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Fluchterfahrungen sind universell

Mit Ulrike Schwabs Inszenierung »Wolfskinder« übertrifft die Neuköllner Oper sich selbst

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Einfach fantastisch! Nicht übermäßig oft verlässt man ein Theater mit einem solch starken Eindruck. Was die Neuköllner Oper da auf die Bühne bringt, ist außergewöhnlich gut gelungen. »Wolfskinder« heißt das Opern-Zauberwerk, das das Leiden von Kindern und Jugendlichen auf der Flucht aus Ostpreußen nach dem Zweiten Weltkrieg thematisiert. In den 90 Minuten Spielzeit ist man jede Sekunde gebannt vom Geschehen auf der Bühne, von den Gesprächen, vom Gesang, vom Inhalt.

Ulrike Schwab inszenierte hier ihre ganz eigene Fassung von Engelbert Humperdincks Oper »Hänsel und Gretel«. In welche Atmosphäre man eintaucht, machen die Klanggebilde deutlich, mit denen die Oper eröffnet wird: Töne, die einen Krieg ausmachen, erreichen das Ohr und stimmen auf das Bühnengeschehen ein, das aber ganz zart mit einem alten Kinderlied beginnt: »Suse, liebe Suse, was raschelt im Stroh?« Die Sängerin wird dabei unterbrochen von einer zweiten, eine dritte kommt, und ein paar Augenblicke später sind alle sieben Schauspielerinnen auf der Bühne. Anzumerken gilt: Zwei von ihnen litten während der besuchten Vorstellung unter starkem Fieber, was aber ihre Leistung auf der Bühne so ganz und gar nicht schmälerte.

Alle sieben Darstellerinnen zeigten ein Spiel, das begeisterte: rundum gelungen, nichts Aufdringliches, nichts künstlich Gepushtes. Was man zu sehen bekommt, ist ein stringentes, leichtes, flüssiges Spiel, das der harten Thematik dennoch voll gerecht wird.

Die Bühne ist umhüllt von einem durchsichtigen Netz. Nichts, was den Blick versperrte, dem Spiel aber gibt es etwas von einem Kammerspiel. Das Netz schafft den Eindruck, man schaue von außen, aus der Ferne auf Prozesse, die zeigen, was die Not so alles mit Menschen anstellen kann. »Hunger ist der beste Koch«, solche Sätze fallen immer wieder, werden gesprochen und gesungen, fügen sich geschickt ein in den Spielablauf. Immer wieder einmal treffen die Protagonistinnen einen Vergleich zwischen einst und jetzt, zwischen der Geborgenheit in der Familie und der seelisch kalten Welt während der Flucht. Im Grunde ein kluges Verhalten: Man erinnert sich an das Gute und Schöne, lässt sich auf diese Weise nicht gleich völlig vereinnahmen vom Grauen.

»Wolfskinder« ist keine reale oder sich an das reale Leid annähern wollende Darstellung - ein Leid, das Abertausende Kinder und Jugendliche erfuhren, die einst aus Ostpreußen flüchteten, weil ihre Eltern getötet oder gefangen genommen wurden. Das Stück macht deutlich, wie es innen drin aussah in den Menschen, was sie dachten und fühlten, was sie sich erhofften und wie sie miteinander umgingen. So leicht und flüssig das Spiel auch wirken mag, es täuscht dabei nie über das Leid hinweg. Im Gegenteil, es macht viele psychologische Momente deutlich, es lässt, wenn man so will, die Seele der Betroffenen sprechen.

Fluchterfahrungen sind universell. Ob Menschen heute aus Syrien flüchten oder anno dazumal aus Ostpreußen: Die harte Erfahrung des Verlustes ist wohl bei allen ähnlich gelagert. Hinzu kommt das Gefühl der Hilflosigkeit: Menschen sind Wohlwollen und Unbill anderer einfach ausgeliefert. Was für ein Menschenbild hinterlässt das gerade bei Kindern und Jugendlichen, die urplötzlich alle Liebe missen, hart ums Überleben kämpfen und neue Orientierung finden müssen?

Was Verzweifeltsein bedeuten kann, auch das macht »Wolfskinder« deutlich. Insofern ist es ein höchst aktuelles Stück, das die Vergangenheit in die Gegenwart holt und die Gegenwart wieder bindet an eine Vergangenheit, aus der offenbar wenig gelernt wurde. Vertrieben zu werden aus der Heimat, ist eine qualvolle Erfahrung. Warum wiederholt sie sich immer wieder?

Es spielen Amélie Saadia, Angela Braun, Isabelle Klemt, Maja Lange, Ildiko Ludwig, Marine Madelin, Laura Esterina Pezzoli - und sie spielen fantastisch gut. Ob sie nun sprechen, singen oder tanzen, man schaut einfach gebannt hin. Frenetischer Applaus war der Dank.

Nächste Vorstellungen vom 1. bis 4., 8. bis 11., 16. bis 18., am 23. und 24. Februar, jeweils 20 Uhr, in der Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 131 - 133

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