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Die Berühmte und ihr Schatten

Elena Ferrante erzählt weiter über die beiden Freundinnen, von denen eine am Ende verschwindet

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 5 Min.

Von der ersten bis zur letzten Seite das reinste Erzählvergnügen«, lobte der Verleger. »Schnell bemerkte ich, dass er meinen Text als eine Art Autobiographie gelesen hatte, als meine in Romanform verarbeiteten Erfahrungen mit dem ärmsten und brutalsten Neapel … Ich sagte ihm nicht, dass dieses Buch Jahre zuvor in Florenz geschrieben worden war …« Dass von Elena Ferrantes Roman die Rede sei, könnte man meinen, doch handelt es sich um den von Elena Greco im Buch. Hat sich die eine Elena in der anderen gespiegelt, indem sie ihre Kindheit in Armut, ihren Kampf um Bildung und Liebe, ihren Weg in die Literatur beschrieb? Versteckte sie sich hinter einem Pseudonym, weil alles so authentisch war? Wenn man ständig überlegt, wer sich im Buch wiedererkennen könnte, kommt Zögerlichkeit ins Schreiben. Ja, mancher Text ist aus solcher Sorge vielleicht gar nicht erst entstanden.

Der letzte Band der »Neapolitanischen Saga« verknüpft sich mit dem Beginn des ersten, als Elena erfährt, dass ihre Freundin Lila spurlos verschwunden ist. Auf welche Weise und warum? Was hat es mit der »Geschichte des verlorenen Kindes« auf sich? Die Spannung mag bleiben. Denn auch dieser Roman liest sich eingängig und packend, weil die Charaktere so lebendig beschrieben sind, dass man an ihnen mitmenschliches Interesse hat. Man will wissen, wie es ihnen ergeht. Und wieder im Mittelpunkt: das Auf und Ab zweier Lebenswege. Zwei Frauen, unzertrennlich seit Kindertagen - auch wenn sie sich später mitunter aus den Augen verlieren, einander entfremdet werden, entzweit; Die Bindung bleibt.

Lila ist Elenas »geniale Freundin«, furchtloser, ungestümer als sie, begabter vielleicht sogar. Doch ihre Eltern haben ihr keine weitere Schulbildung ermöglichen können und wollen. Elena indes durfte studieren. Damit waren Weichen gestellt. Auch wenn Lila sich mit ihren Begabungen immer wieder aus schwieriger Lage befreit hat, es sogar bis zur Besitzerin einer Software-Firma brachte - letztlich ist sie nicht aus dem Rione, diesem armen Viertel von Neapel, herausgekommen, während Elena als Schriftstellerin durch die Welt reiste.

»Ich werde dieses Drecksloch verlassen«, hatte Elena sich im zweiten Band geschworen und war tatsächlich so frei vom Rione geworden, dass sie nach Belieben dorthin zurückkehren konnte. Sie hatte Verbindungen zu klugen Leuten aufgebaut, linken Intellektuellen. Mitunter jedoch fühlte sie sich wie ihr Maskottchen aus einer anderen Welt. Eine einprägsame Szene gibt es, als sich ihre links eingestellten Professoren-Schwiegereltern abfällig über Nino Sarratore äußern, der auch aus dem Rione stammt und als junger Mann schon Professor ist. Ein »kluger Kopf« sei er, aber »ohne Traditionen, ihm liegt mehr daran, denen zu gefallen, die den Ton angeben, als für eine Idee zu kämpfen, er wird ein sehr willfähriger Experte werden«. Und auch sie sei in diesem Sinne unzuverlässig, denn »für einen, der niemand ist, gibt es nichts Wichtigeres als jemand zu werden«. Eine Einschätzung, die nicht nur daher kommt, dass Elena wegen Nino ihren Mann verließ.

Nicht nur, dass diese Arrivierten sie nicht als ebenbürtig betrachten, sie halten sie für korrumpierbar, weil sie um all das kämpfen muss, was sie selber wie selbstverständlich besitzen. Das kann Elena nicht leichten Herzens von sich weisen. Ging es ihr bei allen Bemühungen nicht hauptsächlich um sich selbst? War ihr politisches Engagement denn uneigennützig, wollte sie damit nicht vor allem Aufmerksamkeit auf sich lenken? Aber haben die jugendlichen Radikalen, die sie kennenlernt, nicht auch deshalb leicht kämpfen, weil sie wohlhabende, einflussreiche Eltern hinter sich wissen, die ihnen zur Not aus Schwierigkeiten heraushelfen könnten? Ständig von Skrupeln geplagt ist Elena: ob ihre Texte wirklich gut sind und wem sie nützen, ob sie sich als Frau verwirklicht, als Mutter, ob es richtig war, sich von ihrem Mann Pietro zu trennen, ob ihr Liebhaber Nino sie nur ausnutzt. Und im Hintergrund die ganze Zeit Lila, die schon in den vorigen Romanen die Freundin und die Leser mit ihrem Scharfsinn zu treffen wusste.

Da wird in linksintellektuellen Kreisen vom »Untergang des revolutionären Subjekts« gesprochen, von der »Aufweichung des revolutionären Erbes von Sozialisten und Kommunisten, die dadurch, dass sie sich täglich die Rolle als Handlanger des Kapitals streitig machen, längst degeneriert« seien. Das »Ende jeder Theorie der Veränderung« wird prophezeit. An Elenas Seite verstehen wir: Diese Leute können sich die Köpfe heißreden wie sie wollen, mit Lilas Leben hat das kaum zu tun. »Wir alle hatten uns untergeordnet, und diese Unterordnung hatte uns - durch Prüfungen, Niederlagen, Erfolge - zurechtgestutzt. Nur Lila schien durch nichts und niemanden zurechtgestutzt zu werden … Lila war der Plebs, der Pöbel, lehnte aber jede Erlösung ab.«

Ist das Autobiographische dieser vier Romane vielleicht insofern nur Schein, dass es einen künstlerischen Einfall gab, der Wirklichkeit verfremdete? Sind Elena und Lila nicht deshalb unzertrennlich, weil die eine der anderen Schatten ist? Das Dilemma sozialen Aufstiegs: krampfhaftes Ringen um Akzeptanz im Milieu der kulturellen Elite, Anpassung, Verrat an der eigenen Herkunft oder das nagende Gefühl von Schuld, Menschen im Elend zurückgelassen zu haben. Was andere verdrängen, Elena weiß es: »In der unteren Welt ist die Hölle.« Das kann »eine Gewalt freisetzen, die bis in unsere Städte und in unsere Gewohnheiten gelangt«. Dagegen die Anmaßung der Literaten: »Man arbeitet, als wäre man mit einem Amt betraut worden, aber eigentlich hat uns niemand je mit irgendetwas betraut, wir selbst haben uns ermächtigt, Autoren zu sein.« Den Zweifel kann ihr niemand nehmen.

Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes. Band 4 der Neapolitanischen Saga. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp, 614 S., geb., 25 €.

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