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Gefangen im PR-Inferno

Christoph Ruf braucht für den Nachweis der Kommerzialisierung im Fußball keine soziologischen Studien

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Alles hatte prima geklappt. Die Fahrt mit dem Zug war ohne Verspätung abgegangen, der Shuttle-Bus zum Stadion wartete mit offenen Türen und fuhr, Sekunden nachdem wir zugestiegen waren, ab. Vor dem Ticketcenter am Stadion war keine Schlange, die diesen Namen verdient hätte. Und dass es keinen Stehplatz mehr zu kaufen gab, wunderte uns nicht. Das wäre nun wirklich zu viel des Glücks gewesen, wenn man sich anno 2018 spontan entscheidet, ein Fußballspiel in der Zweiten Liga zu besuchen. Es war also alles gut bis etwa 25 Minuten vor Anpfiff. Wiederum zwei Minuten zuvor hatten wir Block N4 betreten, hinter der Eckfahne gelegen, gegenüber vom Regensburger Heimbereich und links von den Ingolstadt-Fans. Wir hatten getan, was man so tut, wenn man neues Fußballgelände erkundet: Wurst- und Bierpreise gecheckt, uns gegen ein Getränk entschieden, weil man es nicht auch noch honorieren muss, wenn Marketingleute und Sicherheits-Paranoiker meinen, sie müssten Leichtbier ausschenken und dafür 3 Euro 80 verlangen. Und wir hatten uns vom Block aus im Rund umgeguckt. Ganz okay, das (für uns) neue Regensburger Stadion, wenngleich es von innen wie von außen einige gibt, die ziemlich genau so aussehen. Doch wer das alte Jahn-Stadion kannte, das zwar über eine ziemlich urige Vereinskneipe unterhalb der Haupttribüne verfügte, ansonsten aber weder Komfort noch Atmosphäre zu bieten hatte, der versteht jeden Regensburger Fan, der den alten Zeiten nicht nachtrauert.

Wir hätten wohl von 18 Uhr 03 bis zum Anpfiff wohlig vor uns hingequatscht, wenn der Stadionsprecher nicht dasselbe getan hätte. Und zwar ohne Atempause. Es wurde nun mit jeder Minute ungemütlicher: hier ein Gewinnspiel, eine Werbeaktion, dort ein Einspieler, der dem Sprecher angeblich »Gänsehaut« bescherte. Dauerfeuer von der Anzeigetafel und mindestens 20 Mal die ungeheuer geschickt ins Blabla gemengten Namen des Trikotsponsors und des Stadion-Namensgebers. Es entstand zunehmend eine verstörende Ohr-Augen-Schere. Während die Optik - ein Stadion, sich zunehmend füllende Tribünenseiten - nach Fußball aussah, hörte sich der Rest nach Kirmes an. Nur dass man dort weitergehen kann, wenn man sich nicht für Gemüseschäler interessiert. Wir aber waren gefangen im PR-Inferno. Und es dauerte verdammt lang, bis der Schiedsrichter dem Geblubber ein Ende setzte. Wenn die eigene Mannschaft knapp führt und in der Schlussphase unter Druck gerät, ist es der Abpfiff, der die Fans erlöst. In Regensburg war es der Anpfiff, der alle erlöste. Dann begann ein Fußballspiel, das für vieles entschädigte, was das Vorspiel an Qualen verursacht hatte.

Schade, dass es so viele Menschen gibt, die nicht verstehen wollen, dass Fans ein Fußballspiel vollkommen reicht, um glücklich zu sein. 51,4 Prozent der Fußballfans - das hat eine aufwendige Studie des FC Playfair ergeben - bejahen die Frage, ob sie sich »früher oder später vom Profi-Fußball abwenden, wenn sich die Fußballkommerzialisierung so weiterentwickelt«. Die Frage ist, was bei den anderen 48,6 Prozent falsch läuft.

Das Unbehagen der Fans am modernen Fußball kann man dabei an allen möglichen Parametern festmachen. Man kann aber auch einfach innerhalb von fünf Tagen drei Zweitligaspiele im Stadion anschauen. Dienstag in Nürnberg: Jeder Eckball der Heimmannschaft wird von der Werbedurchsage einer Brauerei angekündigt. Freitag Regensburg und die 90-minütige Unterbrechung von Werbedurchsagen durch ein Fußballspiel. Samstag Fürth, wo man noch halbwegs ungenervt Fußball schauen kann, sich aber eben auch im Bundesland Bayern befindet. Und da kann ein Fußballspiel vom Brisanz-Grad Regensburg-Ingolstadt, Fürth-Kiel oder Mahatma Gandhi gegen Martin Luther King eben nicht stattfinden, ohne dass SEK-Einheiten und Hundertschaften an Polizei ein bisschen Bürgerkriegs-Atmosphäre herbeizaubern. Das Hochglanzprodukt darf keine Schramme bekommen.

Zurück nach Regensburg, wo es immerhin einen Moment gab, an dem man sich über das PR-Dauerfeuer auch amüsieren konnte. Hauptsponsor des Jahn ist ein Billig-Discounter. Und für den warb ein Mädchen von der Anzeigetafel herunter mit einem herzzerreißend gekreischten »Zu teuer? Dann geh doch zu Netto.«

Was meinen Begleiter zur Frage animierte, ob dieser Spot nicht vereinsschädigend sei. Für einen Platz in der Kurve bei einem nominell eher unattraktiven Zweitligaspiel hatten wir gerade 34 Euro gezahlt.

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