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Menschenversuche auf den Straßen

Der große Tier- und Menschenversuch mit Dieselabgasen findet auf unseren Straßen statt, meint Manfred Kriener

  • Von Manfred Kriener
  • Lesedauer: 3 Min.

Der seit drei Jahren mit Mini-Eruptionen vor sich hin rußende Dieselskandal ist seit dieser Woche noch einmal zum großen Aufreger geworden. Auch ausländische Zeitungen berichten auf den Titelseiten. Zehn süße Affen und 25 freiwillige Testpersonen wurden über Stunden im Auftrag der deutschen Automobilindustrie mit niedrigen Konzentrationen von Stickoxiden begast. Mit den Versuchen wollte man die Harmlosigkeit der Dieselabgase beweisen und sie mit einem wissenschaftlichen Mäntelchen reinwaschen. Vor allem die armen Affen scheinen das Herz aller tierliebenden Deutschen zu erweichen. Das Thema kocht hoch. Selbst die sonst dickhäutige Kanzlerin ist alarmiert und schickt ihren Regierungssprecher los, um ihrer Empörung Luft zu verschaffen.

Es ist schon grotesk, was in diesem Land den Blutdruck in Wallung bringt und was nicht. Denn der eigentliche große Menschenversuch - auch Hund und Katz sind betroffen - findet ganzjährig auf unseren Straßen statt. Die Bewohner des Stuttgarter Talkessels oder die Anwohner vieler Berliner Hauptverkehrsstraßen sind die eigentlichen Versuchskaninchen. Dort und in tausenden anderen Städten sind die täglich gemessenen Konzentrationen an Feinstaub und Stickoxiden ungleich gefährlicher als im Versuchslabor. Sie übersteigen mit fast naturgesetzlicher Konstanz die erlaubten Werte. Und während die Affen und die freiwilligen Testpersonen den Abgastest bei guter Gesundheit überlebt haben, stirbt in unseren Städten eine beängstigend hohe Zahl von Bewohnern wegen der Luftverschmutzung. Der aktuelle Bericht »Airquality in Europe - 2017« der europäischen Umweltagentur nennt die Zahl von 399.000 vorzeitigen Todesfällen jährlich in der EU 28. In Deutschland liegt die Zahl bei 12.000 Toten.

Der Zufall will es, dass der Affen- und Menschentest und der eigentliche Luftverschmutzungsskandal zeitgleich neue Nachrichten produzieren. So hat das Münchner Verwaltungsgericht gerade die bayerische Luftreinhaltepolitik massiv attackiert: »Blabla«, »Alibiplanungen«, »Larifari«. Das Gericht verordnete ein Zwangsgeld und stellte in Aussicht, die verantwortliche bayerische Umweltministerin bei weiterer Ignoranz ins Gefängnis zu stecken. Nun musste Bundesumweltministerin Barbara Hendricks in Brüssel antanzen, um dort kräftig abgewatscht zu werden. Deutschland verstößt seit Jahren gegen die Vorschriften und Grenzwerte der Luftreinhaltung und nimmt damit viele Todesfälle billigend in Kauf.

Am 22. Februar wird dann noch das Bundesverwaltungsgericht sein Urteil zu Fahrverboten für Diesel sprechen. Sie scheinen unausweichlich. Genau diese Fahrverbote werden aber von der Autoindustrie und Politik zum Einsturz der Mauer von Jericho hochgejazzt. Was, bitteschön, ist so schlimm, wenn ein Autofahrer fünfmal im Jahr seinen Diesel in der Garage stehen lässt und sich in einen Omnibus setzt? In Mailand gab es wiederholt mehrtägige Fahrverbote für Diesel, die es kaum in die Kurzmeldungsspalten der Tageszeitungen geschafft haben. Schulterzucken in Italien, Weltuntergang in Deutschland.

In den Verhandlungen für eine Große Koalition spielen der Dieselskandal und die Verkehrspolitik nur eine Nebenrolle. Die anachronistischen Subventionen für Dieselfahrzeuge bleiben sakrosankt, ein entschlossenes Umsteuern zugunsten umweltfreundlicher Verkehrsmittel ist nicht in Sicht. Immerhin: Der Verkauf von Dieselfahrzeugen in Deutschland geht zum Glück weiter dramatisch zurück. Nur noch 22 Prozent der privaten Neuwagenkäufer ordern einen Selbstzünder. Die aktuellen Rückrufaktionen von weiteren Dieselfahrzeugen mit Betrugssoftware und die kommenden Fahrverbote beschleunigen den Trend.

So könnten die Abgastests der zehn Makakenäffchen doch noch eine positive Wirkung zeitigen. Sie richten die Antennen auf die Umweltverbrechen der Automobilindustrie. Und sie machen womöglich den echten Skandal wieder zum Skandal. Dafür darf man den Tieren dankbar sein. Die Aufregung der Politik um die Tier- und Menschenversuche wird aller Voraussicht nach konsequenzlos bleiben. Aber die Gerichte und Umweltverbände, die Dieselverweigerer unter den Autofahrern und die gesellschaftliche Restvernunft sehen sich bestätigt und motiviert. Der Druck auf die Automobilindustrie wächst. Deren Vorstände wären übrigens ideal geeignet, um - statt der Affen! - im Versuchslabor eine zarte Dosis Stickoxide wegzuatmen.

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