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Aus der Platte in die Platte

Samuela Nickel (28) ist Volontärin und arbeitet derzeit im Resort Feuilleton

  • Von Maria Jordan
  • Lesedauer: 3 Min.

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Samuela Nickel
Samuela Nickel

Mit ernstem Blick sitzt sie in ihrer Küche, die das genaue Spiegelbild meiner eigenen Küche im Haus gegenüber ist. Ob wir hier sitzen oder da, macht fast keinen Unterschied. Unzählige Male saßen wir schon so zusammen, so oft sah ich dabei diesen ernsten Blick. Das erste Mal in der Uni, hier in Berlin. Wir waren in demselben Seminar über Journalismus und Migration. Danach kamen wir ins Gespräch über dieses Thema, das uns am Küchentisch noch oft begegnen sollte.

Nun habe ich die dankbare, aber auch schwierige Aufgabe, ein Porträt über eine Person zu schreiben, die nicht nur, wie in diesem Format üblich, eine Kollegin ist, sondern auch meine ehemalige Kommilitonin, meine Nachbarin, meine Freundin. Alles, was ich über sie weiß, habe ich nicht in einem geplanten Gespräch mit Zettel und Stift in der Hand erfahren. Sondern an ebendiesen vielen Abenden am Küchentisch.

Bei unseren ersten Treffen erzählte mir Samuela, dass sie in Ostberlin geboren und aufgewachsen sei. Drei Monate vor dem Mauerfall kam sie zur Welt und so gerade eben noch zu einer Geburtsurkunde der DDR. Sie lebte mit ihren Eltern, die Mutter aus Bulgarien, der Vater aus Deutschland, in einem Plattenbau in Friedrichsfelde. Obwohl die Mauer schon gefallen war - als Samuela beginnt, die Welt bewusst wahrzunehmen, ist ihr Umfeld noch durch die DDR geprägt. Sie fühlt sich als Ostberlinerin, nicht ohne Stolz.

Studiert hat Samuela Nickel schließlich im prototypischen Villen-Westberlin - Literaturwissenschaften an der Freien Universität in Dahlem. Schriftstellerin wollte sie werden, um Geschichten über echte Menschen zu schreiben. Über Menschen mit Migrationsgeschichte, sozial Benachteiligte, Frauen. Menschen wie sie selbst, deren Geschichten viel zu wenig gehört werden. Um jenen eine Stimme zu geben, die nicht aus privilegiertem Elternhaus kommen, ihre privilegierte Bildung genießen, um schließlich Bücher über und für ihresgleichen zu schreiben.

Das Bachelorstudium war für Samuela desillusionierend. Sie erkennt, dass der ganze Literatur- und Kunstbetrieb ein Elfenbeinturm ist, glaubt nicht mehr daran, dass durch Literatur reale Probleme gelöst werden können. »Das hat mich abgeschreckt«, sagt sie. »Ich war mir nicht mehr sicher, ob es der Weg ist, den ich gehen will.« Da ist er wieder, der ernste Blick.

Nach dem Bachelor macht sie deshalb ein Freiwilliges Soziales Jahr bei Amnesty International in Mexiko-Stadt. Ihr gefällt die Arbeit im Büro dort, sie spürt, dass sie damit etwas bewegen kann. »Literatur, das Schöne, die Kunst, all das ist wichtig. Aber wenn Probleme akut werden, hilft das alles nicht«, erkennt sie dort. Was folgt aus dieser Erkenntnis? Das Schreiben für immer an den Nagel hängen, Internationale Beziehungen studieren und bei einer NGO arbeiten?

Schnell merkt sie: Journalismus ist der Kompromiss zwischen Schreiben und wirklich etwas zu verändern, indem man Öffentlichkeit erzeugt. Statt selbst bei Amnesty zu arbeiten, will Samuela über die Kämpfe dieser Menschen schreiben, ihnen die Stimme im öffentlichen Raum geben, die sie sich inzwischen selbst erkämpft hat. Aus der nd-Platte am Franz-Mehring-Platz schreibt sie seit 2016 die Geschichten derer, die sonst nicht gehört werden.

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