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Der Mahner

Er baute die DDR mit auf und versuchte, sie zu retten. Politisch aktiv ist er bis heute. Nun wird Hans Modrow 90

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 8 Min.

Wie er da über die Karl-Marx-Allee schreitet, mit festem Schritt, die Tasche im Griff, man würde sich nicht auszudenken wagen, der Mann stehe kurz vor seinem 90. Geburtstag, den er an diesem Sonnabend begeht. Es ist kalt an diesem Berliner Januartag, und noch bevor Hans Modrow im Café Sibylle seine Jacke über den Stuhl gelegt hat, grüßen ihn zwei Männer. Es sind nicht die einzigen, die in den nächsten Stunden Hallo sagen. Die hinüberwinken. Zu ihrem Hans.

Wen grüßen sie da? Den Jungen aus Jasienica, der im selben Jahr wie Che Guevara, Stanley Kubrick und Shirley Temple geboren ist? Den Jugendfunktionär, der den legendären 1. FC Union mitgründete? Den Bezirkssekretär der SED, der Ärger mit den wirklichen Bonzen bekam, weil die ihm nicht verzeihen wollten, dass er in den Plattenbau zog statt in die Villa vom Vorgänger? Den Mann aus Dresden, den die Wende ganz nach oben brachte, und der seit fast 30 Jahren gefragt wird, ob er damals im Oktober 1989 alles richtig gemacht hat? Den Mann vom Ältestenrat?

Wie soll man diesen Mensch auf einen Nenner bringen? Einer, der als Politiker im Winter 1990 den undankbarsten Job der Welt hatte und nun als »letzter Ministerpräsident der DDR mit der Amtsbezeichnung Vorsitzender des Ministerrates« im Lexikon steht. Der mit dem Wahlfälschungsvorwurf. Einer, der Europaabgeordneter war und Ehrenvorsitzender der PDS, der seit der Wende fast 20 Bücher geschrieben hat.

Ein Mensch, der auch ein Leben jenseits der Ämter und Mandate hat. Einer mit vielen Freunden, einer, dem man jetzt in Interviews öfter Fragen zur Gesundheit stellt. Der Hans Modrow, der vor nicht allzu langer Zeit den Tod seiner Tochter betrauern musste.

Wahrscheinlich denken viele sogar, es gibt diesen Hans Modrow nur als Politiker. Schwarz-Weiß-Bilder tauchen in der Erinnerung auf, wie er da mit gestreiftem Sakko und verschränkten Armen in der Menge der Demonstranten auf dem Dresdner Theaterplatz steht. Wie Helmut Kohl grinsend auf ihn herunterblickt, als sie ein paar Wochen später das geöffnete Brandenburger Tor durchschreiten. Wie er neben einem beinahe blutjungen Gregor Gysi auf dem Sonderparteitag der PDS sitzt.

Man könnte endlos so weitermachen und manchmal denkt man, dieser Hans Modrow sah damals irgendwie älter aus als heute. Dabei joggt er jetzt nicht mehr. Das Abfedern funktioniert nicht mehr wie früher, sagt er. Heimtrainer sei vernünftiger. Mit fast 90. Einer, der sagt, mit ihm habe es das Leben gut gemeint.

An diesem kalten Januarmorgen will Hans Modrow aber erst einmal über die Zukunft reden. Es steht einiges an. Bald verhandelt das Bundesverwaltungsgericht über sein Begehren, vollständige Einsicht in die Akten zu bekommen, die der Bundesnachrichtendienst über ihn angelegt hat. Seit Jahren streitet er darum; die Unterlagen bezeugen, dass der Geheimdienst aus dem Westen seine »Quellen« sogar in der SED-Parteiversammlung sitzen hatte.

Bald erscheint ein Buch zu dem Fall, man denkt unweigerlich an die Staatssicherheit und deren Akten. Es kommt einem der Gedanke, dass diese deutsch-deutsche Geschichte, je länger sie zurückliegt, desto weniger für die grellen Schwarz-Weiß-Bilder geeignet ist.

Hans Modrow ist da schon beim nächsten Thema. Er hat eine Stiftung gegründet, die soll sich unter anderem um die Bewahrung der wissenschaftlichen Arbeit der verstorbenen Tochter Irina kümmern. Das Thema der sozial-religiösen Sondergemeinschaft der Brüder, die zur Freikirche wurden, hat auch ihn gepackt. Wieder eine ganz andere Facette. Ach so, sagt Hans Modrow: Wir wollen auch biografische Studien fördern, die den Lebenswegen jüdischer Kommunisten in der DDR nachgehen.

Gerade war er in Tschechien, da ging es wieder um etwas Anderes. Um die heutigen Linken in Europa. Auch da gibt es noch viel zu tun, sagt Modrow. Und es klingt durch, dass er das, was zu tun wäre, anders machen würde als andere. Wer einen Termin mit ihm will, spricht bei Evi Nowitzki vor. Es sieht nicht so aus, als würde dieser Mann genug haben von der Politik, von der Welt, von den Dingen, die so ärgerlich sein können. Und die ihm bisweilen bedrohlich erscheinen.

Hans Modrow hat den Krieg noch miterlebt. Später die Gefangenschaft. 1949 kommt er zurück. Auf nach Berlin, arbeiten für FDJ, SED. Er gehörte damals zu den Jungen, und wenn er über die Älteren von einst spricht, darüber, wie der gemeinsame Umgang war, das Interesse an dem, was man Erfahrung nennen könnte, aber auch umgekehrt an dem, was Neuerung ausmachen könnte, klingt durch, wie sehr er sich wünschte, es sei heute immer noch so.

