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  • Kultur
  • »Das andere Kapital«

Beharren auf geistigen Werten

Ausstellung im Potsdamer Landtag: Die Frauen der GEDOK zeigen »Das andere Kapital«

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 5 Min.

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Das Land Brandenburg macht im öffentlichen Medienecho nicht gerade den Eindruck, ein Eldorado der Bildkunst zu sein. Die TV-Kulturmagazine sowie die meinungsführenden Großzeitungen schlagen einen großen Bogen darum und beschweigen seine aktuelle Kultur weitgehend. Manchmal hat man den Eindruck, die Hähne der medialen Kunstdeuterei krähen auf den Höhen der Marktorientierung eine schrillere Melodei. Und die Hühner amtlich beglaubigter Kunsthistorie finden die dem Zeitgeschmack entsprechenden Körner halt immer wieder vorzugsweise westwärts.

Was soll’s - uns sollten vielleicht die Menschen in ihrer Eigenschaft als Kunstmacher und Kunstverbraucher mehr interessieren. Es ist schade, wie wenig die in diesem Bundesland beheimateten Stammbewohner Anteil an ihrem eigentlich Eigenen nehmen. Merken sie gar nicht, welches Pfund zum Wuchern sie im Bestand ihrer Kunstmuseen und im Umgang damit in der Hand haben?

Ein enorm vielseitiger Fundus aus über einem halben Jahrhundert liegt ihnen zu Füßen. Dabei haben sie Glück, dass hier stärker als anderswo gerade Frauen mit geografisch beidseitig geprägten Biografien sich dafür engagieren. Schon mehrmals haben wir hier die Aktivitäten von Ulrike Kremeier, Jutta Götzmann und Kristina Geisler bekannt gemacht. Auf welche Weise das Dieselkraftwerk Cottbus und die Galerie Junge Kunst Frankfurt (Oder) sich profilieren, trägt die Kremeiersche Handschrift. Das Potsdam-Museum und die Burg Beeskow zeichnen sich ebenfalls dadurch aus, gleichzeitig Altbestände aus DDR-Zeiten zu aktivieren und Neues zu fördern.

Wieso haben wir Gerlinde Förster mit der Galerie Kunstflügel in Rangsdorf noch gar nicht genannt? Das stabile Fundament ihrer Galerietätigkeit ist der Künstlerinnen-Verein GEDOK, der im Land Brandenburg seit 1994 hier sein Zentrum hat. Sie ist dessen Vorsitzende. Und die von ihr dort arrangierten Kunstausstellungen speziell weiblichen Zuschnitts haben einen denkbar guten Ruf. Mit dem interdisziplinären Kunstprojekt »Die Dinge« expandierte sie bereits 2012 bis 2014 an sechs Ausstellungsstandorte im Land. Da lag es nahe, nun in der Landeshauptstadt Potsdam für ein Vierteljahr die Etagen des Landtagsgebäudes mit dem künstlerischen Wandschmuck zu versorgen, der diesem Schlossareal würdig ist. Das geschieht nun mit der beziehungsvoll »Das andere Kapital« genannten Exposition.

Entgegen dem Kapital-Kult des schnöden Mammons kann die bildende Kunst gar nicht oft genug ihre Gegenposition im Beharren auf geistigen Werten deutlich machen. Die der Kunstwissenschaftlerin Förster als Ko-Kuratorin assistierende Künstlerin Christine Düwel fragt im Begleitheft der Ausstellung: »Welche lebenswichtigen Ressourcen gibt es neben dem Geld, den materiellen und - zunehmend - den digitalen Gütern? Was ist das andere Kapital?« 26 verschiedene Frauen-Mentalitäten versuchen eine Antwort zu geben. Werke der Malerei, Grafik und Bildhauerei sowie der Fotografie und Objektkunst verteilen sich im schneeweißen Ambiente der Hallen, Gänge und Vorräume zu anregenden Blickpunkten.

