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Im lustigen Mazedonien

NATO-Vampire, Henkersknechte, untote Indianer - Martin Leidenfrost besuchte den Karneval in Skopje

  • Von Martin Leidenfrost
  • Lesedauer: 3 Min.

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Ich hatte mich lange auf diesen mazedonischen Karneval gefreut. 2016 hatte er einen Skandal ausgelöst, weil er den Islam mit perfekt nachgespielten IS-Kommandos verhöhnt und die 25 Prozent starke albanisch-muslimische Minderheit Mazedoniens beleidigt hatte.

Das letze Jahr bot noch reichere Vorlagen: Der Regierungswechsel von der rechtsnationalistischen VMRO-DPMNE zur sozialdemokratischen SDSM forderte 100 Verletzte im Parlament, die Großparteien tauschten ihre angestammten Rollen probulgarischer bzw. proserbischer Verräterschweine.

Die neue Regierung, die erstmals mehrere Albanerparteien umfasst, wird des nationalen Ausverkaufs an Albaner, Griechen und Amis beschuldigt. Verschärft wird dies dadurch, dass der Namensstreit mit den umkämpften Vorschlägen »Nordmazedonien« und »Neues Mazedonien« gelöst werden könnte, und dass die bisher einmütig in die NATO strebende Politik neuerdings eine prorussisch-proamerikanische Spaltung erkennen lässt.

Am 13. und 14. Januar war in Vevcani wieder Karneval. Ich kam aus der Hauptstadt Skopje, die 200 Kilometer führten fast durchgehend durch albanisch-muslimisches Gebiet. Steil über dem Ohridsee gelegen, empfing mich das große Dorf als Schmuckkästchen christlich-orthodoxen Mazedoniertums. Aufwändig eingefasste Sturzbäche sprudelten zwischen Steinhäusern talwärts.

Auf dem Hauptplatz versammelten sich Tausende Zuschauer. Ein Mann trug das rote Barett der einst revolutionären VMRO-DPMNE. Sein Transparent verkündete vorne: »Die Vevcaner sind keine Terroristen.« Hinten jedoch: »Auch ich bin Terrorist.« - »Minister, Minister!«, zischelte es durchs Hotel, denn der neue Kulturminister war da. Er war ein Fliegenträger mit langen Dreadlocks. In seiner kurzen Rede scherzte er: »Ich trage heute die Maske eines Ministers, eines Dieners des Volkes.« Nur ein Buhruf und kein Applaus.

Am Samstag um halb drei tänzelten die Narren herbei. Es gab viele rote Teufel mit Spitzmützen, sie stellten den »dummen August« dar. Ich sah aufgespießte Hühner und Katzen, Patriarchen und Prälaten, Legionäre und Kreuzritter, Enthauptete und Henkersknechte. Viele Maskierte pflegten einen wahllosen Zombie-Clown-Eklektizismus.

Was ich sofort verstand, war eine Persiflage auf Regenbogenparaden: Leicht bekleidete Dorfburschen sprangen in den Brunnen, entfachten stinkenden rosa Rauch und wurden nie mehr gesehen. Sehr langsam erschlossen sich mir die weißen Kittel mit rot punktiertem Mundschutz - als Reflexion der Luftverschmutzung in Skopje. Die NATO wurde von einem Jecken als Vampir gezeichnet.

Albaner und Muslime wurden gar harmlos veräppelt: eine albanische Imbissbude, ein Klischee-Albaner mit Einkaufswagen und US-Fahne sowie weiß gewandete Wüstenscheichs, die ihre schwarz verschleierten Frauen zur Wahl einer »Miss Nahost« führten. Richtig schlecht waren die Donald-Trump-Masken. Kann das angehen, dass das orangene Gesicht des echten US-Präsidenten komischer wirkt als diese Masken? Der mazedonische Humor stieß an seine Grenzen. Nur wenige im Publikum lächelten. Der einzige, der sich vor Lachen bog, war der Kulturminister.

Ab vier verlief sich die Menge für längere Zeit. Halbnackte gehängte Erdkerle auf Stelzen, aus Bierbüchsen trinkend, spielten noch etwas Unbegreifliches. Am Abend folgte volkstümliche Musik. Der dort mit blutiger Schlachterschürze als »Mazedoniens Schlächter« rumstand, löste auch keine Debatte aus.

Gegen Mitternacht setzte ich mich in die lustigste Bar. Auf dem Vevcaner Karneval, der angeblich 14 Jahrhunderte alt ist, verkleiden sich traditionell nur Männer. Junge Frauen von urbaner Anmutung wollten das nicht mehr ganz akzeptieren, gingen als Kriegerinnen oder Häschen mit, blieben dabei aber hübsch und erkennbar. Was mir gefehlt hatte, wurde mir bewusst, als ein kunstvoll gefederter Indianer eintrat. Allerdings hatte auch er horrorfilmartige Extras im Gesicht. Indianer reicht nicht mehr, man will dann auch gleich ein untoter Indianer sein.

Am Sonntag, das war nach julianischem Kalender der Neujahrstag, besuchte ich den orthodoxen Gottesdienst. Die Grobheit und Gleichgültigkeit der wenigen Besucher stieß mich ab, wegen der Schimpftirade eines Herrn mit Ohrider Kennzeichen war nicht einmal das Vaterunser zu hören. Wie es in Vevcani der Brauch ist, wurden die Masken am Ende verbrannt.

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