprache. Egal, dies kann noch nachgeholt werden, denn »Sprache« in allen Formen und Facetten, sozialen und kulturellen Funktionen bleibt ja Themenschwerpunkt der Akademie das ganze Jahr über.

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