Interessiert sich denn keiner? Hans Modrow ist nicht der Typ, der einem die große Schlagzeile in den Block diktiert. Aber daran, dass Parteivorsitzende in den letzten Jahren einmal von sich aus seinen Rat gesucht hätten, kann er sich nicht erinnern.

Er ist so zu einem Mahner geworden. Eine Rolle, die immer auch etwas Ungehörtes hat, etwas Zurückgesetztes, die tragische Kassandra. Wenn er auf Parteitagen der LINKEN einen Rechenschaftsbericht des Ältestenrates vorträgt, dann ist meistens gleich Pause. Oder der Bericht der Mandatsprüfungskommission steht an. Nicht eben Gelegenheiten, bei denen man im Saal vor lauter Spannung eine Stecknadel würde fallen hören.

Also schreibt der Ältestenrat Erklärungen. Und das heißt dann meistens, Hans Modrow mischt sich ein. Zum Beispiel mit dem Hinweis wie diesem, »dass sich die Parteiführung mit ihren inneren Debatten, den schwachen Analysen der politischen Situation und fehlender gründlicher, konstruktiv-kritischer Haltung den wachsenden politisch-gesellschaftlichen Herausforderungen noch nicht auf der notwendigen Höhe der Debatten und der notwendigen Schlussfolgerungen befindet«.

Gut, so eine Mahnung wird nicht gern gehört. Falsch ist sie nicht. Die entscheidende Frage wäre ja, was diese Partei auf die von Modrow genannte Höhe bringen würde.

»Die Jungen denken wohl, sie seien schon die Alten«, sagte er einmal. Das war im Sommer 2007, die PDS fusionierte mit enttäuschten SPD-Leuten und Gewerkschaftern zur Linkspartei. Eine Sammlungsbewegung, könnte man sagen. Heute wird wieder über eine Sammlungsbewegung debattiert, aber Hans Modrow winkt ab. Und er guckt genauso skeptisch, wenn man auf andere Debatten in der Partei zu sprechen kommt: »Knatsch haben alle, es kommt darauf an, was man daraus macht.«

Heißt auch, die da in der Partei jetzt an der Spitze stehen und bisweilen glauben, sie seien schon die Alten, machen aus der Sicht von Modrow nicht das, was man daraus machen könnte. Er weiß dabei schon, dass er selbst einmal zu denen gehörte, die etwas taten - und andere meinten, daraus hätte man etwas Anderes machen müssen.

Hans-Dieter Schütt hat Modrow einmal als »akkurates Sinnbild einer sterbenden Republik« bezeichnet, als eine Person, die deren Hilflosigkeit genauso dokumentierte wie ihren würdevollen Trotz. Wahrscheinlich sehnte sich in der DDR damals niemand, Ministerpräsident zu werden. In einer Zeit, in der klar werden musste, dass es dieses Amt nicht mehr lange geben wird, weil bald das ganze Land weg sein würde und damit der Grund, einen Ministerpräsidenten zu haben. Und das alles binnen weniger Monate. Es musste der undankbarste Job der Welt sein, weil das, was da unter seiner Leitung passierte, den einen immer schon viel zu weit ging - und für die anderen immer zu kurz griff.

So viele Verbitterungen. Auf allen Seiten. Modrow war ein Mann der Perestroika - und ist heute von Michail Gorbatschow enttäuscht, wissend, dass der »zu Hause in der Patsche saß«. Manche, denen die DDR immer toller erscheint, je länger sie zurückliegt, sehen in Modrow so etwas wie den Gorbatschow der DDR - einen Verräter. Er selbst versucht dennoch, auch in diese Kreise Kontakt zu halten, was ihm dann Schlagzeilen einbringt, es zu sehr mit den Altstalinisten zu halten.

Nicht vergnatzt sein, so beschreibt das Hans Modrow. Es bringe ja doch nichts und verhärte einen nur von innen. Wenn man ihn so sitzen sieht vor sich im Café Sibylle, erinnert man sich an einen Hans Modrow, der selbst viel härter war, dieser strenge Blick, die Stirn in Falten. Vielleicht würde man das sogar vergnatzt nennen können. Aber wahrscheinlich hatte das auch mit seinen damaligen Rollen zu tun, mit den eindeutigen Bildern, die von den Leuten in diesen Rollen gemalt werden und doch so ungenau sind.

Vielleicht lässt Hans Modrow dem Lächeln jetzt auch einfach mehr Raum. Und den Zweifeln. Er möchte nicht verbittert sein, hat er vor ein paar Tagen gesagt. Und er möchte nicht stolz sein. Das eine führe zu falscher Selbstzufriedenheit, das andere verstelle genauso den nachdenklichen Rückblick. Das sollten auch die Jungen wissen. Die inzwischen selbst die Alten sind.

Die Jungen und die Alten. Die Erfahrung und was sie bedeutet. Wie ein Faden zieht sich das durch seine Biografie. Und mit dem Recht des Alters, das aus der gemachten Erfahrung das Bedürfnis zieht, es gar nicht erst zur Wiederholung kommen zu lassen, sagt Modrow: »Der Antifaschismus ist aufgebraucht.«

Er meint nicht die jungen engagierten Leute, die zu den Demos gehen. Sondern so etwas wie eine allgemeine Idee davon, was das einst bedeutete. Wohin es führte. Modrow sieht, dass eine bisher durchaus gesellschaftlich akzeptierte rote Linie jetzt immer öfter überschritten wird.

Er bleibt der Mahner. Der Mann, dem die Leute zuwinken in der Karl-Marx-Allee vor dem Café Sibylle. Der Hans. Hier wird er seinen 90. Geburtstag feiern.

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