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  • Sperren gegen russiche Sportler

Gesperrt ohne Anklage

Zu Olympia dürfen nur russische Athleten, die »nachweislich sauber« sind. Ein Nachweis des Gegenteils fehlt aber

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Meldung wäre deutschen Zeitungen in anderen Jahren kaum eine Nachricht wert gewesen, 2018 aber wurde sie mit Spannung erwartet. Russlands Nationales Olympisches Komitee (ROK) nominierte am Donnerstagabend insgesamt 169 Aktive für die Teilnahme an den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang, die in knapp zwei Wochen am 9. Februar eröffnet werden.

Das besondere Interesse lag nicht nur in der Tatsache, dass Russland wegen schwerer Betrugsvorwürfe rund um die Spiele 2014 in Sotschi vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) ausgeschlossen wurde - und daher russischen Athleten nur ein Start unter neutraler Flagge erlaubt sein wird. In der vergangenen Woche kam auch noch erschwerend hinzu, dass bislang zumindest im Lichte der Öffentlichkeit unbescholtene Athleten vergeblich auf eine IOC-Einladung gewartet hatten. Sie fehlen nun auch auf der Liste ihres ROK. Das bestätigte dessen Vizepräsident Stanislaw Pozdnjakow.

Vor wenigen Wochen sah alles noch ganz anders aus. Die Oswald-Kommission des IOC hatte insgesamt 46 Russen lebenslang von Olympia ausgeschlossen, in der Überzeugung jenen Athleten Dopingverfehlungen nachgewiesen zu haben. 39 davon wollen aber noch zu Olympia und klagen derzeit vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS gegen die Sperren. Die Anhörungen werden an diesem Sonnabend abgeschlossen, die Urteile Anfang nächster Woche erwartet. Über die anderen russischen Athleten, die von der Oswald-Kommission teilweise sogar aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden sind, sollte nun eine weitere Expertengruppe von Wissenschaftlern und Medizinern richten: Wer ist sauber und wer nicht? Da das suspendierte ROK nicht selbst seine Athleten nominieren durfte, sind alle Sportler auf Einladungen des IOC angewiesen.

Die Verwunderung war Mitte der Woche groß, als Medaillenfavoriten wie der Shorttracker Wiktor Ahn, Biathlet Anton Schipulin oder Skilangläufer Sergej Ustjugow offenbar vom IOC aussortiert worden waren. Das besonders Heikle daran: Das IOC veröffentlichte keine Gründe dafür, warum einzelne Sportler nicht eingeladen wurden. Es heißt weiterhin nur ganz allgemein, dass neben Erkenntnissen aus den Berichten des Dopingsonderermittlers Richard McLaren sowie Informationen der Fachverbände auch Auffälligkeiten in Blutpässen oder Steroidprofilen betrachtet wurden.

Da nun aber niemand weiß, was den fehlenden Athleten genau vorgeworfen wird, sind sie jeglicher Chance der Verteidigung beraubt. Außerdem kann es maximal Hinweise auf Doping geben und keinen Nachweis, sonst wären Schipulin und Co längst von den Sportverbänden suspendiert worden. Das ROK wollte aber offensichtlich keine weitere Konfrontation mit dem IOC und nominierte am Donnerstag nur Athleten von der »sauberen Liste«. Die 39 wirklich überführten Doper werden hingegen bei ihren Einsprüchen vor dem CAS von den russischen Verbänden tatkräftig unterstützt. Auch wenn ihre Chance auf Aufhebung der IOC-Urteile gering ist, käme es doch einer Tragödie gleich, wenn Athleten in Pyeongchang starten dürften, bei denen die Beweislage für Dopingvergehen viel eindeutiger ist als beispielsweise bei Wiktor Ahn.

Der Shorttracker, der 2006 in Turin für sein Heimatland Südkorea und dann noch einmal als Russe 2014 in Sotschi jeweils drei Gold- und eine Bronzemedaille errang, beklagte sich am Freitag in einem offenen Brief bei IOC-Präsident Thomas Bach. »Während meiner gesamten Karriere hat es nie einen Grund gegeben, an meiner Ehrlichkeit und Integrität zu zweifeln«, schrieb der fünftbeste olympische Wintersportler der Geschichte. »Es ist empörend, dass es keinen konkreten Grund gibt, der meinen Ausschluss von den Olympischen Spielen erklärt, und außerdem sehen mich die Leute jetzt als einen Athleten an, der gedopt hat.« Sein Ausschluss sei »Symbol des Misstrauens«. Ahn hofft jedoch noch, dass das IOC die Gründe veröffentlicht, »sodass ich meine Ehre und Würde verteidigen kann«. Bislang hat das IOC das ausgeschlossen.

Die 169 stattdessen nominierten Athleten können laut Russlands Sportminister Pawel Kolobkow nunmehr eigenständig entscheiden, ob sie als »Olympische Athleten aus Russland« in Südkorea an den Start gehen wollen. So soll das Team nach der ROK-Suspendierung heißen. Das IOC wollte an diesem Samstag endgültig entscheiden, ob die 169 startberechtigt sind.

Ein paar Medaillenkandidaten sind natürlich trotzdem noch unter den nun vom ROK Nominierten: Erstklassig besetzt - wenn auch ohne Stars der sich querstellenden NHL-Klubs - ist die Eishockeymannschaft der Männer rund um die Spitzenspieler Ilja Kowaltschuk und Pawel Dazjuk. Im Eiskunstlauf gehören die Paarlauf-Europameister Jewgenija Tarasowa und Wladimir Morosow zu den größten Konkurrenten der in Pyeongchang für Deutschland startenden Aljona Sawtschenko und Bruno Massot. Die 15-jährige Europameisterin Alina Sagitowa und ihre drei Jahre ältere Mannschaftskameradin Jewgenija Medwedjewa dürften Olympiagold bei den Damen unter sich ausmachen.

Für die Ausgeschlossenen und andere ausländische Aktive ohne Olympianominierung will Russland während der Winterspiele nach Angaben von Minister Kolobkow Ersatzwettbewerbe organisieren. So hatten es die sozialistischen Staaten bereits 1984 getan, als die meisten von ihnen die Sommerspiele in Los Angeles boykottiert hatten.

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