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Keine großen Worte

Bernd Zeller über stattgefundene, vermeintliche und ausgebliebene große Reden in der jüngsten deutschen Politik

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In unserem heutigen Bericht befassen wir uns mit einem historischen Ereignis von nicht minder historischer Tragweite, das gemessen an seiner Bedeutung noch nicht ausreichend gewürdigt werden konnte, weil es erst letzte Woche stattgefunden hat. Die Kanzlerin hat eine große Rede gehalten.

So war es in den Zeitungen zu lesen und nicht von sozialen Netzwerken gesperrt, also ist die Nachricht als gesichert einzustufen. Für Historiker ist es noch zu früh, sich damit zu beschäftigen, denn es gibt unter ihnen keine Experten für die letzte Woche - für so was sind die Journalisten zuständig und die sonstigen der Information verpflichteten Medien. Früher hätte aufgerundet das ganze Volk die große Rede eines Regierungschefs am Radio mitverfolgt, heute muss man davon erst in der Zeitung lesen. Das tut natürlich der Größe der Rede keinen Abbruch.

Ort und Rahmen der großen Rede sind das kleine Davos in der Schweiz und der große Weltwirtschaftsgipfel, wo sich die Großen der Welt treffen, auf Einladung eines privaten Investors, und sich gegenseitig und sich selbst ihre Größe und Bedeutung bestätigen. Wer da mit einer großen Rede hervorsticht, erwirbt die Gleichstellung mit anderen großen Politikern, die vielleicht sogar für große Taten in die Geschichtsschreibung eingegangen sind. Die damit verbundene Ehre ist die Verfilmung.

Die dramaturgische Qualität der großen Rede, die in einer dunklen Stunde doch noch alles herumreißen soll, insbesondere die Stimmung im geschundenen Volk, ist schon einige Male in historischen Filmen über im weitesten Sinne Führungspersönlichkeiten genutzt worden, etwa mit dem englischen König, Premier Churchill oder dem, bei dem sich jeder historische Vergleich selbstverständlich verbietet. Nicht nur, weil es eine Komödie sein sollte. Zudem wäre nicht bekannt, dass die Kanzlerin einen Schauspiellehrer engagiert hätte, erst recht nicht auf Betreiben eines Ministers oder des Bundespresseamtes.

Die große Rede hat im Kleinen auch Martin Schulz versucht auf dem Parteitag, aber nach der großen Rede der Kanzlerin in Davos, mit der sie sich die Stimmung für die nächste Amtszeit sichert, hat er sich nicht herausgenommen, einen rhetorischen Kontrapunkt zu setzen, der an der Merkel-Ära gekratzt hätte. Historiker werden vom Grokolithikum sprechen, böse Zungen sagen Grokoma. Schulz hat seine Treue zur Kanzlerin bewiesen, so was wird in der Politik belohnt, vielleicht mit dem Ministerposten für Europa.

Nun sagen manche, die SPD solle strategisch denken. In drei Jahren ist Bundestagswahlkampf. Richtige Politik ist bis dahin sowieso nicht zu schaffen, also könnte die SPD sich auch überlegen, ob sie wirklich als Merkel-Partei antreten möchte oder als die Partei, die uns von Merkel befreit hat. Rechnerisch könnte sie nämlich mit Grünen und FDP einen Sozialliberalen zum Kanzler machen, im dritten Wahlgang mit einfacher Mehrheit. Vielleicht Peer Steinbrück. Man könnte mal die FDP fragen. Der wäre damals auch für die Grünen akzeptabel gewesen. Für die SPD nicht so, weil er auch schon mit großen Reden aufgefallen war, für die er große Honorare erhalten hat. Man soll ihn ja nicht mögen, er soll nur die Partei retten, die braucht man vielleicht noch bei den folgenden Wahlen. Eine stabile Regierung wäre auch diese, die meisten Gesetze können mit einfacher Mehrheit durch den Bundestag gehen.

Rechentechnisch wäre mit einfacher Mehrheit ebenfalls Kanzlerin Nahles drin, gestützt von SPD, Grünen und Linkspartei. Aber das wäre etwas früh und ambitioniert, und der Bundesrat könnte blockieren. So ist es nun mal in der Politik; wie Obama sagte: Demokratie bedeutet, dass man Kompromisse schließen muss, auch wenn man zu 100 Prozent im Recht ist. Das wären etwa die 100 Prozent, die Martin Schulz vor einem Jahr hatte.

Natürlich darf man auch Mitglieder und Wähler der CDU nicht einfach vor den Kopf stoßen. Für sie gäbe es dann eine große Rede ihrer Ex-Vorsitzenden.

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