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  • Tarifauseinandersetzung der IG Metall

Kurze Vollzeit braucht großen Konflikt

Arbeitsmarktforscher Steffen Lehndorff fordert den Fall der chinesischen Mauer zwischen Teil- und Vollzeit

  • Von Steffen Lehndorff
  • Lesedauer: 4 Min.

»Work-Life-Balance« ist trendy. Manche Unternehmen benutzen dieses Etikett mittlerweile, um vor allem unter jüngeren, hochqualifizierten Frauen als Arbeitgeber attraktiver zu werden. Aber wenn auf Branchenebene mehr Rechte der Beschäftigten bei der Gestaltung ihrer Arbeitszeit verankert werden sollen, erfordert dies offenbar einen größeren Konflikt.

Die Verschärfung der Tarifauseinandersetzung in der Metallindustrie zeigt, dass es hier um Grundsätzlicheres geht als um eine Zahl hinterm Komma. Denn von wenigen Ausnahmen abgesehen ist beim Thema Arbeitszeit seit den 1990ern die Initiative von den Gewerkschaften auf die Arbeitgeber übergegangen. Bei vielen Vollzeitbeschäftigten wurden tarifvertragliche Standards aufgeweicht oder sind gänzlich abhanden gekommen, und mit Flexibilität und Eigenverantwortung gehen häufig Arbeitszeitverlängerung, zeitliche Verfügbarkeit und zunehmender Stress einher. Viele Beschäftigte bezweifeln, dass sie unter solchen Bedingungen das gesetzliche Rentenalter gesund erreichen können.

Zugleich hat die Frauenerwerbstätigkeit (vor allem in Westdeutschland) rasant zugenommen, aber mehrheitlich in Form von Teilzeitarbeit – häufig auch als Minijob. Diese Einflugschneise in die Arbeitswelt entspricht vielfach weder dem Qualifikationsniveau noch den Arbeitszeitwünschen von Frauen. In Ostdeutschland ist vielen Frauen sogar eine Annäherung an die rückständigen West-Standards aufgezwungen worden. Teilzeit ist faktisch für viele Frauen eine berufliche und finanzielle Falle.

Durch den Teilzeitboom ist die durchschnittliche Arbeitszeit aller abhängig Beschäftigten seit den 1990er Jahren zwar zurückgegangen. Aber eben nur im Durchschnitt. In der Realität gibt es zwischen Teilzeit und Vollzeit weitgehend eine chinesische Mauer. Sie muss abgetragen werden, damit die Gewerkschaften in Fragen der Arbeitszeitpolitik wieder handlungsfähiger werden können.

Darauf zielt das Leitbild der »Kurzen Vollzeit« ab, das sich die IG Metall erstmals in einer Tarifrunde auf die Fahnen geschrieben hat. Es geht um das Recht von Vollzeitbeschäftigten, phasenweise oder auch längerfristig immer wieder je nach Lebenssituation kürzer zu arbeiten – bis hin zu 28 Wochenstunden. Also mit einer wöchentlichen Arbeitszeit jenseits der eingefahrenen Muster von Vollzeit und Teilzeit. Ebenso wichtig: In besonders belastenden Lebenssituationen oder Tätigkeiten (wie zum Beispiel Schichtarbeit) muss eine solche kurze Vollzeit durch Entgeltzuschüsse finanziell ermöglicht oder zumindest attraktiver gemacht werden.

Solche fließenden Übergänge und Variationen im Lebensverlauf würden eine Wechselwirkung fördern: Frauen hätten es leichter, länger zu arbeiten und ihrer Qualifikation entsprechend mehr zu verdienen als in der klassischen Teilzeit. Und Männer hätten mehr Anreize und Möglichkeiten, kürzer zu arbeiten und die gleiche Verantwortung wie Frauen für Kinder und Haushalt zu übernehmen. Erst wenn veränderbare Arbeitszeiten im Laufe eines Erwerbslebens zum Normalfall werden, wird sich auch im betrieblichen Alltag zeigen, dass kurze Vollzeit praktikabel ist.

Beim aktuellen Tarifkonflikt geht es um kleine Schritte auf diesem langen Weg. Wir sehen, wie schwierig es ist, einen Tarifvertrag zu erreichen, der die Tür dafür auch nur einen Spalt öffnet.

Wir sehen aber auch, wie schwer es für Gewerkschaften ist zu versuchen, Versäumnisse der Politik zu kompensieren. Manches wäre einfacher, wenn es das gesetzliche Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit bereits gäbe. Auch ein aus Steuermitteln finanzierter Entgeltzuschuss für gesellschaftspolitisch förderungswürdige Phasen mit kurzer Vollzeit über das Elterngeld-plus hinaus wäre hilfreich. Wirkungsvoll wird dies vor allem, wenn Hindernisse und teure Fehlanreize wie Minijobs und Ehegattensplitting abgebaut werden.

Nicht zuletzt muss massiv in die Ausweitung und Aufwertung von Kinderbetreuung und Altenpflege investiert werden. Und in die Schulen, die in die Lage versetzt werden müssen, Voraussetzungen zu schaffen für eine erfolgreiche Berufsbildung aller jungen Menschen. So bekommt eine moderne, gesellschaftspolitisch verantwortungsbewusste Tarifpolitik mehr Rückhalt. Es ist zu hoffen, dass von dem aktuellen Tarifkonflikt auch solche politischen Impulse ausgehen.

Steffen Lehndorff ist Arbeitsmarktforscher und am Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg tätig. Er pro­mo­vierte Ende der 1970er Jahre über Gewerkschaften und Tarifpolitik.

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