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Keine Eile nach dem Wegschauen

Die Aufarbeitung der grausamen Geschichte der Colonia Dignidad in Chile kommt nur langsam voran

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Tor zur Hölle: Eingangsbereich der »Colonia Dignidad« in Chile
Tor zur Hölle: Eingangsbereich der »Colonia Dignidad« in Chile

Im Süden von Chile gibt es ein »Bayerisches Dorf«. Man kann sich über verschiedene Reisewebsites dort einmieten. Für eine fabelhafte Ferienzeit - so man Urlaub nach bayerischer Art mag. Am Fuße der Anden gibt es ein Bierzelt und ein Restaurant im bayerischen Stil, mit Hirschgeweihen an der Wand. Vor den Fenstern blühen Geranien. Die Bewertungen für das »einfache, komfortable Landhotel« sind gut. Es ist »sauber und auf Anfrage werden auch kleine Mängel (wie fehlende Klopapierrolle) sofort behoben«. Allenfalls bei Frühstück wünschen sich Reisende »mehr regionale Produkte«. Doch darüber hinaus gibt es etwas, dass die schönste Ferienzeit tatsächlich trüben kann: die üble Vorgeschichte. Am Urlaubsort in schönster Landschaft haben, wie auch die Website des Bayerischen Dorfes nicht verschweigt, lange Zeit »Traurigkeit« und »Grausamkeit« geherrscht. Ganze Familien mussten in Unfreiheit leben.

Womit jedoch die Geschichte der Colonia Dignidad - zu deutsch Kolonie der Würde - nur unzureichend beschrieben ist. 1961 wurde sie vom deutschen Laienprediger Paul Schäfer gegründet. Um die 300 Menschen lebten in der streng abgeriegelten Siedlung wie Sklaven. Sie wurden zur Arbeit gepresst, gefoltert, viele auch sexuell missbraucht von Paul Schäfer und seiner »Elite«. Zu Zeiten der Militärdiktatur in Chile (1973 bis 1990) unterhielt die mordende Geheimpolizei ein Folterzentrum auf dem weitläufigen Gelände. Wer will, kann die grausame Geschichte kennen, es gibt Bücher und sogar einen Kinofilm. Doch vieles ist noch im Dunkel.

»Über viele Jahre hinweg von den 60er- bis in die 80er Jahre haben deutsche Diplomaten bestenfalls weggeschaut, jedenfalls eindeutig zu wenig für den Schutz ihrer Landsleute in dieser Kolonie getan«, erklärte Frank-Walter Steinmeier (SPD) im April 2016 noch in seiner Funktion als Außenminister. Er kündigte an, Teile des ministeriellen Archivs zu öffnen, um Verantwortung des Amtes aufzuklären. Steinmeier ist inzwischen Bundespräsident und auch damit steht er im Wort, das sein Amtsvorgänger Joachim Gauck gegeben hat. Bei seinem Chile-Besuch beklagte er ebenso das Wegschauen deutscher Diplomaten, als in der Sekte »Menschen entrechtet, brutal unterdrückt und gefoltert wurden«. Es sei erschreckend, »was Demokraten zu verdrängen und zu verschweigen vermochten«.

Das war im Sommer 2016 und es geschah - nichts. Bis Abgeordnete der Links- und der Grünen-Fraktion einen Antrag in den Bundestag einbrachten. Sie forderten die Regierung auf, die historische und juristische Aufarbeitung zu unterstützen und einen Hilfsfonds für die Opfer einzurichten. Vertreter von SPD und Union kündigten eigene Vorschläge an und im Juni 2017 beschloss das Parlament einstimmig die »Aufarbeitung der Verbrechen in der Colonia Dignidad«. Alle Fraktionen betonten, das es eile, denn die Opfer der Verbrechen und die Täter werden älter. Auch deshalb wollte Jan Korte von der Linksfraktion nun wissen, was die Regierung bislang unternommen hat. Bereits im Juli vergangenen Jahres hätte man bilaterale Absprachen zur Einsetzung einer »Gemischten Kommission zur Aufarbeitung der Vergangenheit der Colonia Dignidad« getroffen, deren konstituierende Sitzung im Oktober in Santiago de Chile stattgefunden habe, erklärte die Regierung und verkündete stolz, dass es im Januar dieses Jahres bereits ein zweites Treffen gegeben habe. Die Kommission wolle unter anderem ein Dokumentationszentrum errichten sowie »Verfahren zur Bewahrung des historischen Gedächtnisses sowie die Überprüfung der Vermögenswerte« unterstützen. Auch habe die chilenische Regierung »um kriminaltechnische und finanzielle Unterstützung der chilenischen Ermittlungen zur weiteren Aufklärung der Geschehnisse auf dem Gelände der Colonia Dignidad« gebeten, was »von der Bundesregierung geprüft wird«. Um die strafrechtliche Zusammenarbeit zu vertiefen, sei eine Reise von Vertretern des Justiz- und des Außenministeriums sowie von Justizbehörden aus Nordrhein-Westfalen geplant. Termin? Erstes Halbjahr 2018.

Offenbar ist kaum etwas geschehen, um bedürftige Opfer zu unterstützen. Der Bundestagsbeschluss fordert eine entsprechende Kommission zur Erarbeitung eines Konzeptes, die Bundesregierung hat jedoch ihren »Meinungsbildungsprozess« noch nicht abgeschlossen. Er werde »zeitnah im Ressortkreis fortgeführt«.

Das alles klingt vage. Zumal ein Bericht der Gemischten Kommission »nicht geplant« ist. Positiv sei, so meint Korte, dass »das Haus der Wannseekonferenz mit seiner Expertise für die Koordination des Dialogprozesses mit und zwischen den Opferverbänden zuständig ist und die Ergebnisse dieses schwierigen Prozesses in die weitere Arbeit zur Vorbereitung eines Dokumentationszentrums einfließen soll«. Zweifel hat der Linksabgeordnete jedoch, wenn es um die Aufdeckung der Vermögensverhältnisse und Finanzströme der Colonia Dignidad und ihrer Nachfolgeorganisation geht. Er könne »nicht verstehen, wieso nicht schon längst eine Einsichtnahme in die Grundbücher erfolgt ist«. Denn wenn es zutrifft, dass man bislang kaum Informationen über Schwarzgeldkonten im In- und Ausland oder das Vermögen der 20 Nachfolgegesellschaften hat, sollte man doch wenigstens in Erfahrung bringen, »wem die rund 17 000 Hektar Grund und Boden gehören.«

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