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Stockende Offensive

Nach mehr als einer Woche Krieg in Afrin sind die Erfolge der türkischen Armee minimal

  • Von Jan Keetman
  • Lesedauer: 4 Min.

Eigentlich haben die Kurden in Afrin keine Chance. Das zeigt schon die Geographie. Der Kanton bildet ein Rechteck von gerade mal 30 auf 40 Kilometern, das im Westen und Norden an die Türkei grenzt und im Osten an ein von der Türkei kontrolliertes Gebiet. Im Süden erstrecken sich ein ebenfalls von der Türkei dominiertes Rebellengebiet und in Richtung Aleppo eine von Machthaber Baschar al-Assad kontrollierte Region. Das ist das einzige Nadelöhr nach außen. Während das Gelände nach Osten in eine Ebene mündet, besteht der Rest des Territoriums aus Hügeln und niedrigen Bergen. Große Olivenhaine und lichte Wälder mit der relativ kleinen Aleppo-Kiefer bieten nur geringen Sichtschutz für die Verteidiger.

Den Kurden steht die zweitgrößte Armee der NATO gegenüber, mit allem, was eine Armee zu bieten hat: Jets, Kampfhubschrauber, Drohnen, Panzer, Haubitzen. Außerdem kann sie von nahezu allen Seiten angreifen. Trotzdem ist der schnelle Sieg, von dem Erdogan anfangs sprach, nicht eingetreten. Symptomatisch ist die Aussage eines verletzten türkischen Panzersoldaten: »Drei Tage lang haben wir bombardiert und als wir dann losgefahren sind, wurden wir nach 200, 300 Metern getroffen.« Als Erklärung für die zunächst nur minimalen Erfolge der Offensive hat Erdogan immer wieder behauptet, die »Terroristen« würden Zivilisten als Schutzschilde benutzen. Dafür gibt es allerdings keinerlei Belege.

Ein Grund für die schleppende Offensive der türkischen Armee ist das Wetter. Heftiger Regen hat den Boden aufgeweicht und eine neblige Atmosphäre erschwerte die Sicht. Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG und YPJ) hatten viel Zeit und allen Grund, ihre Verteidigungsstellungen auszubauen und Minen zu legen. Ein weiteres Problem für die Türkei dürfte die Qualität von Erdogans arabischen und turkmenischen Hilfstruppen sein. Als sie im Jahr 2016 zum ersten Mal mit türkischer Fernunterstützung gegen Kurden und den Islamischen Staat (IS) zum Einsatz kamen, wurden sie vom IS schnell geschlagen.

Auch gegen die Kurden richteten sie wenig aus. Trotzdem verlässt sich Ankara erneut für die Bodenkämpfe großenteils auf diese nun »Freie Syrische Armee«, einst »Nationale Syrische Armee« genannte Truppe. Offenbar will Erdogan aus politischen Gründen die Verluste an türkischen Soldaten so gering wie möglich halten. Bei den Verlusten der Hilfstruppen wird nicht so genau hingeschaut.

Der Einsatz dieser Truppen ist nicht nur wegen ihrer mangelnden Effizienz bedenklich. Nach der Einnahme von Jarablus im August 2016 veröffentlichten einige Kämpfer Bilder im Internet, die die Folter von Gefangenen zeigten. Kurdische Kämpfer müssen fürchten, dass ihnen das gleiche oder schlimmeres widerfährt, wenn sie sich nun ergeben. Ein weiterer Grund ist die ungewisse Zukunft der kurdischen Bevölkerung nach einer Eroberung Afrins. Am 24. Januar hat Erdogan verkündet, er wolle die 3,5 Millionen syrischen Flüchtlinge in der Türkei nach Afrin umsiedeln. Die Hilfstruppen Ankaras würden in ihrem eigenen Interesse teilnehmen: »Wir helfen unseren Brüdern, ihr eigenes Land zu besitzen.«

Das erinnert an die Zypernoperation aus dem Jahr 1974. Damals siedelte die Türkei viele der eigenen Soldaten auf der Insel an und beschenkte sie mit dem Grundbesitz vertriebener Griechen. Eine Zeitung im türkischen Teil Zyperns, die genau diesen Vergleich zog, wurde von Erdogan scharf kritisiert und ihre Büros von seinen Anhängern verwüstet. Kurden brauchen aber nicht bis nach Zypern zu blicken, um Beispiele für Umsiedlungen zu finden, es hat viele solcher Aktionen in der neueren türkischen Geschichte gegeben, häufig zu Lasten der Kurden.

Nicht nur fürchten diese sich vor Umsiedlungsplänen. Die Pläne untermauern auch, dass Erdogan nicht vorhat, aus Afrin irgendwann wieder abzuziehen. Ohnehin beginnt der türkische Staat de facto Hoheitsrechte in Syrien auszuüben. Innenminister Süleyman Soylu spricht bereits von »unseren« Polizeipräsidenten und Landräten in Syrien und der Leiter der staatlichen Religionsbehörde, Ali Erbas, will in Afrin nach der Eroberung Korankurse eröffnen.

Entsprechend gereizt reagiert der syrische Präsident Baschar al-Assad. Zwar ist er dem Aufruf der kurdischen Verwaltung von Afrin nicht nachgekommen, Truppen an die Grenze zu schicken, aber er lässt Verstärkung für die Verteidiger von Afrin passieren. So könnten sich die Kämpfe um Afrin noch eine Weile hinziehen. Militärisch gewinnen können die Kurden nicht, aber Erdogan verpasst seine Chance, rasch Fakten zu schaffen.

Eine schnelle Aktion hätte vielleicht auch die USA so geschockt, dass sie die Kurden fallen gelassen hätten - und damit ihre gesamte Politik in Syrien. Doch das wird immer unwahrscheinlicher. Indessen kann Wladimir Putin darüber nachdenken, wie leer es bei seiner Friedenskonferenz in Sotschi aussieht, nachdem die wegen Afrin verprellten Kurden nicht kommen.

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