Hellsichtig, bedrohlich, mitfühlend oder anklagend beziehen sich ihre Formfindungen auf Probleme der Gegenwart. Eher abstrahierend als konkret abbildend, jedoch stets erkennbar im Sinngehalt.

Ein mittleres Alter nun bereits überschreitend, wuchsen fast alle Schöpferinnen im künstlerischen Bildungssystem der DDR heran. Später eroberten sie sich eine viel variablere Modernität als dort vorgesehen. Das ist individuell recht spannend. Dass etwa E.R.N.A. für Überraschungen immer gut ist, weiß der Kenner. Wir sehen einen Rückgriff auf 1999 mit »Teatime Girls« und »Teatime-Könige«: eine im warmen Farbklang inszenierte Persiflage aufs modische Entertainment. Alle anderen Werke sind neuesten Datums.

So Bettina Mundrys wütend impulsive Komposition einer Anklage »Terror«. Malerei kommt andererseits mit Sabine Slatoschs »Der Elch« und »Aus der Dunkelheit« geheimnisvoll surreal daher. Oder bei Marianne Gielen mit drei quadratischen »Magnetfeldern« in dialektischer Verschränkung mehrerer Landschaftsebenen. Oder bei Linde Kauert im farbintensiv straff formgebändigten Menschenbild. Oder bei Heidi Vogel mit »Welle und Sand« im dekorativ verfremdeten Naturerlebnis. Grafische Ausdrucksmittel weisen interessanterweise mehrmals ins Bildhauerische: Die Sandstein-Skulptur »Marsyas« von Marguerite Blume-Cardenas wird von großen Zeichnungen von Steinbrüchen flankiert. Und die Beton-Skulptur »Begegnung« von Sonja Eschefeld ist von grafisch so brillanten Collage-Großformaten zu »Figurationen« umgeben, dass es ein wahres Fest des Blickfanges wird.

Astrid Weichelt verewigt im zum Relief abgeformten Büttenpapier jene »Verletzten Musen«, die dieses Potsdamer Stadtschloss außen symbolträchtig zieren. Sie erzielt so eine grafisch-plastische Wirkung, wo Karin Tiefensee, Elke Pollack und Karin Gralki das zeichnerische Element erfrischend kultivieren. Kalligrafisch köstlich der »Briefwechsel« der Zeichenfedern von Jutta Schölzel und Ingrid Bertel daneben! Bei der Fotografie wird es dann konkret, wenn Ingrid Hartmetz »Ermordet in Sachsenhausen« und »Glückliche Geburt« konfrontiert. Oder die Malerin Kerstin Becker Fotomotive aus ihrer Umgebung festhält. Die außergewöhnlich kreative Liz Mields-Kratochvil ist ebenfalls hier nicht malerisch-plastisch präsent, sondern fotografisch. Nach Jahren ständiger Anteilnahme mit schwer bestraften Knastbrüdern legt sie ein bildnerisches Statement zur Psycho-Wirkung von Strafvollzug vor.

Bemerkenswert ist übrigens, dass fast alle hier ausstellenden Künstlerinnen bereits entweder mit Personalausstellungen oder als Projektteilnehmerinnen im Rangsdorfer »Kunstflügel« bekannt gemacht wurden. Die Normalität besteht eben darin, dass inzwischen das weibliche Element in der bildenden Kunst geradezu dominant ist. Die hier vertretenen Frauen stellen nur einen Teilbereich dar. Denn genauso viele andere hier Lebende und Wirkende böten sich als Ausstellerinnen an.

Dieses Projekt, maßgeschneidert als Kunstgenuss für die das Leben im brandenburgischen Landtag Bestimmenden und Besuchenden, unterscheidet sich wohltuend von manch anderen Aktivitäten in unserer Öffentlichkeit. Es ist in Wort und Bild frei von oft genug erlebten penetrant überzogenen Ultra-Feminismen. Bitteschön, so selbstverständlich wirkt gute Kunst.

»Das andere Kapital. Eine Ausstellung der GEDOK Brandenburg«, bis zum 29. März im Landtag Brandenburg, Alter Markt 1, Potsdam.

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