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  • Kultur
  • „Michael Kohlhaas“ im Thalia-Theater

Hier endigt die Geschichte noch nicht

Am Thalia-Theater Hamburg erzählt Antú Romero Nunes von den Nachfahren des Querulanten »Michael Kohlhaas«

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 5 Min.

Auf die einfachen unter den guten Ideen kommen nur große Geister. Darum verdienen der Erfinder des Reißverschlusses, die Entwickler der Antibabypille und die Schöpferin der Currywurst viel Ruhm und noch mehr Reichtum. Am Theater sind wenige zu Millionären geworden, aber viele zu Ansehen gelangt. Antú Romero Nunes ist einer von ihnen. Binnen weniger Jahre hat er es vom Geheimtipp zum Hausregisseur am Hamburger Thalia-Theater gebracht. Er ist erst 34 Jahre alt, brachte aber schon einige Inszenierungen auf die Bühne, deren hohe Qualität vor allem auf einer einfachen Idee gründet.

Bei ihm benötigte »Richard III.« lediglich ein bisschen Kunstnebel und eine Windmaschine, um Shakespeares Textmassiv in ein originelles Schauspiel zu verwandeln. Bei »Odysseus« musste Nunes nur einen weißen Luftballon aus dem leeren Sarg aufsteigen und ihn durch einen Sohn des Titelhelden abknallen lassen, und schon war das Getöse um den mythischen Krieger infrage gestellt.

In seiner neuen Produktion liegt die einfache Idee so nahe, dass doch tatsächlich noch niemand darauf gekommen ist. Der Vorhang geht auf, der Protagonist liegt unterm Fallbeil, sein Kopf plumpst in den bereitstehenden Korb und der Vorhang geht wieder zu. Applaus und Gelächter im Publikum, aus dem Off deklamiert eine sonore Männerstimme: »Hier endigt die Geschichte von Kohlhaas, einem der rechtschaffensten und zugleich entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.« Und auch der letzte Satz aus Heinrich von Kleists Novelle ist zu hören: »Vom Kohlhaas aber haben im Mecklenburgischen einige frohe und rüstige Nachkommen gelebt.«

Sofort macht der Vorhang Platz für eine andere Szenerie. Drei Männer hocken in einem Holzverschlag. Darin versammelt ist das, was die Wissenschaft über die Atmosphäre in Großraumbüros bislang herausfinden konnte: Alle ziehen Schnuten, die einen daran zweifeln lassen, dass die Pulsadern dieser Angestellten dauerhaft schnittverletzungsfrei bleiben werden. Die Sitzpositionen illustrieren eine Biomasse, die mit dem schönen Leben abgeschlossen hat. Oben hängt eine kreativitätskillende Deckenleuchte. Am Rand gluckert eine Kaffeemaschine. Die Wanduhr tickt.

Als echte Bürohengste sind die drei Typen ausgestattet mit Pferdeschwanz und Pferdegebiss (ein Gag für Eingeweihte: Bei Kleist ist Michael Kohlhaas ein Rosshändler). Thomas Niehaus, Jörg Pohl und Paul Schröder verkörpern Männer ohne Eigenschaften. Sie verlieren als im Import-Export-Geschäft tätige »Gebrüder Kohlhaas« kein einziges Wort.

Stattdessen sieht das auf einen sprachmächtigen Klassiker der neueren deutschen Literaturgeschichte gefasste Theaterpublikum einer brillant gespielten Slapstick-Revue zu. Das Trio triezt sich über Scherzanrufe, es fährt mit Drehstühlen um die Wette, es funktioniert im Ritterspiel den Abfalleimerdeckel zum Schutzschild um, und es ahmt beim Pizzaessen in der Mittagspause die besten Prügeleien von Bud Spencer und Terence Hill nach.

Hätte Nunes diesen Einfall über die gesamte Spieldauer von knapp zwei Stunden durchgehalten, eine Einladung zum nächsten Berliner Theatertreffen wäre alternativlos gewesen. Während bei einem Teil des Publikums die Stimmung von der in einem Oktoberfestzelt irgendwann schwer zu unterscheiden ist, macht sich in den vorderen Reihen des Parketts der Unmut breit. Nach einer Dreiviertelstunde, das Ensemble hat gerade einen Sekttrinkversuch vollführt, schreit Thomas Niehaus: »Zwangsvollstreckung?«

Plötzlich kracht die Handlung des 1810 erschienenen Prosawerks von Kleist in den Abend hinein. Niehaus schlüpft in die Rolle des historischen Michael Kohlhaas, die anderen beiden Darsteller wechseln sich bei den übrigen Parts ab. Als halte jemand den Finger auf der Vorspultaste, ereignet sich ratzfatz die Kernhandlung: Kohlhaas darf eine Grenze nicht überqueren, weil ihm amtliche Dokumente fehlen. Als Pfand muss er bis zur Vorlage des Passierscheins seine Pferde hinterlassen, die er hernach abgemagert und misshandelt vorfindet. Seine Beschwerden laufen ins Leere. Ob dieser Ungerechtigkeit dürstet Kohlhaas nach blutiger Rache.

Kostümbildnerin Victoria Behr stopft die Sidekicks des wütenden Niehaus’ in immer abgefahrenere Klamotten. Höhepunkt sind die zu Riesenhörnern verballhornten Haare der Lisbeth Kohlhaas. Ein Blick auf Wikipedia erklärt diesen skurrilen Teil der Darbietung: Behr arbeitet ansonsten eng mit Herbert Fritsch zusammen, der sich in den vergangenen Jahren mit wahnwitzigen Nonsens-Inszenierungen an der Berliner Volksbühne als Regisseur profiliert hat.

Nunes funktioniert eine Stätte der Hochkultur zur Spiel- und Spaßfa᠆brik um, damit Fallhöhe entsteht für die im dritten Abschnitt gesetzte Pointe. Da stehen die drei Herren, jetzt wieder in der Gegenwart angekommen, um ein Mülltonnenfeuer herum. Sie verbrennen ihre Pässe. Die Bundesrepublik Deutschland, schwafeln sie, sei kein rechtmäßiger Staat. Die Kohlhaas-Brüder haben sich also im Furor der Entrüstung zu »Reichsbürgern« gewandelt.

Auffällig ist, dass Nunes an dieser Stelle den Klamauk nicht etwa beendet. Er verbindet den antiquiert wirkenden Querulantenstoff von Kleist mit den neuen Rechtsesoterikern und nimmt sie dabei nicht ernst. Bis zum Pistolero-Showdown mit der Polizei liefert der Regisseur starke Bilder, er lässt aber auch viele Fragen offen.

Das ist nicht die schlechteste Art zu zeigen, wie die bestehenden Verhältnisse bemitleidenswert Verrückte produzieren, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Zumal Nunes mit seiner Offenheit den berühmtesten Spruch eines gewissen Dr. Axel Stoll kontrastiert: »Muss man wissen.« Der Vordenker der »Reichsbürger« ist wegen seines ungewollt komischen Auftretens ein YouTube-Star. Zentrale Themen seiner Vorträge: die »AIDS-Lüge«, die Überlegenheit der »Arier« - und Nazis aus dem All.

Nächste Vorstellung: 27. Januar

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